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RKH GesundheitHerr Martin und seine Ideen für die Pflege

RKH-Geschäftsführer Jörg Martin hat eine genaue Vorstellung davon, wie die Pflege in den acht Kliniken des Verbundes künftig aussehen soll. Der Umbau läuft. Dafür kooperiert die RKH mit einer österreichischen Privatuni – und hat jetzt einen neuen Studiengang mitentwickelt.

Prof. Jörg Martin
RKH Gesundheit

Prof. Jörg Martin ist Geschäftsführer der Regionalen Kliniken Holding RKH.

RKH Gesundheit Lehrkrankenhaus Pflege
Benjamin Stollenberg/RKH Gesundheit

Alle RKH Kliniken sind von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) zu Lehrkrankenhäusern für Pflegewissenschaft ernannt worden.

Prof. Dr. Jörg Martin setzt große Hoffnungen in Katrin Bangha und Rebecca Keller. Die beiden Pflegekräfte sind frisch gebackene Absolventinnen des Bachelorstudiengangs „Pflegewissenschaft Online“ der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Salzburg. Und sie sollen dem Geschäftsführer der Regionalen Kliniken Holding (RKH) in Ludwigsburg helfen, seine Ideen, wie die Pflege in den acht RKH Krankenhäusern künftig aussehen soll, zu verwirklichen.

Martin, dessen Vertrag mit dem größten kommunalen Klinikverbund Baden-Württembergs erst kürzlich verlängert wurde, hat einiges vor. Er will die Pflege neu denken, sagt er, sie transformieren – so wie er momentan das gesamte Unternehmen einer Transformation unterzieht. Martin will die Pflege professionalisieren und akademisieren und sie gleichzeitig am Bett halten. Künftig sollen studierte und ausgebildete Fachkräfte mit Ärzten und Therapeuten gemischte Teams bilden, die gemeinsam die Patienten versorgen.

Musterstationen sollen helfen, die Ideen zu verbreiten

Erste Musterstationen seien bereits gebildet worden, sagt Martin. Durch sie soll sich der Ansatz im Unternehmen verbreiten. Gleiches erhofft er sich von Katrin Bangha und Rebecca Keller. Ihr Beispiel soll Schule machen, andere motivieren, zeigen, dass es geht. Bangha hat ihr Studium im Juli abgeschlossen, und sich fest vorgenommen, ihre wissenschaftliche Expertise im Klinikalltag einzubringen.

Sie arbeitet auf der Palliativstation der Klinik für Innere Medizin in der Rechberg Klinik Bretten und widmet sich jetzt unter anderem dem Thema Mangelernährung. Mit neuen Screening-Instrumenten könnten die komplexen Symptome frühzeitig erkannt und schneller entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden, sagt sie. Ihr neues Wissen soll dabei helfen. Außerdem will sie mit dafür sorgen, dass neben den Patienten auch An- und Zugehörige künftig noch intensiver begleitet werden.

 

Die Absolventen bringen Ideen ins Unternehmen, die wir tatsächlich umsetzen.

 

Rebecca Keller hat neben ihrer Kliniktätigkeit zweieinhalb Jahre an der PMU studiert. Mit „flexibler Einteilung und individuellem Tempo“, betont sie. In ihrer Bachelorarbeit stand das Thema Delir im Fokus, und es beschäftigt sie nun auch auf ihrer Station in der Klinik für Innere Medizin in der Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal. Dort bietet Keller jetzt unter anderem Delir-Management-Fortbildungen für Kolleginnen und Kollegen an.

Genau so hat Jörg Martin sich das vorgestellt. „Die Absolventen bringen Ideen ins Unternehmen, die wir tatsächlich umsetzen“, sagt er. Dafür kooperieren die RKH seit Mai 2019 mit der PMU in Salzburg. Die Pflegenden aller RKH Kliniken sollen sich akademisch qualifizieren können – vom Bachelorabschluss bis zu spezifischen und klinisch basierten Master- und Doktoratsstudiengängen. Als Teil der Kooperation hat die PMU die RKH Kliniken als Lehrkrankenhäuser für Pflegewissenschaft anerkannt – darauf sind sie in Ludwigsburg besonders stolz.

 

Wir bilden keine ‚Bett-Flüchtigen‘ aus.

 

Aktuell sind 43 Studierende aus RKH-Häusern in Salzburg eingeschrieben, sagt Prof. Dr. Jürgen Osterbrink, Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft und -praxis an der PMU. Sieben von ihnen machen in diesem Herbst ihren Abschluss. Katrin Bangha und Rebecca Keller waren die ersten Absolventinnen der RKH.

Osterbrink ist es wichtig, keine „Bett-Flüchtigen“ auszubilden, wie er betont. Praxisrelevante Studieninhalte und die Idee des akademischen Lehrkrankenhauses Pflege sollen der bisherigen Tendenz in der Pflegeakademisierung entgegenwirken, sich mit einem Studium „vom Bett weg“ zu qualifizieren.

Viel Entwicklungspotenzial

Grundsätzlich, so Osterbrink, gebe es da noch viel Entwicklungspotenzial. Während der Wissenschaftsrat schon 2012 eine 20-Prozent-Quote für akademisches Personal gefordert habe, seien beispielsweise in den deutschen Unikliniken im Jahr 2018 lediglich 3,16 Prozent des pflegerischen Personals hochschulisch qualifiziert gewesen. „Und davon waren nur 2,1 Prozent in der direkten Patientenversorgung tätig“, sagt Osterbrink.

RKH-Geschäftsführer Martin lässt sich die Kooperation mit den Österreichern einiges kosten. Für die Studiengebühren der momentan 43 Studierenden zahlt sein Unternehmen rund 130 000 Euro pro Jahr. Hinzu kommen interne Kosten in Höhe von rund 70 000 Euro pro Jahr für die zweiwöchigen Ausfallzeiten wegen des Präsenzstudiums und die Reisekosten – insgesamt rund 200 000 Euro jährlich für die Akademisierung der Pflege. Auch Gehaltswechsel für die Absolventen seien einkalkuliert, betont der Geschäftsführer: „Wir investieren in die Zukunft.“

Keine Zwei-Klassen-Gesellschaft

Allerdings dürfe unter den Pflegenden jetzt keine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehen. Niemand dürfe dieses Gefühl haben, sagt Martin: „Das braucht Fingerspitzengefühl – und ist eine unserer großen Aufgaben.“ Unter anderem dafür wurde ein neues Referat Pflegeentwicklung eingeführt, das auch für erste „Minuten-Fortbildungen“ verantwortlich zeichnet. Durch Plakate, die zum Beispiel in Aufzügen und auf den Toiletten hängen, sollen sich die Mitarbeitenden mit wichtigen Themen beschäftigen. Aktuell geht es wie bei Rebecca Keller um Delir – „ein großes, aber oft unterschätztes Thema, das viele Patienten betrifft“, sagt Martin.

Dass die PMU-Kooperation Früchte trägt, merkt auch Dr. Tilmann Müller-Wolff. Er koordiniert das Projekt und leitet die RKH Akademie, den internen Bildungsdienstleister der RKH. „Wir verzeichnen seit 2019 eine jährlich steigende Zahl an Interessenten aus der Pflege für das berufsbegleitende Studium“, sagt er. Viele studierten bereits ausbildungsbegleitend, aber auch für ausgebildete Pflegekräfte gebe es Möglichkeiten.

Ziel: Mehr Bewerber für die 650 Ausbildungsplätze

Das Angebot könne zudem die Attraktivität der Pflegeberufe insgesamt steigern und damit langfristig den Fachkräftemangel lindern, ist Dirk Geissler, Direktor für Pflege und Prozessmanagement der RKH Enzkreis-Kliniken, überzeugt: „Die Kompetenzerweiterung der Pflegenden durch die Studiengänge ist eine wertvolle Ergänzung zur Pflegeausbildung und den Weiterbildungen“, sagt er. Wenn es gut läuft, bekommt sein Kollege Müller-Wolff dann auch noch mehr Bewerber für die insgesamt 650 Ausbildungsplätze in den zwei Schulen für Pflegeberufe des Klinikverbunds in Bretten und Ludwigsburg – und dann hat auch Jörg Martin ein wichtiges Ziel erreicht.

Mittlerweile hat das neueste Projekt der PMU-Kooperation Gestalt angenommen. Gemeinsam haben die RKH und die österreichische Privatuniversität den Bachelorstudiengang „Pflege impact“ für Pflegeauszubildende entwickelt. Seit kurzem ist er akkreditiert, im Oktober 2022 starten die ersten Studierenden.

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