Georg Thieme Verlag KGGeorg Thieme Verlag KG
Georg Thieme Verlag KGGeorg Thieme Verlag KG

... Fortsetzung des Artikels

Club der GesundheitswirtschaftUniklinik Halle gewinnt cdgw-Zukunftspreis 2021

Dank der Tatsache, dass die klinische elektronische Patientenakte des UKH auch eine Übersicht über alle Diagnosen, Herz-Kreislaufparameter, aktuellen Labordaten und diagnostischen Befunde jedes Patienten liefert, kann Dr. Ursula Wolf die gesamte Medikationsliste individuell prüfen – um sie anschließend anhand der Fachinformationen und dank ihrer Expertise auf mögliche Wechselwirkungen zu analysieren und in Zusammenarbeit mit den Stationsärzten und Oberärzten zu optimieren. Die Fachärztin mit Zusatzausbildung der klinischen Pharmakologie hat das Projekt bereits 2011 in der Alterstraumatologie des UKH begonnen, konnte es 2015 auf die interdisziplinären Intensivstationen ausweiten und hat mittlerweile Erfahrungen aus mehr als 38000 Medikations-Einzelanalysen gesammelt. „Etwa sind der Ernährungszustand und das Medikamenten-Eliminationsvermögen eines Patienten im Alter oft anders als bei Patienten, an denen die Medikamente getestet und an denen die Dosierungen festgelegt werden. Diese Dosierung weicht aber für alte Patienten nicht von den Dosierungen jener jüngeren Patientengruppen ab. Und das ist das Alarmierende.“

Enorme Kostenreduktion von Arzneimittel

Das IPM adressiert laut Dr. Wolf mit der Prävention, der Arzneimitteltherapiesicherheit, der Patientensicherheit, der Digitalisierung, der elektronischer Patientenakte, dem interdisziplinären Netzwerken und nicht zuletzt der Gesundheitsökonomie weltweit die dringlichsten Anforderungen im Gesundheitswesen. Die Ergebnisse sprechen für sich: So führte das IPM-Projekt in der Alterstraumatologie am UKH bereits zur Reduktion des Delirs um 90,2 Prozent und zu 83 Prozent weniger Sturzereignisse. Auf den Intensivstationen ist von 2015 bis zum Jahr 2018 ein Rückgang schwergradiger Krankheitsverläufe wie Multiorganversagen oder Lungenversagen und eine Reduktion der Krankenhausinfektionen zu verzeichnen. Auch für die Uniklinik rechnet sich das, seit Projektbeginn verzeichnet das UKH auf den Intensivstationen einen Anstieg der Belegungs-Fallzahlen um 25 Prozent – bei verkürzter Liegedauer. Zudem sind die Arzneimittelausgaben auf beiden Intensivstationen um 28 Prozent gesunken. „Der Benefit der Patienten und des Gesundheitssystems ist hier noch nicht mitbewertet“, ergänzt Dr. Ursula Wolf.

Um in Zukunft das Problem der risikoreichen Medikamenten-Cocktails besser in den Griff zu bekommen, fordert die Expertin eine aktivere Rolle von Staat und Krankenkassen. „Ich sehe mich hier auch als Anwältin der alten Patienten, die oft selbst nicht mehr für sich eintreten können. Es muss für Ärzte eine Zusatzausbildungsmöglichkeit zum Arzneimitteltherapiesicherheitsbeauftragten geschaffen werden. Angesichts der Zunahme multiresistenter Erreger hat man staatlich verankerte Hygienebeauftragte im Krankenhaus vorgeschrieben. Genau so muss der Staat auch bei der Arzneimitteltherapiesicherheit handeln. Leider wird dort noch nicht gesehen, dass es brennt, es ist hier aber längst nicht mehr fünf vor zwölf, sondern bereits 20 nach zwölf“, warnt Dr. Ursula Wolf.

Sortierung
  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Jetzt einloggen