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Interview mit Hauke Heissmeyer

Wie funktioniert der Einkauf in einer orthopädischen Fachklinik?

Hauke Heißmeyer, der kaufmännische Geschäftsführer der Orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim in Frankfurt am Main erklärt, wie der Einkauf in einer orthopädischen Fachklinik mit den Schwerpunkten Endoprothetik und Wirbelsäulenchirurgie funktioniert.

Hauke Heißmeyer

privat

Hauke Heißmeyer

Wer entscheidet in Ihrer Klinik darüber, welche Endoprothesen zum Einsatz kommen? Ihre Einkaufsabteilung oder die ärztliche Leitung?

Wir haben dazu klare Abstimmungen zwischen Einkauf und der ärztlichen Leitung. Und da es hier um eine Frage der Behandlungsqualität geht, trägt bei uns der ärztliche Bereich die abschließende Entscheidung darüber, welches Produkt gekauft wird. Grundsätzlich ist es eine Zusammenarbeit vom kaufmännischen und medizinischen Bereich, um eine hohe medizinische Qualität unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sicherzustellen. Die Auswahl des Produktportfolios und die dazugehörenden Preisverhandlungen finden also in enger Abstimmung statt.

Auswahl eines Produktportfolios?

Ja. Das ist nötig, damit wir durch die Bündelung bessere Einkaufskonditionen verhandeln können. Die Konzentration auf ein begrenztes Produktportfolio ist darüber hinaus aber auch aus medizinisch-handwerklicher Sicht sinnvoll. Für ein kleines Krankenhaus wie unseres sind diese Prozesse schwieriger als für einen Großkonzern, da wir natürlich nicht die Behandlungszahlen erreichen wie größere Verbünde, die dadurch eine bessere Ausgangsposition durch Mengenbündelung erreichen. Aber auch wir müssen im Rahmen des medizinisch Sinnvollen bezüglich der Produktauswahl standardisieren.

Ihr Haus ist aber doch ein Zentrum für Endoprothetik, wie oft finden Implantationen von Endoprothesen in etwa statt?

Bei uns werden jährlich ca. 600 Endoprothesen implantiert.

Wie kaufen Sie die ein?

Wir sind Mitglied einer Einkaufsgemeinschaft, über die wir einkaufen. Dabei nutzen wir deren Expertise und den Marktüberblick, um gemeinsam mit der Einkaufsgemeinschaft mit der Industrie die Konditionen für unser Haus zu verhandeln. Dabei wollen wir uns auf Produkte weniger Hersteller konzentrieren. Allerdings haben wir am Ende immer Produkte mehrerer Hersteller im Haus, da wir natürlich für Besonderheiten in der individuellen Patientenversorgung, beispielsweise im stetig wachsenden Bereich der Revisionsendoprothetik, vorbereitet sein müssen.

Wie oft wechseln Sie aus Preisgründen Modelle oder gar Hersteller?

Nur nach gründlicher Überlegung. Medizinische Gründe sprechen klar dagegen, dass der Einkauf im Krankenhaus in kurzen Zyklen die Produkte wechselt. Man muss sich gerade bei einem Produkt wie Implantaten sehr gründlich überlegen, wann und unter welchen Bedingungen ein solcher Wechsel Sinn macht. Die meisten unserer Verträge laufen daher über mehrere Jahre.

Und am Ende bestellen Sie das, was Ihre Ärzte möchten? Es gibt Kritiker, die sagen, der Einkauf hätte in vielen Kliniken nur eine rein ausführende Funktion, keine Entscheidungsmacht. Und das sei ganz und gar nicht gut, dadurch mangele es an Professionalität. Es fehle zu oft jemand, der sich auch mal um die Kosten kümmert …

Ich bin der Ansicht, dass es Aufgabe des Einkaufs sein muss, sich um die Preisverhandlungen zu kümmern. Wir nutzen dabei die Professionalität unserer Einkaufsgemeinschaft. Grundlage ist und bleibt die medizinische Entscheidung. Ärztliche und kaufmännische Entscheidungsträger müssen eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Wir verfolgen ein gemeinsames Ziel: bestmögliche Patientenversorgung zu wirtschaftlichen Konditionen im Rahmen des bestehenden Finanzierungssystems.

Manche Firmen behaupten, gerade in Unikliniken sei der Einkauf unprofessionell, hätte keine Übersicht zum Marktgeschehen, würde noch nicht einmal Preise kennen. Was sagen Sie dazu?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich spreche für die Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim und kann Ihnen versichern, dass wir den Markt gut beobachten. Zuvor habe ich in einem regionalen Krankenhauskonzern gearbeitet. Auch dort war man Mitglied eines Einkaufsverbundes, außerdem gab es eine Beschaffungskommission, in welcher die Nutzer – der Ärztliche Dienst, der Pflegedienst etc. – Produkte unter wirtschaftlichen, hygienischen und medizinischen Gesichtspunkten getestet haben, um dann gemeinsam eine klare Entscheidung unter Kosten-Nutzen-Aspekten treffen zu können. Ich gehe davon aus, dass heute so gut wie alle Kliniken solche oder ähnliche Strukturen vorhalten, um den Einkauf unter Beachtung der medizinisch-pflegerischen Qualitätsstandards zu optimieren.

Sie haben also auch bei Endoprothesen die Marktübersicht? Oder macht das Ihre Einkaufsgemeinschaft und verlassen Sie sich auf deren Einschätzung und Informationen?

Dieses Know-how bietet uns in der Tat zum Teil die Einkaufsgemeinschaft. Auch dann bleibt uns allerdings, wie allen kleineren Häusern, das Problem, dass wir die günstigen Preise von großen Verbünden, die mit einer anderen Marktmacht auftreten, manchmal nur schwer erreichen können.

Warum? Sind Sie nicht gerade dafür in einer Einkaufsgemeinschaft, die Bestellungen aus allen angeschlossenen Kliniken bündelt und dann mit dieser Marktmacht zusammen für alle einen guten Preis verhandeln kann?

Nicht ganz. Der Vertrag wird zwischen Klinik und Hersteller geschlossen. Deshalb hat die Abnahmemenge immer eine Bedeutung bei der Preisfindung. Hier verhält sich der Markt nicht anders, als Sie das aus anderen Wirtschaftszweigen kennen. Auf der anderen Seite ist die Vergütung der Sachkosten, also auch der Implantate, über die Fallpauschalen (DRGs) bundesweit einheitlich geregelt – insofern hat die Preisverhandlung für uns eine große Bedeutung, da die Erlöse für uns Krankenhäuser gesetzlich geregelt sind.

Wie sieht es auf der Einnahmenseite aus? Der größte Teil an Einnahmen wird auch bei Ihnen über die Fallpauschalen nach DRG-System kommen. Machen Ihnen da Schwankungen durch jährlich neu angepasste Erlöse bei den Fallpauschalen Stress oder ist das alles für Sie kalkulierbar?

Wenn es zu Einnahmeverlusten bei orthopädischen Fallpauschalen kommt, trifft das natürlich ein Haus wie unseres mit dem Schwerpunkt Orthopädie besonders. Uns fehlen dann andere Fachdisziplinen, mit denen man unter Umständen den Einnahmeverlust kompensieren könnte. So sind in den vergangenen Jahren die sachkostenintensiven DRGs – dazu zählen insbesondere orthopädische Leistungen wie z. B. Endoprothesenimplantationen und komplexe Wirbelsäulenoperationen – systematisch abgewertet und im Erlös abgesenkt worden. Im Gegenzug erfuhren personalintensive Bereiche, beispielsweise in der Inneren Medizin, eine Aufwertung. Wie alle Kliniken müssen wir intensiv prüfen, wie wir auf diese Entwicklung reagieren können. In der Praxis kann das dazu führen, dass mit der Industrie intensive Gespräche über die vertraglichen Konditionen geführt werden müssen.

Sie werden die Preise neu verhandeln, um zu sparen?

Ja. Wir sind gezwungen, den Druck, welchen der Gesetzgeber durch die Absenkung der entsprechenden DRGs auf uns ausübt, auch an die Industrie weiterzugeben. Wir können nicht zulasten der direkten Betreuung am Patienten durch ärztliches und pflegerisches Personal unbegrenzt Kosteneinsparungen vornehmen. Wir sind hier auf die gute Zusammenarbeit mit unseren Partnern in der Industrie angewiesen.

Vielleicht sagt die Industrie dann aber: „ich senke meine Preise nicht“?

Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Es gibt eine Reihe renommierter Unternehmen, die qualitativ sehr gute Produkte anbieten. Gleichzeitig ist es unser Interesse, mit bewährten Partnern auch langfristig zusammenzuarbeiten. Im Rahmen intensiver Gespräche, in denen alle Seiten bemüht sind, gute Lösungen zu finden, entstehen Vereinbarungen, die allen ein wirtschaftliches Überleben unter schwieriger werdenden Rahmenbedingungen ermöglichen. Am Ende haben alle Beteiligten ein Interesse, eine Einigung zu erzielen, die für beide Seiten von Vorteil ist. Selbstverständlich kann das auch dazu führen, dass man sich über neue Vertragspartnerschaften unterhält. So funktioniert Markt – nicht nur, aber eben auch im Krankenhaus. Wobei ich betonen möchte, dass wir immer auf die Qualität achten werden, wir werden nicht zulasten einer hochwertigen Versorgung sparen.

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