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Klimaneutralität bis 2040Wie machen Sie Helios nachhaltiger, Frau von der Schulenburg?

Alle Beschäftigten sollen gemeinsam das Thema angehen

Die neue Kampagne „Patientin: Erde“, die sie mit angestoßen hat, greift das jetzt auf. Die Kampagne erklärt die Helios-Klimaziele und ruft die mehr als 75 000 Beschäftigten auf, sich zuhause und am Arbeitsplatz umweltbewusst zu verhalten: Was wäre, wenn alle Helios-Mitarbeitenden vier Dinge in ihrem Leben verändern würden, wird da gefragt und mit konkreten Zahlen berechnet. Zum Beispiel, wenn sie jeden dritten Tag vegetarisch lebten. „Es würde viel bewegen.“ In der ersten Aktion geht es noch bis Ende September darum, das Auto stehen zu lassen: Mitmachen, Selfie aufnehmen und in den sozialen Netzwerken verbreiten – so haben sie sich das gedacht.

Für von der Schulenburg ist die Kampagne ein Baustein, um bis Ende des Jahres wieder eine Trendumkehr zu schaffen. 2021 ist der Energieverbrauch der Helios Kliniken gestiegen – vor allem wegen der Hygieneanforderungen durch die Corona-Pandemie, weshalb etwa die Lüftungsanlagen durchgehend auf Volllast liefen. Jetzt sollen alle gemeinsam das Thema angehen. Als Anreiz vergibt der Konzern künftig jährlich den Helios Green Award an die Einrichtung, die es schafft, am meisten CO2 einzusparen. Zudem soll in die Renaturierung stillgelegter Moorflächen investiert werden – das „Helios Moor“, das von der Schulenburg besonders am Herzen liegt: „Stillgelegte Flächen werden wieder bewässert, um ihren CO2-Ausstoß zu stoppen und sie wieder in ein intaktes Ökosystem mit hoher CO2-Bindung umzuwandeln.“

Robert Möller: Helios soll ein Umdenken anstoßen

In Helios-Chef Robert Möller, der wie von der Schulenburg drei Kinder hat, hat die Nachhaltigkeitsmanagerin einen gewichtigen Unterstützer. Möller, Jahrgang 1967, hat das Energie- und Umwelt-Thema höchstselbst in den Fokus gerückt. Seit diesem Jahr bezieht Helios ausschließlich zertifizierten Grünstrom und will unter anderem in Photovoltaikanlagen investieren. Gleichzeitig, so Möller, gelte es, den Verbrauch zu senken, zum Beispiel durch neue Lüftungstechnik und Monitoring-Systeme zur Kälteregulierung in den Kliniken.

Die Zahlen liegen auf dem Tisch.

In Sachen Nachhaltigkeit, so erklärte Möller Mitte des Jahres, solle das Unternehmen zum Taktgeber im deutschen Gesundheitswesen werden und ein Umdenken anstoßen. Umgehend, appellierte er an alle Helios-Beschäftigten, müsse gemeinsam mit der Therapie für die „Patientin: Erde“ begonnen werden. Welches Budget der Konzern dafür insgesamt ausgibt, ist noch nicht klar. Von der Schulenburg jedenfalls hat ihre Hausaufgaben gemacht. Alles sei durchgerechnet, sagt sie, jeder einzelne Kostenfaktor, jede Maßnahme, für jedes Haus. „Die Zahlen liegen auf dem Tisch.“ Nun müsse entschieden werden, ob und wann welche investive Maßnahme zur Energiesicherheit umgesetzt werde, zunächst im Nachhaltigkeits-Board.

Je nach Thema sucht sie sich Unterstützer

Manchmal wünscht sie sich eine noch größere Dynamik, mehr Schnelligkeit. Doch trotz der großen Offenheit brauche das Thema vor allem Zeit. War sie als Pressearbeiterin jahrelang darauf programmiert, alles „jetzt und sofort“ zu erledigen, lerne sie momentan, Geduld zu haben, sagt von der Schulenburg. Die neue Aufgabe diktiert ihr ein ganz anderes Tempo: „Die Themen sind komplex und brauchen viel Vorarbeit, Recherche und Abstimmung.“ Dafür schmiedet sie Allianzen, ist täglich in Verhandlungen und sucht sich je nach Thema ihre Experten und Unterstützer, „die an meiner Seite sind“ – für den Bereich Abfall zum Beispiel oder die Emissionen und auch die Speisenversorgung.

Die Themen sind komplex und brauchen viel Vorarbeit, Recherche und Abstimmung.

Um die kümmert sich seit März insbesondere Hendrik Otto. Der Sternekoch ist als Leiter des neu geschaffenen Bereichs Quality and Sustainability Culinary Development gestartet, und er nimmt zunächst alle regionalen und örtlichen Prozesse auf, um sie zu bewerten und gegebenenfalls zu optimieren, wird bei Helios betont. Dabei sollen neben dem Geschmack die Faktoren Nachhaltigkeit, Gesundheit, Regionalität und Saisonalität im Mittelpunkt stehen, und Otto soll alles im Blick haben – vom Anbau der Produkte über die Anlieferung und Lagerhaltung bis hin zum Abfallmanagement.

Helios sei es wichtig, dass ein großer Anteil der Lebensmittel in Deutschland und in Bio-Qualität angebaut werde, heißt es. Allerdings stehe das Unternehmen dabei noch am Anfang, da viele Produkte in frischer und Bio-Qualität noch nicht in den gewünschten Mengen verfügbar seien. Grundsätzlich sollen künftig über alle Regionen mehr lokale, saisonale und Bio-Lebensmittel angeboten werden. Es soll mehr vegetarische Speisen mit Gemüse geben, das Fleischangebot soll reduziert und regionaler werden.

Sternekoch Otto soll Essensverschwendung vermeiden

Ottos besonderes Augenmerk gilt dem Abfall und der Essensverschwendung. Beides soll möglichst vermieden werden. Bei Angeboten zum Mitnehmen etwa soll kein unnötiger Abfall mehr entstehen, stattdessen werden Mehrwegbehälter zum Einsatz kommen. Und bei Frühstück, Mittag und Abendbrot auf den Stationen sollen Verpackungsmaterialien künftig auf ein Minimum reduziert werden. Lebensmittel-Überangebote können vor Verkaufsschluss günstiger angeboten werden, um so das Wegwerfen der Lebensmittel zu vermeiden oder zu verringern. Eine weitere Möglichkeit sei, die Lebensmittelreste über Entsorger wie ReFood gesetzeskonform verwerten zu lassen, die daraus dann zum Beispiel Düngemittel herstellen. All das werde aktuell mit allen Beteiligten besprochen.

Die Zwischenbilanz nach gut einem Stabsstellen-Jahr fällt für Constanze von der Schulenburg jedenfalls positiv aus. „Wir haben viel auf den Weg gebracht“, sagt sie: „Es hat sich gelohnt, dafür zu kämpfen.“ Drei ihrer kritischsten Begleiter sind ihre Söhne, 19, 23 und 25 Jahre alt. „Sie schauen mir sehr genau auf die Finger“, sagt die 55-Jährige, die zum Ausgleich intensiv schwimmt, läuft und seit sechs Jahren einmal pro Woche in einem klassischen Chor singt. Entsprechend versucht sie, sich auch zuhause möglichst nachhaltig zu verhalten – fährt Rad, setzt auf Second-Hand-Produkte und hat ihren Fleischkonsum drastisch reduziert. Ganz so, wie sich das gehört, für ein nachhaltiges Gewissen…

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