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MLP Gesundheitsreport 2022Ärztemangel größtes Problem des Gesundheitswesens?

Der Ärztemangel, lange Wartezeiten und aus Kostengründen vorenthaltene Leistungen belasten die Deutschen. Dennoch bewerten 81 Prozent von ihnen die Gesundheitsversorgung weiterhin positiv, wie der Gesundheitsreport 2022 von MLP aufzeigt.

Ärzte im Gespräch
Monet/stock.adobe.com

Symbolfoto

Der in vergangenen Jahren bereits eingesetzte Ärztemangel, insbesondere in der ambulanten Versorgung, hat mittlerweile dramatische Ausmaße angenommen und gefährdet die Stabilität der Gesundheitsversorgung – dies konstatiert die Bevölkerung und nochmals extremer die Ärzteschaft.

Die zunehmenden Engpässe nimmt mittlerweile jeder dritte Bürger wahr, in Ostdeutschland sogar mehr als jeder zweite, so die Kernaussage des 11. MLP Gesundheitsreports. Entsprechend häufen sich Klagen über lange Wartezeiten oder aus Kostengründen vorenthaltene Behandlungen sowie Schwachstellen, die von der Corona-Pandemie offengelegt oder verstärkt wurden. Von den mehr als 400 Ärzt*innen und fast 1100 durch das Institut für Demoskopie Allensbach befragten Bürgern werden zudem Bedenken geäußert, dass die bisherigen Erfahrungen aus der Pandemie nicht dazu genutzt werden, um das System besser aufzustellen.

Nicht nur ärztliches, auch Pflege-Fachpersonal rares Gut

Ähnlich dramatisch stellt sich die Lage beim Fachpersonal dar. In den Krankenhäusern fehlt es an Pflegern und anderem nicht-ärztlichen Personal. Vier von fünf Ärzten berichten, dass im eigenen Krankenhaus Pflegepersonal fehlt. Auch hier hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verschlechtert: Aktuell schätzen 89 Prozent der Krankenhausärzt*innen es als (sehr) schwierig ein, offene Stellen zu besetzen (2016: 72 Prozent).

Während der Corona-Pandemie hat sich die Personalsituation bei den Pflegekräften durch Kündigungen in 32 Prozent der Krankenhäuser (sehr) stark verschlechtert. Hiervon deutlich stärker betroffen waren Krankenhäuser der Schwerpunkt- und Maximalversorgung im Vergleich zu den Grund- und Regelversorgern. Dass sich die Situation nach Ende der Pandemie wieder verbessern wird, erwarten sie nicht, im Gegenteil: Sie gehen von einer Verschärfung der Situation aus. Als Gegenmaßnahme ist es aus Sicht der Klinikärzt*innen mit Abstand am wichtigsten, für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen, und Pflegekräften z. B. mehr Zeit für jeden Patienten zu geben (79 Prozent) durch einen Abbau der bürokratischen Strukturen.

Dennoch lehnen 84 Prozent der Ärzte den Einstieg von Kapitalinvestoren in das Gesundheitswesen ab. Warum? Sie befürchten, dass wirtschaftliche Erwägungen eine zu große Rolle spielen könnten (83 Prozent) und die Versorgung im ländlichen Raum durch die Fokussierung der Investoren auf Ballungsgebiete weiter leiden würde (67 Prozent).

Corona als Brennglas für strukturelle Probleme des Gesundheitswesens

Dennoch wird die aktuelle Gesundheitsversorgung in Deutschland weiterhin von einer großen Mehrheit sowohl der Bevölkerung (81 Prozent) als auch der Ärzte (89 Prozent) positiv bewertet. Allerdings hat aus Sicht der Ärzte die Corona-Pandemie eine Reihe politisch-organisatorischer Defizite offengelegt: So bemängeln gut vier von fünf Ärzten, dass bei der Bekämpfung der Pandemie vorhandene Daten nicht zusammengeführt und genutzt werden können. Für einen fast ebenso großen Anteil ist die technische und personelle Ausstattung der Gesundheitsämter ein (sehr) großes Problem. Die Mediziner erwarten auch nicht, dass aus diesen offenkundigen Problemen Lehren gezogen werden und das Gesundheitssystem für zukünftige Krisen besser aufgestellt wird (57 Prozent). In der Bevölkerung geht nur jeder Dritte davon aus, dass man in den nächsten 10 Jahren für künftige gesundheitliche Krisen und Pandemien besser gerüstet sein wird.

Kein Vertrauen in Anleierung von Reformen

Dass die Regierung die mittel- und langfristigen Herausforderungen des Gesundheitssystems angeht, bezweifeln knapp zwei Drittel der Ärzte. Insbesondere sind die Befürchtungen groß, die derzeitigen parallelen Krisen würden dazu führen, dass notwendige Reformen nicht rechtzeitig angegangen werden (Ärzte: 77 Prozent, Bevölkerung: 55 Prozent).

„Eine Art ‚Reform-Blockade‘ wäre für die langfristige Überlebensfähigkeit unseres Gesundheitssystem jedoch verheerend. Vielmehr muss die Regierung ernsthafte Zukunftsvorsorge betreiben – gerade auch mit Blick auf die nachfolgenden Generationen. Dazu gehört auch eine ergebnisoffene Diskussion über die Ausgabenseite, also darüber, was das staatliche Gesundheitswesen in Zukunft noch alles leisten soll und wie diese Leistungen effizient organisiert und erbracht werden“, sagt Dr. Uwe Schroeder-Wildberg, Vorstandsvorsitzender von MLP.

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