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KrankenhausgesellschaftDrei Viertel aller Kliniken verschieben OPs

Die akute Lage auf den Intensivstationen führt laut DKG-Chef Dr. Gerald Gaß zu einer Art Katastrophen-Medizin. Auch medizinisch kompliziertere Fälle müssten mit einer Verschiebung ihrer Operationen rechnen.

Krankenhausflur
Sveta/stock.adobe.com

Symbolfoto

Aufgrund der vielen Covid-Patienten auf Intensivstationen müssen immer mehr Kliniken in Deutschland sogenannte planbare Operationen verschieben. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) kann der Normalbetrieb in mehr als drei Viertel aller Krankenhäuser in Deutschland mittlerweile nicht mehr aufrechterhalten werden, und diese Häuser müssen planbare Operationen verschieben. Das auf Covid-Stationen benötigte Pflegepersonal fehle für die Nachsorge von Patienten auf einer Intensivstation nach einer planbaren Operation. Für die Krankenhäuser sei die Verschiebung planbarer Operationen derzeit das Mittel der Wahl, um die Versorgung akuter Fälle weiter leisten zu können.

Baden-Württembergs Kliniken verschieben Operationen

Die Krankenhäuser in Baden-Württemberg verschieben aufgrund der vielen Covid-Patienten auf Intensivstationen immer mehr planbare Operationen. Landesweit werden nach Angaben der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) mittlerweile rund 50 Prozent der planbaren OPs verschoben, wie eine Sprecherin in Stuttgart mitteilte. So hat etwa das Universitätsklinikum Ulm am 23. November 2021 angekündigt, ab sofort planbare Behandlungen, soweit medizinisch vertretbar, zu verschieben oder auszusetzen.

Am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart werden nach Angaben des Hauses bereits seit Ende Oktober  planbare OPs verschoben. An den Unikliniken in Heidelberg und Freiburg ist dies ebenfalls der Fall. Das Schwarzwald-Baar-Klinikum in Villingen-Schwenningen hat laut einer Sprecherin bereits vor zwei Wochen damit begonnen.

Gravierende Folgen für Patienten

Die zunehmend dramatische Lage und daraus resultierende abgesetzte Behandlungen führen bei einem Teil der betroffenen Patienten auch zu körperlichen und psychischen Belastungen. Aus den vergangenen Wellen wisse man um die gravierenden Folgen für die Patienten, so der Vorstandsvorsitzende der DKG Dr. Gerald Gaß.

Zu den typischen planbaren Operationen gehören den Angaben zufolge vor allem orthopädische OPs. In der zweiten Pandemiewelle von Oktober 2020 bis Februar 2021 sind demnach 22 Prozent weniger Hüftprothesen operiert worden. Aber auch die Behandlung von Krebspatienten ist durch die Verschiebung von Operationen inzwischen betroffen. Auswertungen zeigten etwa, dass die Fallzahlen bei Krebs-OPs beim Brustkrebs um 6 und bei Darmkrebs sogar um 18 Prozent zurückgegangen seien. Inzwischen müssten auch Herz- und Tumoroperationen zeitweise verschoben werden, hieß es in Stuttgart.

„Katastrophen-Medizin“

Gerald Gaß warnt außerdem vor harten Triage-Entscheidungen in Krankenhäusern. Mit Blick auf die zahlreichen Covid-Patienten auf den Intensivstationen sagte er am Montag im Deutschlandfunk: „Wir laufen langsam, aber sicher in eine Art Katastrophen-Medizin hinein. Wenn wir von Triage sprechen, ist das ein schleichender Prozess, der nach und nach immer härter Realität wird“. So müssten sich Patienten und Kliniken darauf einstellen, dass auch „medizinisch kompliziertere Fälle“ mit einer Verschiebung ihrer Operationen rechnen müssten. Schon jetzt würden Intensiv-Patienten früher „als medizinisch vertretbar“ auf Normalstationen verlegt werden, erklärte Gaß.

Verlegungen von Corona-Patienten aus Hotspot-Gebieten in andere Regionen Deutschlands werde es auch in den kommenden Wochen weiterhin und vermehrt geben. Auch Verlegungen ins Ausland schloss Gaß nicht mehr aus. „In der Summe werden sicherlich Hunderte von Patienten verlegt werden. Das ist aber keine Zahl, die wir täglich erleben, sondern das ist eine Zahl, die sich dann aufsummiert.“ Die Patienten, die sich in den vergangenen zehn Tagen mit Corona angesteckt haben, würden in den kommenden zehn, zwölf Tagen in die Krankenhäuser kommen, warnte Gaß. „Das heißt: Egal, was wir jetzt machen an Lockdown – in den nächsten zehn, zwölf Tagen werden weitere Tausende von Patienten in die Krankenhäuser kommen und auch auf die Intensivstationen. Das können wir jetzt schon gar nicht mehr verhindern.“

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