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Deutsches GesundheitssystemOhne Migration geht es nicht

Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) stellt in seinem Jahresgutachten 2022 fest, dass Fachkräfte mit Zuwanderungsgeschichte unverzichtbar für das deutsche Gesundheitssystem sind.

Prof. Dr. Petra Bendel
Michael Setzpfandt

Prof. Dr. Petra Bendel, Vorsitzende des Sachverständigenrates für Integration und Migration (SVR)

Im Jahresgutachten 2022 stellt der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) fest, dass Migrantinnen und Migranten einen unverzichtbaren Beitrag zum deutschen Gesundheitssystem leisten. Um eine chancengleiche Gesundheitsversorgung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sicherzustellen, muss das Gesundheitswesen diversitätssensibler gestaltet werden.

Bereits jetzt ist etwa jede bzw. jeder sechste Erwerbstätige in den Gesundheits- und Pflegeberufen im Ausland geboren. Mehr als ein Viertel der Ärztinnen und Ärzte hat einen Migrationshintergrund. Tendenz deutlich steigend. „Zugewanderte sind auf allen Ebenen des Gesundheitswesens tätig – zum Beispiel im ärztlichen Dienst oder im Bereich der Alten- und Krankenpflege. Ohne sie stünde das deutsche Gesundheitssystem vor einem Kollaps.“, erklärt Prof. Dr. Petra Bendel, Vorsitzende des SVR, anlässlich der Vorstellung des Jahresgutachtens 2022. „Angesichts des demographischen Wandels wird der Bedarf an Fachkräften weiter steigen, Zugangsmöglichkeiten müssen folglich vereinfacht und nachhaltig gestaltet werden.“

Nachbesserungsbedarf bei Anerkennungsverfahren

Im Bereich der reglementierten Berufe ist für ausländische Fachkräfte, die in Deutschland arbeiten wollen, ein Gleichwertigkeitsnachweis erforderlich. Zuwandernde müssen darlegen, dass ihre Qualifikationen deutschen Standards entsprechen. Für Gesundheits- und Pflegeberufe sei dies enorm wichtig, da es um den Schutz von Patientinnen und Patienten gine,  sagt Prof. Dr. Daniel Thym, stellvertretender Vorsitzender des SVR. „Entscheidend für den Erfolg von Anwerbestrategien ist deshalb, wie die Anerkennungsverfahren in der Praxis umgesetzt werden. Zuwanderung muss dabei als Gesamtprozess verstanden werden, bei dem die einzelnen Schritte wirksam ineinandergreifen. Hier sehen wir noch viel Nachbesserungsbedarf, die Verfahren dauern teilweise lange und es ist für die Betroffenen schwer zu verstehen, wer wofür zuständig ist. Prozesse müssen beschleunigt, weiter vereinfacht und einheitlicher gestaltet, die beteiligten Behörden – darunter deutsche Konsulate im Ausland, Ausländer- und Anerkennungsbehörden sowie die Bundesagentur für Arbeit – stärker verzahnt werden“, so Thym.

Mehr Menschen für Ausbildungen in Gesundheitsberufen gewinnen

Um Fachkräfte langfristig zu halten, müssen nach Ansicht des SVR die Arbeitsbedingungen im Gesundheitssektor und besonders in der Pflege grundlegend verbessert werden. „Zuwanderung allein kann den strukturellen Fachkräftemangel im Gesundheitswesen nicht lösen“, so Prof. Bendel. „Wir müssen auch die Potenziale im Inland ausschöpfen und mehr Menschen, darunter auch diejenigen mit eigener oder familiärer Zuwanderungsgeschichte, für eine Ausbildung in Gesundheits- und Pflegeberufen gewinnen. Dafür müssen sich die Arbeitsbedingungen bessern. Entscheidend ist zudem eine diversitätssensible Gestaltung unseres Gesundheitssystems.“

Gesundheitsversorgung diversitätssensibel gestalten

Die gesundheitliche Lage eines Menschen wird maßgeblich von sozioökonomischen Faktoren bestimmt. Dennoch kann sich das Merkmal ‚Migrationshintergrund‘ nachteilig auswirken. So befinden sich Menschen mit Migrationshintergrund statistisch gesehen häufiger in einer ungünstigen sozioökonomischen Lage. Das Jahresgutachten identifiziert weitere Hürden, die einen chancengleichen Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen erschweren – zum Beispiel Sprachbarrieren, fehlende Gesundheitskompetenz und Diskriminierung. Hier müssen die Rahmenbedingungen angepasst werden, damit die Gesundheitsversorgung diversitätssensibel gestaltet werden kann. Dazu haben manche Zugewanderte nur einen eingeschränkten Zugang zu öffentlich finanzierten Gesundheitsleistungen. „Zwar sind die allermeisten Menschen in Deutschland krankenversichert. Dennoch gibt es einige Versorgungslücken, etwa für EU-Bürgerinnen und -Bürger in prekären Jobs. Hier können Clearingstellen helfen. Bei Asylsuchenden und ausreisepflichtigen Personen haben Gesundheitskarten viele Vorteile: Sie sind unbürokratischer, ändern aber nichts an der Leistungshöhe, die durch das Asylbewerberleistungsgesetz definiert ist“, sagt der stellvertretende SVR-Vorsitzende Prof. Thym.

Auch irregulär aufhältigen Migrantinnen und Migranten stehen Gesundheitsleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu. In der Praxis nutzen sie diese aber oft nicht, da sie eine Ausweisung befürchten. Der Gesetzgeber könnte durch eine Änderung von § 87 Abs. 1 Aufenthaltsgesetz klarstellen, dass der Gesundheitsbereich auch jenseits medizinischer Notfälle von der Übermittlungspflicht gegenüber Ausländerbehörden ausgenommen ist.

Die Kernbotschaften des Jahresgutachtens sind hier zu finden.

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