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Bewerberparty„Blinddate mit Job-Aussicht“

Die jüngste Befragung der Bremer Arbeitnehmerkammer zeigt, dass sich Arbeitgeber etwas einfallen lassen müssen, um Pflegepersonal zu finden und zu binden. Das Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf ist bekannt für seine ungewöhnlichen Wege.

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Symbolfoto

Der Erfolg spricht für sie. Bereits vor Corona hatte das Haus in 1A-Lage im Berliner Süden eine After-Work-Party organisiert, um neues Personal zu rekrutieren. „Knapp 60 Bewerber waren damals da und haben sich das Haus angeschaut“, weiß Pressesprecher Christoph Kolbe zu berichten. „Davon haben wir am Ende dann fünf Pflegekräfte fest eingestellt.“ Ein Schnitt, der sich durchaus lohne, heißt es aus der Chefetage des Klinikums.

Die Party People aus Zehlendorf

Der Wettergott ist den Organisatoren des diesjährigen Events hold. Die Sonne scheint und die Temperaturen sind für Ende April recht mild. Nach den Corona-Entbehrungen setzt die Führungsriege des Emil von Behring Klinikums noch einen drauf und lädt zum Blinddate mit Jobaussicht. Und weil es so lange Entbehrungen und Kontaktbeschränkungen gab, ist auch gleich noch die gesamte Belegschaft zu alkoholfreien Cocktails und Häppchen in geselliger Runde eingeladen. Beim Schaukeln und Kicker spielen vergeht die Zeit wie im Flug, man schaut in strahlende und lachende Gesichter, wohin man blickt. „Wir wollen mit dem heutigen Event zum einen unseren Mitarbeitern unsere Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Sie haben uns loyal und hoch engagiert gerade während der Pandemie zur Seite gestanden. Da ist ein bisschen Feiern mehr als angebracht“, erklärt Frank Rohde, Assistent der Geschäftsführung. Zum anderen seien die Prämien, die andere Häuser für neue Pflegekräfte zahlen, höher als die Ausgaben für dieses Event.

Das Organisieren von Partys haben sie drauf, die Helios-Verantwortlichen aus Zehlendorf. Man fühlt sich richtig wohl und wichtig – egal ob als Mitarbeiter oder als potenzieller Bewerber. Die Fahrstuhltür öffnet sich und man schreitet über einen roten Teppich direkt zum Empfangs-Komitee. Dort erhalten die Besucher – wie bei jeder ordentlichen Party – einen Einlassstempel und ihre Getränke- und Essenscoupons. Um allen potenziell Interessierten einen bestmöglichen Eindruck vom Haus zu geben, bekommt jeder einen eigenen „Besucher-Paten“, der ihm Rede und Antwort steht. Wenn das Match passt und die beiden sich verstehen bzw. das Interesse an einer Tätigkeit am Klinikum auch nach dem ersten Kennenlernen weiter besteht, geht es an die Bar. Dort mixt Andrei Borisik, Deutscher Meister im Showbartending, leckere alkoholfreie Cocktails und bietet den Interessierten auch noch etwas fürs Auge. Ob Ipamena oder Blue Lagoon, alles schmeckt und sieht toll aus.

Die Gespräche vertiefen sich, man lernt sich gegenseitig kennen und darf sogar äußern, wo man später eingesetzt werden möchte. So wird eine Intensivpflegekraft vorstellig, die künftig gerne in der Notaufnahme arbeiten will. Gesagt getan, es scheint auf beiden Seiten zu passen, dann geht es ans Eingemachte. Die Pflegekraft und ihre Patin gehen in die Notaufnahme der Klinik und schauen sich den eventuellen neuen Arbeitsplatz an. Ein erstes Aufeinandertreffen mit den potenziellen neuen Kolleginnen und Kollegen dort bietet die Möglichkeit für die Bewerberin, sich ein noch genaueres Bild des Emil von Behring Klinikums zu machen. Es scheint auf beiden Seiten gefunkt zu haben, denn nach einiger Zeit kommt die Patin mit ihrer Bewerberin zurück auf die Party. Die beiden unterhalten sich angeregt, gehen zum Buffet und nehmen dann in der Lounge Ecke Platz, wo sie weiter ins Gespräch vertieft sind. Hier scheint es geklappt zu haben, die Bewerberin ist gekommen, um zu bleiben. Der nächste Stepp ist nach dem heutigen „Blinddate“ dann der Gesprächstermin mit Barbara Putzolu, der seit Februar 2022 tätigen Pflegedirektorin, die natürlich auf der Party auch präsent ist.

Job in der Tasche, Cocktail in der Hand

So wie der Intensivpflegekraft geht es noch einigen anderen Interessenten an diesem Tag. Ein Krankenpflegehelfer wird direkt eingestellt – auf 450-Euro-Basis. Er will sich, während seiner Ausbildung an einem anderen Berliner Krankenhaus, mit Nachtdiensten noch etwas dazuverdienen.

Und auch für Natalia W., einer ukrainischen Pflegekraft, die vor dem Krieg geflohen ist, endet das Blinddate mit einem Job in der Tasche und einem Cocktail in der Hand. Sie hat ihre Unterlagen einfach mitgebracht und ist spontan vorbeigekommen, als sie davon gelesen hat. Sogar ihr Diplom zur Feldscherin – das ist so etwas wie ein Dorf-Doktor – hat sie dabei und zeigt es stolz. Sie spricht auch schon gut Deutsch und beginnt bereits fünf Tage später als Pflegehilfskraft mit ihrer Hospitation. Jetzt kommt es auf die Behörden an, die ja eigentlich den Anerkennungsprozess bei ukrainischen Pflegekräften beschleunigen sollen.

Ein Blick in die Menge gibt eine junge Frau frei, die es sich auf einer der beiden Schaukeln bequem gemacht hat. Vanessa K. ist hier, weil sie eine Ausbildung zur Pflegefachfrau machen möchte. Eine gute Gelegenheit, ihren eventuell künftigen Arbeitgeber besser kennenzulernen. Sie macht im Juni ihren Abschluss und wird sich – das hat sie vom heutigen Tag mitgenommen – auf jeden Fall für einen Ausbildungsplatz im Haus bewerben. „Ich hatte bereits von klein auf Interesse an medizinischen Abläufen und eine soziale Ader“, erklärt die Berlinerin, die aus Mariendorf extra nach Zehlendorf gekommen ist. „Der Rundgang mit meinem Paten durch das Haus war mega. Es war auch total toll zu sehen, wie kollegial hier alle miteinander umgehen. Und als ich dann auf der Kinderstation war, war es um mich geschehen“, schildert Vanessa ihr Blinddate und hat dabei noch immer ein Glitzern in den Augen.

You are welcome

Partys sind jedoch nicht das Einzige, womit das Klinikum ihre Bewerberinnen und Bewerber lockt. Das 500 Betten-Haus, in dem drei Fachkliniken und 14 Fachbereiche vereint sind, hat eine eigene Integrationsmanagerin, die natürlich beim Blinddate auch nicht fehlt. Marie-Luise Eßrich hat den 20 philippinischen Kolleginnen und Kollegen, die seit März 2021 am Klinikum Emil von Behring arbeiten zur Seite gestanden, als es darum ging, ihren Bachelor of Nursing – bei manchen sogar den Master – hier anerkennen zu lassen. Sie hat mit ihrem Team die asiatischen Pflegekräfte auch auf die Fachkenntnisprüfung vorbereitet, sie bei der Erlangung der entsprechenden Deutschkenntnisse und sogar bei der Wohnungssuche unterstützt. Im Mai dieses Jahres kommt weitere internationale Unterstützung ins Pflegeteam – aus Mexiko. Im Februar 2023 kommen dann noch Pflegekräfte aus Brasilien. Auch hier werden Eßrich und ihr Team wieder an der Seite der Neulinge stehen und sie mit Rat und Tat begleiten und herzlich willkommen heißen. „Uns ist es super wichtig, dass die Kolleginnen und Kollegen, die von soweit her kommen und zum Teil ihre Familie in der Heimat gelassen haben, sich hier wohlfühlen“, erklärt sie. Der Austausch mit den alten Hasen ist der Klinikleitung genauso wichtig wie eine gute Integration in die bestehenden Teams.

So wurde im vergangenen Herbst eine ganz neue Form der Integrationsarbeit beschritten: eine kulinarische Reise auf die Philippinen. Die Speisekarte der Cafeteria am Zehlendorfer Klinikum wurde um eine typische westpazifische Spezialität erweitert. Der philippinische Krankenpfleger Danilo tauschte dafür seinen Kasak gegen die Kochmütze und bereitete mit Küchenchef Nils Hinz ein Nationalgericht seiner Heimat zu: Chicken Adobo. Das war seine Art Danke dafür zu sagen, wie viel er in der kurzen Zeit hier schon gelernt hat und wie toll er aufgenommen wurde. Vielleicht gibt es ja diesen Herbst Mole Poblano, das mexikanische Nationalgericht mit Truthahnfleisch und einer Soße aus Chili, Gewürzen und einem Hauch Schokolade? Ob von fern oder nah – die Kolleginnen und Kollegen aus der Klinik freuen sich in jedem Fall auf weitere Unterstützung und sind schon ganz gespannt, bei welchen Interessenten es bei dem Blinddate gefunkt hat und es zu einem Happy End für beide Seiten kommt.

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