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„Ich pflege wieder, wenn…“„Es scheint, dass die Politik kein Gesamtkonzept hat“

Die Arbeitnehmerkammer Bremen hat in Kooperation mit der Arbeitskammer des Saarlandes und dem Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule die Studie „Ich pflege wieder, wenn…“ durchgeführt. kma Online sprach mit der Initiatorin Elke Heyduck über die Ergebnisse.

Elke Heyduck
Stefan Schmidbauer

Elke Heyduck ist die Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen.

Frau Heyduck, wie kamen Sie auf die Idee, diese Umfrage zu machen?

Wir erleben in der Praxis, dass die Beschäftigten in der Pflege ihren Beruf im Grunde genommen sehr gerne ausüben. Vor diesem Hintergrund – in Verbindung mit dem Ergebnis der regelmäßigen Beschäftigtenbefragung der Arbeitnehmerkammer Bremen, dass Pflegekräfte ihre Arbeit für gesellschaftlich außerordentlich wichtig und wertvoll halten, aber mit der Wertschätzung durch die Gesellschaft nicht zufrieden sind – haben wir uns gefragt, wieso so viele Pflegekräfte den Beruf verlassen und der Fachkraftmangel stetig weiter voranschreitet.

Dabei wissen wir, dass die Arbeitsbedingungen derzeit so sind, dass viele Pflegekräfte aufgrund der psychisch und physisch hohen Belastung entweder ganz aus dem Beruf oder in die Teilzeit flüchten. Aus unserer Sicht ist das Engagement der Bundesregierung, das sich auf das Anwerben ausländischer Fachkräfte und die Erhöhung der Ausbildungsplätze konzentriert, zu begrenzt. Daher haben wir uns gefragt, wie man die gut ausgebildeten Pflegefachkräfte zum Wiedereinstieg in die Pflege oder zu einer Erhöhung der Stundenanzahl motivieren kann, weil wir uns sicher waren, dass hier ein ungeahntes Potenzial schlummert. Das war der Ausgangspunkt für die Pilot-Studie unter Bremer Pflegekräften 2020 und auch jetzt für die bundesweite Befragung.

Was war das Ergebnis in der Bremer Befragung und sind die Ergebnisse in Bremen und die bundesweiten vergleichbar?

Wir haben in Bremen damals schon erstaunliche Ergebnisse erzielt: 60 Prozent der ausgeschiedenen Pflegekräfte und 50 Prozent der Teilzeitbeschäftigten haben nicht ausgeschlossen, den Beruf wieder zu ergreifen bzw. die Stundenanzahl zu erhöhen. Und das waren nur diejenigen, die auf einer Skala von 1 bis 10 die Chancen für einen realistischen Wiedereinstieg ab dem Wert 6 aufwärts angegeben haben – also diejenigen, die sich das wirklich ernsthaft vorstellen können.

Nach den Ergebnissen haben wir uns gefragt, ob das eigentlich in ganz Deutschland so ist oder ob es sich um eine Bremer Besonderheit handelt. Dann haben wir uns auf die Suche nach Kooperationspartnern gemacht und die Befragung bundesweit aufgesetzt. Wir haben für die Online-Befragung über unsere Netzwerke geworben, aber auch breit Öffentlichkeitsarbeit betrieben, so dass es vielfach in den sozialen Medien geteilt und auch von der Fachpresse aufgenommen wurde. So sind wir am Ende auf die hohe Anzahl der Befragten gekommen.

Die gute Nachricht vorweg, die Ergebnisse sind vergleichbar. Auch bundesweit hat die Befragung „Ich pflege wieder, wenn …“ ergeben, dass die Hälfte der Teilzeit-Pflegekräfte ihre Arbeitszeit erhöhen würden und 60 Prozent der ausgestiegenen Pflegekräfte in ihren Beruf zurückkehren würden, wenn sich etwas ändert. Aber sie kommen nicht von allein zurück! Und sie haben sehr klare Vorstellungen davon, was sich ändern muss.

Was haben die Befragten denn angegeben, dass sich ändern muss, damit sie motiviert wären, diesen Schritt zu gehen?

Mehr Personal, das steht im Ranking der Pflegekräfte ganz oben. Knapp gefolgt von einer besseren Bezahlung und verlässlichen Dienstplänen. Das ist zwar keine Überraschung – aber falsch oder unwesentlich wird es dadurch ganz sicher nicht. Wir sind dann mit unseren Fragen noch mehr ins Detail gegangen. Hierbei zeigte sich, dass der kollegiale Umgang miteinander, auch über die Berufsgruppen hinweg, außerordentlich wichtig ist. Mehr Zeit für menschliche Zuwendung, respektvolle Vorgesetzte, mehr Augenhöhe gegenüber den Ärzten, eine angemessene Entlohnung von Fort- und Weiterbildung – das waren weitere wichtige Arbeitsbedingungen.

Was muss sich in der Pflege ändern, Frau Heyduck?

Wir brauchen nicht noch weitere Absichtserklärungen seitens der Politik, sondern es muss sich spürbar etwas verändern – und zwar nicht übermorgen, sondern gestern. Die Pflegekräfte wurden in der Pandemie vielfach enttäuscht, angekündigte Verbesserungen kamen so gut wie gar nicht. Wir sind alarmiert, dass die Umsetzung der PPR 2.0 oder PeBeM, aber auch die Verlässlichkeit der Refinanzierung des bereits eingestellten Personals immer noch auf sich warten lassen. Viele Krankenhäuser sind verunsichert, ob es bei den jetzigen Pflegebudgets bleibt und stellen daher trotz der Spahnschen Gesetze noch verhalten neues Pflegepersonal ein. Es scheint, dass die Politik kein Gesamtkonzept hat, um dem Pflegepersonalmangel zu begegnen.

Auch bei der neuen Bundesregierung droht, wenn wir die Signale richtig sehen, der Bereich Pflege angesichts anderer Herausforderungen, wie der Pandemie und des Ukraine-Krieges, wieder auf die lange Bank zu geraten. Das wäre aus unserer Sicht verheerend. Denn unsere Befragten sagen ja nicht, wir wollen unbedingt wieder in der Pflege arbeiten, sondern wir kommen wieder, wenn … Und die Pflegekräfte bringen sehr deutlich zum Ausdruck, unter welchen Umständen sie den Beruf, den sie mal gelernt haben, auch wieder ausüben werden.

Das sind jetzt die politischen Rahmenbedingungen, an denen gearbeitet werden muss. Sie haben aber auch den wertschätzenden Umgang seitens der Vorgesetzten angesprochen. Welche Möglichkeiten sehen Sie für Einrichtungen, hier ein Umfeld zu schaffen, das die Pflegenden wieder anlockt?

Wie bereits gesagt hat die Befragung deutlich zutage gefördert, dass es auch innerbetriebliche Probleme gibt, die gelöst werden müssen. Denn viele Pflegekräften haben geantwortet, dass ihnen Wertschätzung und Anerkennung ihrer fachlichen Expertise in Einrichtungen fehlt, dass sie sich als Handlanger der Ärzte fühlen und dass sie als kenntnisreiche und bestens ausgebildete Fachkräfte in Krankenhäusern noch nicht die Rolle spielen, die sie einnehmen könnten.

Insofern ist unsere Empfehlung auch an die Betriebe, gute Pflegearbeit umzusetzen, indem man die Leitungskräfte schult und zertifizieren lässt. Auch mit einer transparenten und auf die Bedürfnisse der Pflegekräfte abgestellte Dienstplangestaltung kann man einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Arbeitgebern darstellen. Ohne Ausfallmanagement-Möglichkeiten wie Flexpools etc., die auch freie Zeiten garantieren, geht es heute eigentlich nicht mehr.

Es wird ohne Zweifel nicht den einen richtigen Weg oder das eine Patentrezept geben. Es muss an vielen Stellschrauben gedreht werden, damit wir das Potenzial, das in unserer Gesellschaft schlummert, heben können. Wir werden nicht daran vorbeikommen, denn in den kommenden zehn Jahren gehen weitere 500.000 Pflegekräfte in Ruhestand. Das ist nicht mit ausländischen Fachkräften und Prämienzahlungen aufzufangen.

Inwieweit haben finanzielle Gesichtspunkte für die Pflegekräfte eine Rolle gespielt, dem System den Rücken zu kehren?

Eine bessere Bezahlung ist wichtig, vor allem in der Altenpflege. Auch hier ist die Politik gefragt. Dass Pflegeeinrichtungen künftig nur noch zur Versorgung zugelassen werden, wenn sie nach Tarif bezahlen, ist eine sehr ein guter Einstieg. Die Aufweichung aber, die dann erfolgte, nämlich die sogenannten Durchschnittsanwendung, d.h. die Orientierung an den regional üblichen Löhnen, ist dagegen nicht geeignet, den Beschäftigten verlässliche Lohnstrukturen zu garantieren.

In den Freitextantworten unserer Befragung kam auch zutage, worum es Pflegekräften geht, wenn sie sich mehr Anerkennung im Beruf wünschen. In einem ökonomisch geprägten System, in dem Effizienz eine immer größere Rolle spielt, gelten Pflegekräfte tendenziell als Kostenfaktor. Und darin spiegelt sich gerade kein Respekt vor ihrer Fachlichkeit.

Ein weiterer Kritikpunkt von Pflegekräfte ist, dass Deutschland in der Pandemiezeit zur Unterstützung der freien Wirtschaft hohe Summen bereitgestellt hat und Pflegekräfte erst einmal nur beklatscht wurden. Zumal dann auch noch in der Krise ein Stück finanzieller Sicherheit aus dem System genommen wurde, indem man auf die Rücklagen der Krankenkasse zurückgegriffen hat. Ich kann gut verstehen, dass die ein oder andere Pflegekraft sich in Konkurrenz zu anderen Branchen und Berufen setzt. Es darf aber eben nicht zu dieser Konkurrenz kommen, denn auch das war wirtschaftlich in dem Moment wichtig. Die Pflegekräfte sind jetzt einfach mürbe und hoffen auf ein Zeichen aus Berlin. Die neuerlichen Diskussionen um die Pflegeprämien, die wieder nicht alle Pflegenden bekommen, sind symbolisch, dass politische Maßnahmen auf halber Strecke verhungern.

Die Online-Befragung wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Die Studienteilnehmer wurden hauptsächlich über Netzwerke rekrutiert. Die Arbeitnehmerkammer Bremen und die beiden Kooperationspartner haben den Aufruf in ihren Netzwerken formuliert und breit Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Vielfach wurde der Aufruf auch über soziale Netzwerke geteilt und auch die Fachpresse hatte dafür geworben, so dass eine hohe Beteiligung zustande kam.

Der überwiegende Teil der Befragten hatte mindestens eine dreijährige Ausbildung. Für die Potenzialberechnungen liegen ausschließlich examinierte Fachkräfte zugrunde, die an der Befragung teilgenommen haben.

Die Kurz- und Langfassung des Ergebnisberichts finden Interessierte online bei der Arbeitnehmerkammer.

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