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KrankenhausreformGibt es in Deutschland bald keine Kinderchirurgie mehr?

In Berlin schließt eine Klinik die Kinderchirurgie und nennt als Grund die Krankenhausreform. Werden bald weitere folgen? Ein Gespräch mit der DGKJCH-Präsidentin PD Dr. Barbara Ludwikowski über Warnungen und Lösungen.

In Berlin schließen die DRK Kliniken ihre Abteilung für Kinderchirurgie und Kinderurologie im Klinikum Westend mit Verweis auf die Krankenhausreform. kma hat dazu mit PD Dr. Barbara Ludwikowski gesprochen. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie (DGKJCH) und Chefärztin im Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover.

Ist die Schließung in Berlin der Anfang und werden weitere Standorte folgen?

PD Dr. Barbara Ludwikowski: Im Moment verstehe ich die Entscheidung der Träger noch nicht ganz, weil ich erstmal die Entscheidung zu den Groupern abwarten würde – wer überhaupt welche operativen Eingriffe machen darf. Es gibt eine Leistungsgruppe „Kinderchirurgie“ und eine Leistungsgruppe „Spezielle Kinderchirurgie“. Wir als Fachgesellschaft wurden vom InEK im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums im Laufe dieses Jahres aufgefordert, Diagnosen und Prozeduren zuzuordnen; welche in die allgemeine Kinderchirurgie und welche in die spezialisierte Kinderchirurgie gehören. Der Hintergrund dabei ist: In Zukunft sollen Diagnosen und Eingriffe nur von einer Fachgruppe behandelt werden können.

Allerdings sind Kinder nicht ein weiteres Organ, sondern Patienten unter 18 Jahren mit einem Spektrum an Organerkrankungen und Entwicklungsstörungen. Daraus folgt, dass es einen großen Bereich überlappender Diagnosen gibt und es ist bis jetzt nicht klar, wie dieses Problem von der Politik gelöst wird. In der Krankenhausreform werden jedoch als Strukturmerkmal für die Kinderchirurgie mindestens drei Fachärzte gefordert und davor scheuen sich manche Träger.

Den Leistenbruch oder die Appendektomie darf dann nur noch der Allgemeinchirurg abrechnen. Eine fachspezifische kinderchirurgische Behandlung kann damit entfallen und dies ist ein Rückschritt.

Warum sind drei Fachärzte nötig?

Für eine Abteilung braucht man mindestens drei Fachärzte, allein um Dienste aufrechtzuerhalten. In Abteilungen mit einem oder zwei Kinderchirurgen ist keine kontinuierliche Versorgung gewährleistet. Notfälle passieren auch außerhalb des Dienstes oder in Urlaubszeiten und in diesen kleinen Abteilungen ist dann niemand da. Wir von der Fachgesellschaft wollen, dass eine gute 24-Stunden-Versorgung gewährleistet ist; nicht nur acht Stunden.

Wenn Sie komplexe seltene Fehlbildungen operieren mit nur einem Kinderchirurgen, ist das einfach schlecht. Auch wenn der einzelne Operateur sehr gut sein kann. Aber es müssen ebenfalls Ärzte in dieser Fachrichtung ausgebildet werden. Ich weiß, dass manche Träger schon jetzt Kollegen oder Kolleginnen eingestellt haben, so dass sie dann die geforderten drei Kinderchirurgen bereithalten.

Sie sprechen die Weiterbildung an …

Damit eine qualifizierte Weiterbildung funktioniert, müssen die Abteilungen groß genug sein und ausreichend „Fälle“ behandelt werden. Kinder, die in Abteilungen mit ein oder zwei Fachärzten operiert werden, fehlen z.B. in den großen Kinderurologie-Zentren für die Ausbildung von Fachärzten.

Ja, das habe ich auch schon böse gesagt, dass Deutschland dann das erste Land ist, in dem die Kinderchirurgie abgeschafft ist. Aber das wird nicht passieren.

Ihre Fachgesellschaft warnte, das KHVVG in der geplanten Form würde die kinderchirurgische Versorgung gefährden. Sind Ihre Warnungen verhallt?

Im Moment wird es spannend, wie die Grouper zugeteilt werden, wer was wie abrechnen darf. Die Idee ist, dass ein Eingriff nur noch durch eine Leistungsgruppe abgerechnet werden darf. Den Leistenbruch oder die Appendektomie darf dann nur noch der Allgemeinchirurg abrechnen. Eine fachspezifische kinderchirurgische Behandlung kann damit entfallen und dies ist ein Rückschritt. Vor über 60 Jahren hat sich die Kinderchirurgie in Deutschland entwickelt, um eine bessere Behandlung den Kindern zukommen zu lassen.

Privatdozentin Dr. Barbara Ludwikowski ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie (DGKJCH) und Chefärztin der Kinderchirurgie und Kinderurologie im Kinder- u. Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover. Die Fachärztin für Chirurgie und Kinderchirurgie mit Zusatzweiterbildung Kinder- und Jugendurologie besitzt das Zertifikat für Kinder- und Jugendgynäkologie und Kinderschutzmedizin. 

Barbara Ludwikowski ist Fellow of the European Academy of Paediatric Urology (FEAPU) und Program Director Paediatric Urology Training Program Hannover. Sie hat Weiterbildungen in Deutschland und Österreich absolviert und Forschungsaufenthalte in Lausanne, London, Boston, Philadelphia und San Francisco.

Was sind Grouper?

Es gibt die ICD-Diagnosen und dazu die OPS-Codes, die Operationen- und Prozedurenschlüssel für die Eingriffe in der Chirurgie. Bei dieser Kombination von Diagnose und Eingriff – die dabei verwendete Software heißt Grouper – ist in der Krankenhausreform geplant, dass jede Kombination nur einer Fachgesellschaft zugeordnet wird. Dabei gibt es viele Schnittmengen. HNO-Ärzte und Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen zum Beispiel operieren an denselben Organen. Jetzt soll entschieden werden, dass das nur noch einer darf.

Bei diesem Aspekt der Krankenhausreform steckt meiner Meinung nach ein Denkfehler. Kinderchirurgen machen viele der Eingriffe, die auch bei Erwachsenen vorkommen. Interessanterweise haben Kinder die gleichen Organe wie Erwachsene.

Nach der Logik fallen die Kinder doch dann überall raus?

Ja, das habe ich auch schon böse gesagt, dass Deutschland dann das erste Land ist, in dem die Kinderchirurgie abgeschafft ist. Aber das wird nicht passieren. Das kann ich mir nicht vorstellen. Weil diese Probleme noch nicht gelöst sind, dauert es wahrscheinlich auch so lange mit den Groupern.

Offene Fragen bleiben auch in der Urologie und der Kinderchirurgie. Für die Kinderurologie gibt es eine spezialisierte Weiterbildung – ein Facharzt für Kinderchirurgie kann nach einer speziellen Weiterbildung Kinderurologe werden. Diese Zusatzweiterbildung kann auch der Urologe machen. Auch hier stellt sich die Frage, wer demnächst die kinderurologischen Eingriffe durchführen darf.

Wie könnten Lösungen aussehen?

Die Präsidenten der Fachgesellschaften haben sich zusammengesetzt und gemeinsame Positionspapiere und Vorschläge geschrieben. Diese sind nicht übernommen worden.

Wir müssen gemeinsam an der Qualitätsausgestaltung der Leistungsgruppen arbeiten und man darf diese strikten Trennungen der Eingriffe für einzelne Fachgruppen nicht schaffen.

Was müsste Ihrer Meinung nach passieren?

Wir müssen gemeinsam an der Qualitätsausgestaltung der Leistungsgruppen arbeiten und man darf diese strikten Trennungen der Eingriffe für einzelne Fachgruppen nicht schaffen. Die Rechtsverordnung mit den genauen Qualitätskriterien für die geplanten 65 Leistungsgruppen soll bis zum 31. März 2025 erlassen werden, hier haben wir hoffentlich einen Einfluss. Eventuell müssen wir auch länderweise mit den Gesundheitsministern verhandeln. Die Gesundheitsministerien vergeben praktisch die Leistungsgruppen.

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Was sind Ihre Forderungen darüber hinaus?

Populationsbezogene Berechnungs- und Simulationsmodelle zur Planung der Folgeabschätzung sind für die Kinderchirurgie und spezielle Kinderchirurgie absolut notwendig und zwar mit den Daten der Grouper. Für die spezielle Kinderchirurgie hatte unsere Fachgesellschaft zusammen mit anderen Fachgesellschaften gefordert, dass die Leistungsgruppe „Spezielle Kinderchirurgie“ in „Spezielle Kinderchirurgie im Kindes- und Jugendalter“ umbenannt wird. Dazu gehören HNO- und orthopädische Eingriffe. Ein HNO-Arzt braucht keine fünf Kinderchirurgen damit er die Eingriffe machen kann.

Unsere ganzen Eingaben sind jedoch nur unzureichend eingeflossen und das KHVVG ist so durchgewunken worden. Für die Zukunft müssen wir nun versuchen, das Ganze mit Rechtsverordnungen glattzubügeln. Aber jetzt im Voraus Abteilungen zuzumachen, halte ich für verfrüht.

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