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Psychosomatik-Kongress 2022Klimakrise, Krieg, Covid-19 – Was Krisen mit der Psyche machen

Die Krisen häufen sich. Menschen in solchen Situationen beistehen, Leid lindern, Gesundheit fördern, das sind originäre Aufgaben der Medizin. Auf ihrem Kongress zeigen Psychosomatiker und Psychosomatikerinnen: das geht nur integrativ und kooperativ.

Krise Chance
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Symbolfoto

Sie legen den Finger in die Wunden der Gesellschaft: In Berlin sprechen die Experten über traumatisierte Kriegsflüchtlinge, die Zunahme von Einsamkeit und Essstörungen infolge der Pandemie und Klima-Stress.

Der Ansatz ist neu. Zwar ist die Psychosomatik mit ihren bio-psycho-sozialen Wurzeln schon immer nah am sozialen Umfeld der Patienten, dennoch lag das Augenmerk meist auf individuellen Krankheiten, die Einzelne betrafen, darunter Ängste, Zwänge, Depressionen und Sucht. Mit Blick auf die weitergefasste Themenwahl lässt sich erahnen, dass sich in der westlichen Medizin etwas ändert und ändern muss. Kongresspräsidentin Prof. Dr. Franziska Geiser lud ein, auch über die institutionellen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen des Handelns nachzudenken.

Integrativ denken, kooperativ handeln …

… lautet das Kongress-Motto 2022. Integratives und kooperatives Arbeiten ist in der Medizin eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. „Körperliche, psychische und soziale Aspekte ganzheitlich und integrativ in den Blick zu nehmen, wird überall in der Medizin gefordert – was aber ganz sicher noch nicht ausreichend geschieht“, sagt Geiser, die auch Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn ist. Sie fügt hinzu, dass es manchmal sogar weniger geschieht im Rahmen der hochspezialisierten Medizin, die rasant weitere Fortschritte entwickelt.

Psychosomatik baut Brücken

Als Brückenfeld zwischen Körper und Geist und zwischen den medizinischen Disziplinen hat das „sprechende“ Fach Psychosomatik seit jeher eine vermittelnde und integrierende Rolle in der Medizin. So werden auf dem Kongress nicht nur die aktuellen Forschungsergebnisse diskutiert, sondern die Psychosomatiker blicken über den Tellerrand: Es geht um aktuelle Themen der Pandemieforschung, Nachhaltigkeit und Klimakrise, um Flucht, Migration und Integration und die Frage, wie insbesondere die Patientinnen und Patienten unterstützt werden können, denen es schwerfällt, die Hilfesysteme zu finden – neue Formen sind Behandlungsassistenten und das Konzept der „Collaborative Care“. Es geht auch darum, wie bessere Bedingungen für Mitarbeiter im Gesundheitswesen geschaffen werden können. Und um den Nutzen und die Gefahren künstlicher Intelligenz.

Über den Tellerrand hinaus weisen auch die Inhalte der Hauptvorträge: Wie die spontane Solidarität mit der Ukraine in eine nachhaltige Kooperation überführt werden kann, thematisiert der Vortrag „Russland, die Ukraine und Europa “ am Eröffnungsabend. Dass die Fähigkeit zur Kooperation schon in frühester Kindheit angelegt ist und wie sie gefördert werden kann, wird Professor Robert Hepach aus Oxford im Abschlussvortrag des Kongresses verdeutlichen.

Körper und Psyche: weg vom Entweder-Oder

Auf der Kongress-Agenda steht weiterhin das neue Diagnosesystem der Weltgesundheitsorganisation, die sogenannte ICD 11. Hier liegt das Augenmerk insbesondere auf den körperlichen, den sogenannten funktionellen Syndromen. Das sind schwer zuordenbare Syndrome, wie die somatoforme Störung – Brückenbereiche, bei denen es hilft, wenn Krankheiten nicht mehr der einen oder anderen Seite zugeordnet werden müssen, keine Trennung in „psychisch“ und „organisch“ erfolgen muss. Denn es ist ohnehin eine künstliche Trennung, die ihre Wurzeln in der Philosophie, im dualistischen Weltbild hat. Und die zu einer institutionellen Trennung in eine körperorientierte und seelenorientierte Medizin geführt hat.

„Wir wissen ja alle, dass jedes Symptom was wir haben, immer auch psychische und körperliche Ursachen oder Komponenten hat“, sagt Franziska Geiser. Im Sinne des bio-psycho-sozialen Verständnisses der Psychosomatik wirkt zudem das soziale Umfeld wesentlich auf die Gesundheit. Menschen können nur gesund werden und bleiben, wenn ihr Umfeld, wenn die Umwelt gesund ist. Das baut die Brücke zum Klimaschutz, der gleichzeitig Gesundheitsschutz ist.

Zum Abschluss der Pressekonferenz hält Geiser den eigenen Kaffeebecher in die Höhe und bedankt sich bei allen, die mit der Bahn angereist sind. Wer medizinische Fachkongresse kennt, bemerkt: Auch hier findet ein Umdenken statt.

Der Kongress läuft noch bis zum 24. Juni 2022.

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