
Um die Narkose bei einer Operation aufrechtzuerhalten, folgt bei einer total intravenösen Anästhesie standardmäßig eine Dauerinfusion von Propofol über eine separate Spritzenpumpe. Uneingeschränkt nachhaltig ist dieses Vorgehen nicht, konstatiert das Universitätsklinikum Bonn (UKB) – weshalb sich Forschende auf die Suche nach einer Alternativlösung zur Reduzierung des Abfallaufkommens gemacht haben. Das Ergebnis: Sie empfehlen den Einsatz einer einzigen Spritzenpumpe für die Einleitung und Aufrechterhaltung der Narkose; das sei sparsamer als eine separate Spritze zu verwenden.
In einigen Einrichtungen entfallen bis zu 45 Prozent aller Medikamentenabfälle im Operationssaal auf Propofol.
Relevant ist diese Erkenntnis für Kliniken nicht zuletzt deshalb, da sie nachhaltige Strategien zum Schutz von Ressourcen entwickeln müssen – um dem Klimawandel zu begegnen. Die die Anästhesiologie und Intensivmedizin zählen zu den ressourcen- und energieintensivsten Bereichen im Krankenhaus. Als Erzeuger eines erheblichen Anteils an Krankenhaus- und Medikamentenabfällen steht er besonders im Fokus. „Ein Spitzenreiter in Sachen Medikamentenverwurf ist Propofol“, führt Prof. Dr. Mark Coburn, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin (KAI) am UKB aus. Im Regelfall wird es Patientinnen und Patienten im OP zunächst mit einer Spritze injiziert, um die Narkose einzuleiten. Sind sie eingeschlafen, folgt häufig eine Dauerinfusion über eine separate automatische Spritzenpumpe. Das Problem: „In einigen Einrichtungen entfallen bis zu 45 Prozent aller Medikamentenabfälle im Operationssaal auf Propofol“, betont Dr. Florian Windler, Assistenzarzt der KAI am UKB. On top kommt, dass ein Viertel des vorbereiteten Anästhetikums am Ende der Operation ungenutzt für den Müll übrig bleibt.
Spritzenreduktion empfohlen
In Bonn haben die Forschenden nun analysiert, ob durch die Verwendung nur noch einer Spritzenpumpe der Propofolverwurf reduziert werden kann. Diese Methode findet aktuell schon Anwendung. Dazu untersuchten sie den Propofolverbrauch und Verwurf in den Anästhesieprotokollen von über 300 Operationen im Zeitraum von Juni 2021 bis Juni 2023. Um herauszufinden, ob dieses Vorgehen auch wirklich umweltschonender ist, verglichen sie die Eingriffe der herkömmlichen Methode mit denen der Alternative mit nur einer Spritzenpumpe. Auf dem Prüfstand stand auch, ob es Unterschiede beim Propofol-Verwurf zwischen den beiden Methoden in Bezug auf klinische Daten wie Alter, Gewicht und Geschlecht der Patient*innen sowie deren Alkohol- und Drogenkonsum gibt.
Die Forschenden brachten dabei zu Tage, dass im Schnitt pro Operation rund 30 Prozent weniger Propofol verworfen, wenn die Narkose mit einer einzigen Spritzenpumpe durchgeführt wurde, hebt Erst- und Korrespondenzautor Dr. Windler hervor. Bei 20- bis 100-minütigen Eingriffen sorgte dieses Verfahren sogar für bis zu fast 50 Prozent weniger Popofolverwurf. Alter, Geschlecht, Gewicht oder Vorerkrankungen der Patienten beeinflussten den Verwurf in der Operation nicht.
Ein anderes Bild zeichnete sich bei Alkohol- und anderen Substanzen konsumierenden Patientinnnen und Patienten. Diese benötigen in der Regel mehr Narkosemittel während Operationen. Der Verwurf bei diesen Patient*innen war erhöht. „Interessanterweise nur, wenn wir mit einer zusätzlichen Spritze einleiten. Der Effekt ist hingegen bei Nutzung der Spritzenpumpe nicht sichtbar, sondern reduziert den Verwurf um 49 Prozent“, ergänzt Co-Autor Prof. Coburn.
Grüne Anästhesie: Win-win-Situation für Patienten und Klinik
„Unsere Analyse deutet darauf hin, dass die Verwendung einer einzigen Spritzenpumpe für die Einleitung sowie die Aufrechterhaltung der Anästhesie insgesamt die beste Option ist“, fasst Dr. Windler zusammen. Die Methode könnte demnach tatsächlich eine nachhaltigere Variante darstellen – und ist auch aus hinsichtlich der Kostensenkung eine lohnenswerte Maßnahme. Umgerechnet könnten rund 1 300 Fläschchen der häufig verwendeten 20-Milliliter-Fläschchen Propofol pro Jahr eingespart werden bei einer zehn- bis 15-maligen Anwendung des Verfahrens pro Tag.
„Die Narkoseeinleitung mit separater Spritze sollte aus ökologischer als auch aus ökonomischer Sicht als Standardmethode überdacht werden“, appelliert Prof. Coburn. Er ist der Initiator des Green Team der KAI am UKB, das die Nachhaltigkeit stärker in den klinischen Fokus stellen will. „Die Studie zum Propofolverwurf zeigt, wie wir die Folgen unserer Arbeit auf die Umwelt verringern können – ohne dabei die Qualität der Patientenversorgung zu beeinträchtigen.“





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