Optimierungspotenzial

Gesundheitsökonomische Effizienz im OP

Sowohl Chirurgen als auch Patienten profitieren von der Digitalisierung des OP. Es werden mehr schonende Eingriffe möglich, die Risiken sinken und die Effizienz steigt. Das ist auch nötig, denn die Zahl der Operationen nimmt zu.

Hybrid-OP der Charité am Campus Benjamin Franklin

Foto: Charité (Sabine Gudath)

Hybrid-OP der Charité am Campus Benjamin Franklin

Es kommt nicht oft vor, dass Mediziner derart überzeugt sind: Von einer „Technologie, die keine Wünsche offen lässt“, sprach Chirug Max Zegelman im vergangen Jahr, von einem „Lamborghini“ mit dem „wir im Raum Frankfurt Gas geben können“ redete der Radiologe Markus Düx. Und der Sektionsleiter Interventionelle Neuroradiologie Ansgar Schütz war und ist davon überzeugt, dass man jetzt „in der ersten Liga spiele“. Die Mannschaft war begeistert vom neuen Hybrid-Operationssaal. Mehrere Millionen Euro hat die Stiftung zum Heiligen Geist, die Träger der Klinik ist, in Technologie und Anbau investiert. Vor allem Risikopatienten sollen von dem neuen Hybrid-Operationssaal profitieren, den das Krankenhaus Nordwest Anfang Mai in Frankfurt in Betrieb nahm.

Das Besondere an einem Hybrid-OP: Diagnostik und Therapie verschmelzen hier miteinander. Was bisher meistens chronologisch geschehen musste, kann jetzt fast gleichzeitig erfolgen. Zudem können die Ärzte während eines minimalinvasiven Eingriffs dank der hochauflösenden Computer-Tomographie- und Röntgengeräte viel genauer navigieren. Auf zwei riesigen Bildschirmen können sie genau verfolgen, wo im Körperinneren sie sich mit ihren Geräten gerade befinden. Selbst kleinste Gefäße sind zu erkennen und können von den Ärzten – je nach Bedarf – zielgerichtet angesteuert oder umschifft werden. Treten Komplikationen auf, können die Mediziner dank der sterilen Bedingungen im Hybrid-OP jederzeit auf herkömmliche Operationsverfahren umstellen.

 

Digitale Aufrüstung
Hauptnutzer werden in Frankfurt neben den Neuroradiologen erst mal vor allem die Gefäßchirurgen und die Radiologen sein. „Die neue Anlage bietet uns alle medizinischen Möglichkeiten, jegliche Gefäßerkrankungen im Gehirn und in der Wirbelsäule zu behandeln“, stellt Ansgar Schütz fest. Der Radiologe arbeitete schon vorher in Würzburg mit einem vergleichbaren Gerät. Außerdem kennt er einen weiteren Vorteil der Anlage: „Die Strahlenbelastung für die Patienten ist deutlich geringer.“ Klassische Fälle für den Hybrid-OP sind akute Schlaganfälle oder Aneurysmen, aber auch einen Bypass oder Stents können die Mediziner dort einsetzen.

Von München bis Frankfurt biete die digitale Aufrüstung der OP-Säle viele Vorteile. Neben der Möglichkeit, Experten zu konsultieren oder Eingriffe live in Hörsäle zu übertragen, stellt die Technik den Operateuren mehr Informationen zur Verfügung. Schwenkbare Flachbildschirme im Operationssaal zeigen nicht nur das Bild der OP-Kamera und der Endoskope, sondern auch frühere Röntgen- oder Tomografiebilder. Bisher mussten Schwestern oder Anästhesisten dafür in der Patientenakte blättern. Der schnelle Zugriff auf Altbefunde ist jetzt auch ein Zugewinn an Sicherheit.

„Mit der digitalen Revolution erleben wir zurzeit nicht weniger als einen historischen Wendepunkt“, glaubt Eva Braun, Leiterin Health Systems bei Philips. Vernetzung heiße auch bedingt durch die demografische Alterung das Gebot der Stunde. Denn die immer größer werdende Schere zwischen steigender Nachfrage nach Gesundheitsleistungen einerseits und Kostendruck und knappen Ressourcen andererseits zwängen zu neuem Denken und Handeln. „Die Grenzen zwischen Sektoren, Einrichtungen und Disziplinen lösen sich auf und bei Innovationsprozessen rücken patientenrelevanter Nutzen und gesundheitsökonomische Effizienz als Erfolgsfaktoren in den Fokus“, resümiert Braun.

 

Effizienzsteigerungen im OP
So wurde Ende 2015 während einem medizinischen Live-Kongress zum ersten Mal das Endoskopiesystem Visera des Medizingeräteherstellers Olympus eingesetzt. Die neue Ultra-HD-Optik (4K) bot nicht nur eine höhere Bildqualität, breitere Farbskala sowie eine vergrößerte Darstellung sondern ermöglichte den Ärzten auch noch bessere Einblicke in die inneren Organe. Erleichtert wurde dadurch auch die Unterscheidung von gutartigem und bösartigem Gewebe. Diese technologische Weiterentwicklung ist auch deshalb so erfolgversprechend, weil Endoskopiker nicht nur diagnostizieren, sondern auch oft im selben Arbeitsgang die Behandlung übernehmen, indem sie krankhaftes Gewebe bis hin zu Frühstadien des Krebses entfernen.

Die Effizienzsteigerungen im OP sind auch deshalb notwendig, weil zwar einerseits die Anzahl der Krankenhausbetten in Deutschland sinkt, aber auf der anderen Seite immer mehr operiert wird. Rund 19,2 Millionen Patienten wurden 2015 in deutschen Krankenhäusern stationär behandelt, hat das Statistische Bundesamt (Destatis) ausgerechnet. Insgesamt 498.000 Betten standen in den 1.953 Krankenhäusern dafür zur Verfügung. Durchschnittlich 7,4 Tage dauerte im vergangenen Jahr dabei ein stationärer Krankenhausaufenthalt, vor gut zwanzig Jahren war der Aufenthalt noch doppelt so lang. Parallel dazu nahm die Zahl der Operation zu: 16,4 Millionen Mal operierten Ärzte in Deutschland im vergangenen Jahr, 2007 waren es noch 13,6 Millionen Operationen. Die Zahl der Chirurgen liegt konstant zwischen 19 000 und 20 500. In Zukunft sind tendenziell noch mehr Eingriffe nötig, denn die Gesellschaft altert. Schon heute sind knapp 42 Prozent aller operierten Patienten älter als 65 Jahre.

 

Schonendere Eingriffe
Für diese wachsende Patientengruppe sieht sich Bernhard Heindl nun besser gerüstet. Der Leiter des OP-Managements des Klinikums der Universität München konnte im September ein neues Gebäude mit 32 digitalen Operationssälen am Campus Großhadern eröffnen. Darunter auch Hybrid-Operationssäle, in denen im sterilen Bereich bildgebende Geräte stehen, die sonst in der Radiologie zu finden sind. Über Computertomografen (CT) oder Angiografieanlagen, die Gefäßbilder machen, lassen sich während der OP Fortschritte kontrollieren. Teilweise werden sogar im Zuge des Eingriffs CT-Bilder in dreidimensionale Modelle eines Körperteils umgerechnet, um noch genauere Informationen über den Verlauf zu bekommen. „Die Hybrid-Operationssäle bieten uns mehr Möglichkeiten, minimalinvasiv und damit deutlich schonender zu operieren. So können wir Patienten behandeln, bei denen das vorher in diesem Maße nicht möglich war“, sagt Heindl. Fast drei Millionen Euro haben die Hybrid-OPs gekostet, der Neubau inklusive Ausstattung aller OP-Säle schlug mit 197 Millionen Euro zu Buche. Ausgaben, die sich durch die höhere Effizienz langfristig lohnen könnten. Denn durch die Digitalisierung der Operationssäle werden nicht nur die Eingriffe präziser und die Operationszeiten verkürzt, sondern gleichzeitig können die Nebenwirkungen reduziert und Patienten früher entlassen werden.

 

Große Optimierungspotenziale
Das Optimierungspotenzial für die Kliniken ist groß. Der Faktor OP mache bis zu 40 Prozent der Kosten eines Krankenhauses aus und sei für bis zu 60 Prozent der Umsätze verantwortlich, schätzen Experten. Kein Krankenhausmanager kommt deshalb daran vorbei, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Mit zunehmender Technologisierung der Operationssäle steige auch der Bedarf an fachlicher Spezialisierung des OP-Personals, analysiert Florian Distler von Medtronic Integrated Health Solutions Deutschland (IHS). Ein Zentral-OP werde deshalb oft nicht mehr durch ein großes interdisziplinäres OP-Team betreut, sondern durch auf bestimmte medizinische Fachbereiche beziehungsweise Prozeduren spezialisierte Mitarbeiter.

Distler ist Geschäftsführer bei Medtronic IHS, das in den letzten Jahren Partnerschaften mit Krankenhäusern in ganz Europa eingegangen ist. Das Hauptaugenmerk von IHS liegt dabei auf den Bereichen Effizienz- und Prozessoptimierung. „In Folge neuer Technologien und Prozeduren nimmt der Anteil an ambulanten und „kurzzeitchirurgischen“ Eingriffen stetig zu; so werden Patienten zunehmend erst am eigentlichen Tag der Operation in die Klinik einbestellt“, beobachtetet Distler. Die Anforderungen an das OP-Management im Sinne einer funktionalen Planung von Kapazitäten, Ressourcen und OP-Zeiten, um unnötige Wartezeiten für den Patienten und sich daraus ergebende Unzufriedenheit zu vermeiden, hätten sich durch substanziell verändert.

Kommentare (0)

    Kommentar hinzufügen

    Um einen Kommentar hinzuzufügen melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich.

    Jetzt anmelden/registrieren