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Hessen„Es ist schon jetzt alles auf Kante genäht“

Fast zwei Jahre Corona-Pandemie haben das Personal auf den Klinikstationen ausgelaugt. Das Coronavirus traf auf eine ohnehin schon fragile Personaldecke in der Pflege. Zusätzliche Sorgen bereitet nun die Omikron-Variante.

Notfall
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Symbolfoto

In kompletter Schutzkleidung sind die Mitarbeitende im abgeschirmten Covid-19-Bereich der Intensivstation im Einsatz. Manche kleben zusätzlich seitlich ihre Masken ab, um sich nicht zu infizieren. Die Versorgung der Patienten sei eine sehr anstrengende Arbeit, sagt Schahin Fallah Shirazi, Bereichsleiter Intensivationen. Rund zehn Covid-19-Patienten liegen derzeit auf der Station des Sana Klinikums Offenbach, mehr als 200 sind es nach Zahlen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hessenweit.

Auf der Intensivstation des Frankfurter Universitätsklinikums hat die Corona-Pandemie viele Mitarbeitende an die Grenze ihrer Belastbarkeit gebracht hat. Pflegedienst-Gruppenleiterin Zeynep Kallmayer berichtet von Monaten, die konstant „sehr arbeitsintensiv“ gewesen seien: „Wir haben im Prinzip ohne jegliche Regenerationsphase zwischen der dritten und vierten Welle weitergemacht.“

Maßnahmenbündel gegen Personalmangel

Waren Pflegekräfte auf dem Arbeitsmarkt schon vor der Pandemie rar, ist eine ausreichende Personaldecke für die Kliniken nun noch schwerer erreichbar. In Offenbach geht das Konzept nach Angaben von Fallah Shirazi derzeit auf: „Wir haben eine sehr stabile Personalsituation und eine niedrige Fluktuation.“ Grundlage sei ein ganzes Bündel von Maßnahmen.

Schon vor der Pandemie habe man Wert auf familiengerechte Arbeitszeiten gelegt, etwa für Alleinerziehende oder Mitarbeitende, die Angehörige pflegten. „Dann schauen wir, dass wir die Dienstpläne so erstellen, dass die Betreuung gewährleistet ist und gleichzeitig die Arbeit ermöglicht werden kann“, sagt der Bereichsleiter. Es gebe zudem vielfältige Angebote bei Weiterbildungsinteresse und für Fachkräfte aus dem Ausland ein Patensystem. Auch Netzwerken sei immens wichtig, um Mitarbeitende zurückgewinnen zu können.

Insgesamt 180 Pflegekräfte arbeiten auf den drei Intensivstationen des Klinikums. Das Betriebsklima dort sei in der Tat gut, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Peter Eichler. Nach fast zwei Jahren sehr großer Arbeitsbelastung durch die Pandemie wäre für die Mitarbeitende aber eine Erholungspause dringend nötig.

Kritik wegen Willkommensprämie am UKGM

Auch andere Kliniken in Hessen berichten von umfangreichen Mühen, Fachkräfte anzuwerben oder intern aus- und weiterzubilden, etwa in Kassel und Fulda. „Der Markt ist im wahrsten Sinne des Wortes leer gefegt“, erklärt Frank Steibli, Sprecher des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM), das im vergangenen Jahr Kritik der Mitarbeiter wegen einer 5000-Euro-Willkommensprämie für neue Intensivpflegekräfte auf sich gezogen hatte.

Die Fluktuation sei im Vergleich zum Schnitt der Vorjahre gleich, doch es gebe weniger Neueinstellungen. Die Gewinnung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei „insbesondere für die Intensivpflege und den OP“ deutlich schwerer geworden. Das Klinikum setze bei der Anwerbung auch auf Social Media, Messen und Schulbesuche und habe die Ausbildung von Pflegekräften verstärkt.

Die Arbeitsbedingungen müssten besser werden, sagt der für Gießen und Marburg zuständige Verdi-Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm: Bezahlung, Arbeitszeiten und Verlässlichkeit von Dienstplänen. Es müsse eine ausreichende Zahl von Mitarbeitenden eingesetzt werden, um eine gute Pflege sicherzustellen. Gewerkschaftssekretärin Hilke Sauthof-Schäfer verweist auf einen Entlastungstarifvertrag, der an der Berliner Charité erreicht worden sei. Entsprechende Überlegungen gebe es auch für Hessen.

Unattraktives Bild des Pflegeberufs

Der Ärztliche Direktor des Frankfurter Universitätsklinikums, Prof. Jürgen Graf, sieht mehrere grundsätzliche Probleme. Eines sei die gesetzliche Regelung zur Beschränkung der Arbeitszeit, die sogenannten Pflegepersonaluntergrenzen. Sie legen fest, wer auf welcher Station wie viel arbeiten darf. Seit Februar 2021 darf zum Beispiel auf einer Intensivstation eine Pflegekraft in der Tagschicht maximal zwei und in der Nachtschicht maximal drei Patienten betreuen. „Das führt natürlich dazu, dass weniger Betten betrieben werden können“, sagt Graf.

Studien prognostizierten, dass in den nächsten Jahren weit mehr Pflegende altersbedingt ausschieden als junge Menschen neu in die Berufe kämen. Um gegenzusteuern, brauche es mehr als Prämien oder Applaus vom Balkon, sagt Graf: „Wir brauchen vor allem eine andere Wahrnehmung dieses Berufs. So, wie wir derzeit über Pflege sprechen, ist das wenig attraktiv.“

„Nach zwei Jahren Pandemie spüren wir die Dauerbelastung der Pflege“, sagt der Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Prof. Steffen Gramminger. „Es ist schon jetzt alles auf Kante genäht.“ Mitarbeitende hätten gekündigt, ihre Arbeitszeit reduziert oder sich versetzen lassen – vor allem auf Intensivstationen. Die Omikron-Welle könnte nun die bestehenden Engpässe verstärken.

Ungeimpfte Patienten sorgen für volle Stationen

Die Krankenhäuser und Kliniken haben Notfallpläne aufgestellt. Im Sana Klinikum Offenbach liegt nach Angaben von Bereichsleiter Fallah Shirazi für den Fall personalintensiver Notfallsituationen ein Leitfaden vor, wie auch Mitarbeitende aus anderen Klinikbereichen auf der Intensivstation mithelfen können. „Das haben wir in der ersten Welle schon einmal durchgespielt und uns vorbereitet“, sagt er.

Dass auch viele ungeimpfte Patienten auf der Intensivstation liegen, sei ein emotionales Thema für die Mitarbeitenden, sagt der Bereichsleiter. Denn sie wüssten, dass es sehr viel weniger Covid-19-Intensivfälle gäbe, wenn mehr Menschen geimpft wären: „«Es müsste nicht die Zahl an Patienten geben, die wir momentan haben.“

„Wir bieten unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Teilzeit eine flexible Erhöhung ihrer Arbeitszeit an“, berichtet der Klinikkonzern Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) von den dort vorbereiteten Notfallplänen. Hinzu komme die Möglichkeit der Beschäftigung während der Altersteilzeit, zudem gehe man aktiv auf ehemalige Mitarbeitende in Rente zu. Einspringen bei Personalengpässen könnten zudem entsprechend ausgebildete Mitarbeitende in der Verwaltung.

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