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Recruiting anders denkenWenn der Pflegedirektor zum Käffchen lädt

Freches Online-Tool, Bewerbung ohne Unterlagen, mehr Eigenverantwortung – um Pflegekräfte für sich zu gewinnen, gehen viele Kliniken neue Wege. Das Ziel ist, aufzufallen, sich abzuheben, mit ungewöhnlichen Impulsen zu punkten. Drei Beispiele mit ganz unterschiedlichen Ansätzen.

Oliver Hommel hat eine klare Mission: mehr Pflegekräfte einstellen, die Zahl der Leasingkräfte weiter reduzieren. Für dieses Ziel haben der Pflegedirektor des Klinikums Stuttgart und sein Team das übliche Bewerbungsverfahren ordentlich aufgemischt: „Wir bewerben uns bei den Pflegekräften. Nicht umgekehrt“, sagt Hommel.

Ohne vorab Bewerbungsunterlagen einzureichen, können sich Pflegkräfte, die an einer Tätigkeit im Klinikum interessiert sind, jetzt ungezwungen mit Führungskräften aus der Pflege austauschen. In entspannter Atmosphäre, beispielsweise bei einem Kaffee im Klinik-Bistro, erfahren sie, welche Karrieremöglichkeiten sie in den 50 Kliniken und Instituten des Klinikums haben und welche Angebote, von der Fortbildung über Fahrrad-Leasing bis zur Betriebs-Kita, sie als Mitarbeitende nutzen können.

Wir wollen mit den Pflegekräften einfach, schnell und unkompliziert ins Gespräch kommen und verzichten im ersten Schritt auf sämtliche Bewerbungsunterlagen.

Dazu hat Baden-Württembergs größtes Krankenhaus die Kampagne „Lerne die Pflege kennen“ gestartet. Nach dem ersten Kennenlernen erhalten interessierte Pflegekräfte ein möglichst auf ihre Bedürfnisse und Wünsche hin zugeschnittenes Angebot, sagt Michael Dippold, der Leiter Recruiting und Personalmarketing: „Wir wollen mit den Pflegekräften einfach, schnell und unkompliziert ins Gespräch kommen und verzichten im ersten Schritt auf sämtliche Bewerbungsunterlagen.“ Das Kennenlernen habe nicht den Charakter eines klassischen Vorstellungsgesprächs.

Interessenten können vorab mitteilen, in welchem Zentrum des Klinikums sie tätig sein wollen, beispielsweise im Zentrum für Innere Medizin, für Operative Medizin, für Kinder-und Jugendmedizin oder im Zentrum für seelische Gesundheit. „Je nach Präferenz findet das Gespräch mit einer Pflege-Führungskraft aus dem jeweiligen Bereich statt“, erklärt Dippold: „Damit kommen wir weg von der Bewerbung auf eine bestimmte Stelle und bewegen uns hin zum passgenauen individuellen Jobangebot.“

RKH Klinikum Ludwigsburg – Projekt „Dialog im Dreiklang“

Das RKH Klinikum Ludwigsburg versucht unter anderem mit dem Projekt „Dialog im Dreiklang – Pflege, Therapie und Patient“, Fachkräfte für den Pflegeberuf wiederzugewinnen und langfristig zu binden.

Ein Baustein des Projekts ist eine spezielle Einheit mit sechs Betten für eine eigenverantwortliche pflegerische Begleitung von schwer betroffenen Schlaganfallpatienten. Diese werden nach Abschluss ihrer Akutbehandlung auf der Stroke Unit nicht mehr auf eine periphere neurologische Station verlegt, weil die Teams dort dem hohen Unterstützungsbedarf nicht gerecht werden können, was wiederum zu einer höheren Belastung der Pflegenden und Therapeuten führt.

Einsatz von Pflegelotsen

Für die neue Einheit wird derzeit ein Betreuungskonzept entwickelt – eigenverantwortlich durch die Pflege im Zusammenspiel mit dem ärztlichen und therapeutischen Team. Dieser zweite Baustein führe bei den Pflegekräften zu einer Stärkung der Fachkompetenz und zu einer Erhöhung der Zufriedenheit durch das eigenverantwortliche Gestalten, heißt es im Klinikum.

Die kreativen Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Projekts führen zu einer Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs.

Eine qualifizierte Nachsorge und Beratung durch die Pflege ist ein dritter Baustein des Projekts. Schon während des Aufenthalts auf der spezialisierten Betteneinheit sollen über Kontakte mit den Angehörigen und über deren spezielle Schulung durch die Pflegenden wichtige erste Schritte für die „Zeit danach“ gemacht werden. Ein vierter Baustein ist der geplante Einsatz von sogenannten Pflegelotsen. Durch sie können die Patienten von der Aufnahme bis zur Rückkehr in den häuslichen Bereich und das berufliche Umfeld begleitet werden. „Für Wiedereinsteiger in den Pflegeberuf oder Pflegekräfte mit Handicap ist diese Tätigkeit als Pflegelotse ein attraktives Arbeitsfeld“, sagt Prof. Dr. Christian Förch, Ärztlicher Direktor der Klinik für Neurologie.

„Die kreativen Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Projekts führen zu einer Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs“, sagt Harry Wolpert, Fachkrankenpfleger Intensiv, Pflegeberater und Begleiter des Projekts. „Neben den Pflegekräften profitieren die Schlaganfallpatienten und ihre Angehörigen, da sie eine optimierte Versorgung und Förderung erhalten.“ Auch dem Land Baden-Württemberg war das Projekt eine Auszeichnung wert. Im Ideenwettbewerb „Wiedereinstieg und Verbleib im Pflegeberuf“ erhielt es ein Preisgeld von 70 000 Euro.

Johannesstift Diakonie – Recruiting per „Team-O-Mat“

Die Johannesstift Diakonie in Berlin setzt auf den Team-O-Mat, um zu zeigen, wie attraktiv, vielfältig und erfüllend der Beruf sein kann. Mit der Recruiting-Idee lasse sich der Bewerbungsprozess für Pflegekräfte und Quereinsteiger vereinfachen und direkt das passende Arbeitsumfeld finden. So sollen die Zufriedenheit der Pflegenden gesteigert, Barrieren reduziert und langfristig wieder neue Fachkräfte gewonnen werden, erklärt das Unternehmen. Die Online-Recruiting-Plattform sei zusammen mit eigenen Pflegekräften entwickelt worden.

Kern der Online-Plattform ist die sogenannte Matching-Methodik. Dafür beantworten die nach neuen Herausforderungen suchenden Pflege-Profis oder Quereinsteiger zehn Fragen zu ihren persönlichen Wünschen und Aspekten des Pflegealltags: Lieber ein großes oder ein kleines Team? Welche Patientengruppe wird bevorzugt? Will man einen durchstrukturierten Arbeitsalltag oder eher Raum für Selbstorganisation? Wer bereits weiß, welche Bereiche oder Standorte passen, kann sich die Teams gefiltert nach Bundesland, Fachbereich oder Einrichtung zeigen lassen. Die illustrierten Avatare Timo und Martha helfen dabei.

Einen derart authentischen Einblick erhält man sonst erst nach den ersten Arbeitstagen.

Sind die Fragen beantwortet, trifft der Team-O-Mat selbstständig eine Vorauswahl und spielt als Ergebnis nur die Pflegeteams aus, die am besten zu den persönlichen Präferenzen passen. Die Interessenten können sich die Seiten ihrer potenziellen zukünftigen Kollegen im Anschluss direkt ansehen. Die Teams haben persönliche Texte, Bilder und Videos in Eigenregie erstellt und geben realistische Einblicke in ihren Arbeitsalltag, erklärt Projektleiterin Anne Netz: „Einen derart authentischen Einblick erhält man sonst erst nach den ersten Arbeitstagen.“

Gefällt ein Team, können sich Pflegefachkräfte oder Quereinsteiger direkt über einen Button bewerben oder eine Hospitation vereinbaren, erklärt Netz. Und das gelte ebenso für Pflegekräfte, die bereits bei der Johannesstift Diakonie arbeiten: „Auch eine eventuelle Neuorientierung im Unternehmen wird enorm erleichtert.“

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