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Covid-FolgenNiedersächsische Kliniken fürchten finanziellen Kollaps

Mehr als drei Viertel der Krankenhäuser in Niedersachsen sind mittel- bis langfristig in ihrer Existenz bedroht. Das ergab eine Umfrage der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG) zur wirtschaftlichen Situation der Kliniken .

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Symbolfoto

Die wirtschaftliche Situation der Kliniken in Niedersachsen ist so dramatisch wie nie zuvor und wird sich voraussichtlich noch weiter verschlechtern. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG) hervor. Hauptgründe sind:

  • unzureichende Corona-Hilfen
  • mangelnde Bereitschaft der Krankenkassen, auskömmliche Pflegebudgets zur Verfügung zu stellen
  • überbordende bürokratische Dokumentationsanforderungen, die den Fachkräftemangel weiter verschärfen.

Den Umfrageergebnissen zufolge sind erstmals mehr als drei Viertel der Krankenhäuser mittel- bis langfristig in ihrer Existenz bedroht. Nur jedes fünfte Krankenhaus in Niedersachsen wird für das zurückliegende Jahr 2021 ein positives Betriebsergebnis erzielen können. Im Verlauf des Jahres 2022 erwarten die Kliniken eine weitere Zuspitzung ihrer wirtschaftlichen Lage. Dann wird der Erhebung zufolge nur noch jedes zehnte Krankenhaus schwarze Zahlen schreiben.

Anhebung und Ausgestaltung des Corona-Rettungsschirms notwendig

Wesentlicher Grund für diese dramatische Entwicklung ist die Corona-Pandemie mit ihren schwerwiegenden Auswirkungen auf die Krankenhäuser. 75 Prozent der Kliniken geben an, dass sich die geringere Auslastung durch Belegungsrückgänge und Einschränkungen des Regelbetriebs massiv auf das Leistungsgeschehen und dessen Refinanzierung auswirken. Und dies läge nicht an mangelndem Engagement. Im Gegenteil: Entgegen häufig wiederholter Behauptungen beteiligt sich der wesentliche Anteil der Krankenhäuser aktiv an der Versorgung von Covid-19-Erkrankten. Im Vergleich zur Vorjahresumfrage versorgten mit rund 79 Prozent noch einmal mehr Kliniken Covid-19-Erkrankte als im Vorjahr (65 Prozent).

Aus Sicht der NKG besteht akuter Handlungsbedarf, damit die Krankenhäuser auch weiterhin für die notwendige Versorgung zur Verfügung stehen können. Dafür benötigen die Kliniken dringend sofortige Maßnahmen zur Liquiditätssicherung. Sowohl die Nichtbelegung von Krankenhausbetten als auch die vielfach nicht ausreichende Finanzierung der Pflegepersonalkosten reißen tiefe Löcher in die Finanzplanung. Darüber hinaus zeige die Umfrage, dass der von der Bundespolitik gespannte Corona-Rettungsschirm für 2021 unzureichend war. Rund 83 Prozent der niedersächsischen Krankenhäuser geben an, dass dieser die Corona-bedingten Verluste des Jahres 2021 nicht ausgleichen wird. Hier ist eine Anhebung erforderlich ebenso wie eine sachgerechtere Ausgestaltung des im neuen Pandemiejahr notwendigen umfassenderen Corona-Rettungsschirms 2022.

Grotesk sei für die Krankenhäuser Niedersachsens, dass die Verhandlungen der Pflegebudgets mit den Krankenkassen seit zwei Jahren stocken und somit hohe Beträge zur Finanzierung der Pflegepersonalkosten nicht fließen. Die Erwartungen der Krankenhäuser zum Pflegebudget, mit dessen Einführung den Krankenhäusern die vollständige Finanzierung ihrer Pflegepersonalkosten von der Bundespolitik versprochen wurde, sind daher extrem pessimistisch. Nur noch knapp 11 Prozent erwarten der Umfrage zufolge eine Verbesserung der Finanzsituation durch die Einführung des Pflegebudgets. Rund 47 Prozent rechnen sogar mit einer Verschlechterung. „Hinsichtlich der Zielsetzung des 2019 in Kraft getretenen Pflegestärkungsgesetzes ist das ein Offenbarungseid“, bewertet NKG-Verbandsdirektor Helge Engelke diese Ergebnisse.

Der Fachkräftemangel ist die größte Herausforderung

Trotz aller Widerstände und Hindernisse engagieren sich die Krankenhäuser weiterhin massiv für die Verbesserung von Ausbildung und Arbeitsplatzattraktivität. Rund 70 Prozent der Kliniken haben die Anzahl ihrer Vollkräfte in den zurückliegenden drei Jahren gesteigert und ein Großteil der Krankenhäuser beabsichtigt auch in den kommenden drei Jahren eine weitere Aufstockung des Personals. Befragt nach den wesentlichen Herausforderungen in den kommenden drei Jahren nennen die Krankenhäuser daher an erster Stelle den Fachkräftemangel. Rund 96 Prozent der befragten Krankenhäuser geben an, dass es schwierig bzw. sehr schwierig ist, Stellen zu besetzen. In den Krankenhäusern in Niedersachsen fehlen der Erhebung zufolge durchschnittlich acht Pflegekräfte je Einrichtung. In die gleiche Kerbe schlägt das Krankenhaus Barometer 2021 vom Deutschen Krankenhausinstitut (DKI). Vier von fünf Kliniken klagen demnach über Schwierigkeiten bei der Besetzung von Pflegestellen auf Allgemein- und Intensivstationen.

Verschärft würde der Fachkräftemangel dadurch, dass der Dokumentationsaufwand in den Kliniken in den vergangenen Jahren ausgehend von einem hohen Niveau noch weiter zugenommen hat. Mehr als 90 Prozent der Krankenhäuser geben an, dass der Dokumentationsaufwand für das Personal in den vergangenen Jahren stark bzw. sehr stark angestiegen ist. Diese Entwicklung ist angesichts der außerordentlichen Belastung der Beschäftigten durch die Corona-Pandemie aus Sicht der NKG nicht tragbar.

82 Prozent der Krankenhäuser in Niedersachsen haben teilgenommen

„Die aktuellen Umfrageergebnisse sind alarmierend und markieren einen neuen Tiefpunkt seit Beginn unserer Erhebungen im Jahr 2010. Gemeinsames Ziel aller politischen Entscheidungsträger muss es jetzt sein, die Krankenhäuser in Niedersachsen und ihre Beschäftigten in dieser Krise historischen Ausmaßes wirtschaftlich abzusichern, um auch künftig eine flächendeckende stationäre Versorgung zu gewährleisten. Hierzu gehört auch die Bereitschaft von Politik und Krankenkassen, die erforderlichen Finanzierungsgrundlagen bereitzustellen“, unterstreicht Engelke.

An der Befragung für den aktuellen NKG-Indikator haben 138 von insgesamt 168 Krankenhäusern in Niedersachsen teilgenommen. Das entspricht einem Anteil von rund 82 Prozent der Krankenhäuser im Land. Zugleich stehen die teilnehmenden Krankenhäuser für rund 87 Prozent der gesamten Krankenhausbetten in Niedersachsen. Der „NKG-Indikator 2021“ umfasst neben Aussagen zur wirtschaftlichen Situation der Krankenhäuser viele weitere Ergebnisse zu den Themenfeldern Personal, Ausbildung, Arbeitsplatzattraktivität, Dokumentationsaufwand und zukünftigen Herausforderungen für die Kliniken.

Verdi-Chef verlangt mutigere Finanzierungsalternativen

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Verdi, Frank Werneke, sieht ebenfalls große Schwächen bei der wirtschaftlichen Absicherung der Kliniken und vermisst im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung „mutigere“ Alternativen zu ihrer Finanzierung. Seiner Ansicht nach müsse das Fallpauschalensystem und damit die Ökonomisierung des Krankenhauswesens aufgebrochen sowie über eine eine alternative Finanzierung nachgedacht werden, in der das Vorhalten von Gesundheits- und Pflegeleistungen stärker berücksichtigt wird. Die neuen Regierungsparteien äußern sich zur dringend notwendigen Reform in seinen Augen bisher nicht konkret genug.

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