
1993 verabschiedete der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer das Gesundheitsstrukturgesetz mit einer restriktiven Bedarfsplanung und schuf damit den historischen „Ärztebauch“. Damals beantragten viele Mediziner vorher noch schnell die Zulassung für eine Niederlassung. Deutschland besaß damit eine flächendeckende medizinische Versorgung. Heute kommt diese Ärzteschwemme in das Pensionsalter und hinterlässt eine gravierende Versorgungslücke in den ländlichen Regionen.
Neben dem beklagten Ärztemangel haben die Kliniken auch noch mit dem Pflegenotstand zu kämpfen. Schon jetzt fehlen 100.000 Pflegekräfte. Die deutsche Wirtschaft beklagt 315.000 unbesetzte Stellen in den naturwissenschaftlichen und technischen Berufen. Der gegenwärtige Bauboom wird massiv gebremst durch den Mangel an Handwerkern. Den Schulbetrieb halten zunehmend fachfremde Quereinsteiger aufrecht, denn bis 2030 werden Zehntausende zusätzliche Lehrer benötigt.
An Mahnern hat es nie gefehlt
Diese kritischen Entwicklungen zeichnen sich ja schon seit Jahrzehnten ab, an Mahnern hat es nie gefehlt. Wie es scheint, hat die deutsche Gründlichkeit ein grundsätzliches Problem mit Vorhersagen des Personalbedarfs. Im ständigen Bemühen, die Zukunft planwirtschaftlich zu kontrollieren, vertrauen die Strategen auf Prognosen der Experten. Leider wird man oft durch einfaches Würfeln vergleichbare Ergebnisse erzielen, wie der Berkeley-Professor Philip Tetlock im Jahre 2006 anhand der Auswertung von 82.361 Vorhersagen von 284 Experten über einen Zeitraum von zehn Jahren nachwies.
Lineare Extrapolationen und hektischer Alibiaktionismus helfen bei der Steuerung von komplexen Systemen nie weiter, vor allem wenn diese auch noch dynamisch auf Eingriffe reagieren. Die neuen Fachkräfte zum Stopfen der aktuellen Lücken benötigen in der Regel eine langjährige Ausbildung. Ob in zehn Jahren für diesen Sektor immer noch massenweise Fachleute benötigt werden, ist höchst fraglich. Der Agrarwissenschaftler Arthur Hanau entdeckte schon 1927 einen periodischen Zyklus beim Schweinepreis, ausgelöst durch die Verzögerung von Nachfrage und Angebot. In der Wirtschaftswissenschaft hat sich der Begriff Schweinezyklus eingebürgert. Bei guten Jobaussichten drängen viele Studienanfänger in das nachgefragte Fachgebiet, um anschließend Jahre später beim Berufsstart festzustellen, dass der Bedarf längst gedeckt ist.
Was tun?
Was ist also die bessere Strategie? Optimiere deine vorhandenen Ressourcen! Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen löste ihr Nachwuchsproblem 2015 in gesetzgeberischer Rekordzeit mit dem Bundeswehr-Attraktivitätssteigerungsgesetz: Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der dienstlichen Gestaltung, der Vergütung und der sozialen Absicherung und Versorgung. Warum also verbessert die Politik nicht vorrangig das Image und die Situation von Lehrern, Landärzten und Pflegekräften? Eine Steigerung der Effizienz durch einen radikalen Abbau der Bürokratie und eine leistungsgerechtere Vergütung würde die Lebensqualität der bereits heute verfügbaren Arbeitskräfte wesentlich erhöhen.
„Komplexe Probleme haben oft eine Lösung, die verständlich, einfach und unkompliziert ist. – Leider ist sie meistens falsch!“ (Autor unbekannt)






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