Georg Thieme Verlag KG

KommentarWo ist der Zeremonienmeister?

Wäre des Gesundheitswesen ein Orchester, wären die produzierten Klänge vermutlich eher schrill bis ohrenbetäubend. Denn konzertiert scheint aktuell keine Aktion. Zu unterschiedlich und vor allem zu stark, sind die (wirtschaftlichen) Partikularinteressen.

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Morgen öffnen in Berlin die Tore des diesjährigen Hauptstadtkongress (HSK), der als „unverzichtbare Plattform für kontroverse Debatten, hitzige Diskussionen und kritische Diskurse“ zwischen Entscheidungsträgern aus Politik, Kliniken, Gesundheitswirtschaft, Ärzteschaft, Pflege, Forschung und Kostenträgern angepriesen wird.

Ob der HSK dies alles leisten kann und ob drei Tage wirklich ausreichen, wage ich vorsichtig in Frage zu stellen. Wovon ich aber absolut überzeugt bin: Wir brauchen kontroverse Debatten, hitzige Diskussionen und kritische Diskurse, um den Status Quo im Gesundheitswesen zum Positiven zu verändern.

Alte Zöpfe endlich abschneiden

Hitzig diskutiert wird schon einmal – zumindest zwischen der Ärzteschaft und der Apothekenzunft. Letztere sollen ab sofort nämlich pharmazeutische Dienstleistungen wie das Erfassen von Bluthochdruck oder die richtige Anwendung von Inhalationsgeräten in der Apotheke nebenan anbieten können, die sie wiederum von den Kassen vergütet bekommt. Als „staatlich geförderte Abzocke“ bezeichnet hingegen die Kassenärztliche Vereinigung Hessen das Vorhaben, wo vor allem die Höhe des Honorars bitter aufzustoßen scheint.

Ähnlich gelagert ist auch die Klage des Wort & Bild Verlags (W&B), der unter anderem die Apothekenumschau herausgibt. Dort sieht man „einen massiven Eingriff in die Pressefreiheit“ durch das vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) betriebene „Nationale Gesundheitsportal“.

Ich will und werde in beiden Fällen an dieser Stelle keine Partei für die eine oder andere Seite ergreifen. Was an den Beispielen jedoch auffällt – mir zumindest: Es geht um wirtschaftliche Interessen und die Sorge, dass der berühmte Wettbewerb, das eigene Geschäft eben nicht belebt. Was die hitzig geführten Diskussionen jedoch auslassen, ist die Frage, was denn für die Patientinnen und Patienten am Ende des Tages wohl besser wäre. Schadet eine zusätzliche Informationsquelle tatsächlich? Und wenn ja, wieso? Oder ist die Erklärung der richtigen Nutzung eines Inhalators in einem separaten Raum in der Apotheke mit weniger Zeitdruck als in der durchschnittlichen Hausarztpraxis nicht vielleicht angenehmer für die Patientinnen und Patienten? Die Antworten auf diese Fragen sind offen, nur wurden sie im Diskurs selbst – zumindest medial – (noch) nicht gestellt.

„Vom Ende her denken“

Dabei hat unser Gesundheitsminister Karl Lauterbach genau das gemeint, als er im Rahmen der diesjährigen DMEA den Satz „Wir müssen vom Ende her denken“ formulierte. Es ginge um die Anwendung neuer Lösungen, die den Patientinnen und Patienten eine „bessere Medizin“ zugutekommen lassen solle.

Genau deshalb ist es aus meiner Sicht jetzt auch wichtig, dass sich das BMG seiner Rolle als Zeremonienmeister bewusst wird. Denn wenn die beiden oben aufgezeigten Beispiele eines deutlich machen, dann dass die Interessenslage im Gesundheitswesen breit gefächert ist. Zwischen diesen zahlreichen Partikularinteressen geraten die Interessen der eigentlichen Hauptakteure – nämlich die der Patientinnen und Patienten – leider viel zu oft unter die Räder. Was wir also in erster Linie brauchen, ist eine zentrale Anlaufstelle, die diese Interessen ausnahmslos vertritt. Vermutlich müssen diesbezüglich auch die Interessensvertretungen der Patientinnen und Patienten gegenüber dem BMG etwas lauter werden, damit der Lobbyismus aus anderen Richtungen nicht erneut die Oberhand gewinnt.

Neue Musiker für ein gutes Orchester?

Was außerdem im Gesundheitswesen auffällt, ist die Personalrochade, die derzeit Mittel der Wahl zu sein scheint. Da wechselt ein*e Verbandschef*in zum BMG, ein*e BMG Mitarbeiter*in zum Verband und der/die Krankenkassen-Lobbyist*in kriegt eine ganze BMG-Abteilung mit viel Einfluss.

Was ich mich bei solchen Personalmeldungen immer Frage: Wie viel des vorherigen Postens nimmt der- oder diejenige mit in den neuen Job? Denn wir alle wissen doch, wenn wir uns an die eigene Nase fassen, wie sehr uns bisherige Erfahrungen prägen. Daher denke ich oft, dass wir den Diskurs über die Zukunft des Gesundheitswesens auf einer anderen Ebene führen sollten. Und auch hier stelle ich die Erfahrung und Expertise der Personen keinesfalls in Abrede. Ich frage mich nur, ob wir an der einen oder anderen Stelle, respektive auf dem einen oder anderen Posten, nicht auch mal eine „frische Denke“ brauchen. Menschen, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass etwas nicht sein kann, was nicht sein darf und es deshalb einfach machen. Wir kennen es doch alle: Wenn wir zu lange im eigenen Saft schmoren, werden wir „betriebsblind“. Dann muss man manchmal den berühmten Schritt zurück machen, auf die Metaebene gehen und sich fragen: Wo wollte ich eigentlich hin, wo bin ich falsch abgebogen und wie komme ich auf den richtigen Weg zurück.

Aus meiner Sicht kann diese Frage nach dem richtigen Weg immer nur aus der Perspektive der Patientinnen und Patienten beantwortet werden – und wir brauchen den passenden Dirigenten, der die vielen verschiedenen Stimmen und Instrumente zu einem harmonischen Stück zusammenführt.

Aktuell vermisse ich vor allem diesen Dirigenten, den Zeremonienmeister, und auch deshalb ist der Diskurs dieser Tage vielleicht etwas zu laut, zu schrill und zu unharmonisch. Und das ist schade, denn auch auf die Gefahr hin, dass ich mich zum 100-Mal wiederhole: Wir haben JETZT eine riesengroße Chance – aber eben nur, wenn wir im Gesundheitswesen unsere Kräfte bündeln, unser Know-how und Wissen vereinen und gemeinsam ein Ziel verfolgen. Im Sinne des diesjährigen HSK-Mottos: Lassen Sie uns in Berlin sehr gerne kontrovers und von mir aus auch hitzig und kritisch über diesen Kommentar diskutieren. Ich freue mich drauf!

2022. Thieme. All rights reserved.

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!