Georg Thieme Verlag KG

KommentarDreamteam – innovative Technologien und Gesundheitsdaten

Die Forderung nach einer freie(re)n Nutzung von Gesundheitsdaten ruft den Datenschutz auf den Plan. Aber ist es wirklich so abwegig, dass sich neue Technologien und ein hoher Datenschutz gegenseitig bedingen? Hier lohnt sich eine detaillierte Analyse.

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Es gibt zahlreiche Witze über Menschen, die aus bestimmten Regionen kommen, und deren Eigenarten karikieren. Schwaben sind ja bekanntlich extrem sparsam, daher lautet ein Witz auf Kosten der Menschen in dieser Region: „Was macht ein Schwabe am 4. Advent? Er sitzt mit zwei Adventskerzen vor einem Spiegel.“ Welche Eigenart man den Ostfriesen nachsagt? Raten Sie doch mal: „Was machen Ostfriesen, wenn sie einen Eimer heißes Wasser übrighaben? Einfrieren, heißes Wasser kann man immer gebrauchen.“

Soweit ich weiß, gibt es keine derartigen Witze über die Bewohner des schönen Freistaats Bayern. Was aber ab sofort beim Thema Gesundheitsdatenschutz zum Running Gag werden könnte: „Das haben ja sogar die Bayern verstanden.“ Denn bis zum 1. Dezember dieses Jahres gilt noch folgender Passus des Bayerischen Krankenhausgesetzes: „Zur Verarbeitung oder Mikroverfilmung von Patientendaten, die nicht zur verwaltungsmäßigen Abwicklung der Behandlung der Patienten erforderlich sind, darf sich das Krankenhaus jedoch nur anderer Krankenhäuser bedienen.“ Wenn er endlich Geschichte ist, ist der Weg frei für einen Datenschutz, der den digitalen Möglichkeiten und Innovationen, die uns aktuell schon zur Verfügung stehen, auch genügend Raum gibt, sich in der bayrischen Kliniklandschaft zu entfalten. Erst mit Wegfall des Passus sind zukunftssichere Technologien, Cloud-Computing sowie darauf basierende Lösungen in Bayern überhaupt möglich.

Welches Ziel verfolgen wir?

Was an der Gesetzesänderung in Bayern so revolutionär ist? Sie ist bei dem in Deutschland schwierigen, zähen und aus meiner Sicht auch rückständigen Thema Datenschutz endlich ein Schritt in die richtige Richtung. Weil das oftmals falsch interpretiert wird: Jemand, der oder die sich für eine freie(re) Nutzung von Gesundheitsdaten einsetzt, ist übrigens nicht automatisch ein Gegner oder eine Gegnerin des Datenschutzes. Ich für meinen Teil bin absolut der Überzeugung, dass Gesundheitsdaten schützenswert sind und die Maßstäbe für diesen Schutz hoch sein sollten.

Ich bin aber auch dafür, dass ein solcher Schutz mit Augenmaß im Verhältnis zum Nutzen gesehen wird, den Daten den Häusern, der Ärzteschaft und Pflege, der Wissenschaft und damit letztendlich den Menschen bringen können. Als Analogie verwende ich gerne den Straßenverkehr. Sich ins Auto zu setzen, birgt ein gewisses Risiko. Verzichte ich deshalb auf dieses Fortbewegungsmittel oder setze ich auf den Schutz von Airbag, Fahrsicherheitssystemen und dem guten alten Gurt? Wir haben die Wahl. Was wir außerdem nicht vergessen dürfen: Es geht nicht nur um den Nutzen von Gesundheitsdaten. Der bisherige bayrische Datenschutz war schlicht und ergreifend nicht mit neuen innovativen Lösungen vereinbar, denn Daten durften die Kliniken defacto nicht verlassen. Wenn wir es aber ernst nehmen mit der digitalen Transformation in den Kliniken, werden wir um Lösungen aus der Cloud langfristig nicht herumkommen und dieser Weg wurde erst jetzt geebnet. Der Ruf nach mehr Flexibilität beim Datenschutz ist oftmals als „nur“ die Forderung danach, Lösungen, die anderswo bereits im Einsatz sind, auch wirklich nutzen zu können.

Health Data Economy

Auf europäischer Ebene ist man zumindest gedanklich schon etwas weiter. Ich hatte gerade das Vergnügen, im Rahmen einer Veranstaltung des Clubs der Gesundheitswirtschaft in Brüssel mit Gleichgesinnten über die Chancen und Herausforderungen eines europäischen Gesundheitsdatenraums zu diskutieren. Was da zunächst heraussticht: Innerhalb der EU ließen sich in den nächsten zehn Jahren 5,5 Billionen Euro in der Gesundheitsversorgung einsparen, wenn es gelingt, den Zugang zu und dem Austausch von Gesundheitsdaten zu verbessern. Werden diese Daten dann auch noch effizient für Forschung, Innovation und Politikgestaltung eingesetzt, wären in den kommenden Jahren noch einmal 5,4 Billionen Euro an Einsparpotenzial möglich. Dass der Markt für Digital Health mit einer besseren Datennutzung um zusätzliche 20 bis 30 Prozent wachsen würde, ist da fast schon nebensächlich. Viel wichtiger ist jedoch, dass Bürgerinnen und Bürger, Health Professionals, Forscherinnen und Forscher, Gesetzgeber und auch die Industrie gleichermaßen von der Regelung profitieren könnten, findet man in Brüssel.

Eine große Festung schützen oder viele kleine

Was die EU-Perspektive auf die Gesundheitsdaten aus meiner Sicht besonders attraktiv macht: Es ist wesentlich einfacher, einen zentralen (Speicher)Ort zu schützen und zu verteidigen als viele kleine. Zentralisierung kommt uns beim Thema Gesundheitsdatenschutz also sehr zugute. Und mal ehrlich: Sicherer als ein Fax oder eine „Verschlüsselung“, indem der Befund in einer ersten und der Name des Patienten oder der Patientin in einer zweiten E-Mail verschickt wird, ist eine digitale Lösung allemal. Aus meiner Sicht können wir, kann unser Gesundheitssystem mit einem höheren Digitalisierungsgrad also auch in Sachen Datenschutz nur gewinnen.

Warum also tun sich die Verantwortlichen so schwer? Warum fällt der bayerische Passus erst zum Jahresende, der übrigens deutlich restriktiver ist als die europäische Datenschutzgrundverordnung? Ich habe ehrlicherweise keine gute Erklärung. Ich bin aber erleichtert, dass sich nun zumindest etwas bewegt. Denn Sie kennen ja sicher den Volksmund, der sagt: „Alle sagten: Das geht nicht! Und dann kam einer, der wusste es nicht und hat es einfach gemacht.“

So ähnlich wird es uns hierzulande auch gehen, wenn wir uns nicht endlich auf einen Kurs in Sachen Datenschutz einigen – einen, der auf das 21. Jahrhundert mit seinen digitalen Möglichkeiten ausgerichtet ist. Woran mir gelegen ist: Dass die Diskussionen, ob On-Premises oder Cloud-basiert, nicht mehr anhand von Paragrafen, sondern auf Basis von Use Cases geführt werden. Dass ein hoher Innovationsgrad und ein hoher Sicherheitsstandard nicht als Gegenspieler gesehen werden, weil das eine das andere voraussetzt, und dass wir die Möglichkeiten, die wir hierzulande haben, endlich auch (noch) besser nutzen.

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