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Das Märchen vom Patienten, der sich nicht steuern lassen wollte

Es war einmal… so beginnen alte Geschichten, die frei erfunden sind. Die Steuerung der Gesundheitsversorgung ist eine ebenso alte, aber reale Geschichte.

Timo Frank, Vorstandsvorsitzender bei Hashtag Gesundheit e.V.

Der Umgang mit begrenzten Ressourcen ist eine Kernkompetenz der Gesundheitsökonomie. Es ist nicht verwunderlich, dass die Steuerung von Patienten etwas damit zu tun hat. Patienten genießen durch eine Chipkarte das Privileg, weitestgehend kostenfrei Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen zu können. Dieses Privileg ist eine große Errungenschaft unserer Gesellschaft. Blättert man im Sozialgesetzbuch nach ganz vorne, findet man im zweiten Satz auch die Förderung der Eigenverantwortung. Genau an dieser Eigenverantwortung scheint es gelegentlich zu mangeln. Überlaufene Notaufnahmen und eine steigende Anzahl an Arztbesuchen sind nur zwei Beispiele.  

Gut gedacht, schlecht gemacht: Finanzielle Steuerung

Aus den genannten Beispielen folgen zwangsweise Abstriche im Zugang zur Versorgung sowie der Qualität der selbigen. Im Jahr 2004 begegnete Deutschland diesen Problemen mit der Praxisgebühr in Höhe von 10 Euro pro Quartal – mutmaßlich erfolgreich. Die Ausgaben für die ambulante ärztliche Versorgung sanken von 2003 auf 2004 um 1,4 Milliarden Euro. Zudem stärkte die Gebühr die Finanzstruktur und legte die Verantwortung auf jene Personen um, die Leistungen beanspruchen: Patientinnen und Patienten. Doch traf diese Verlagerung wirklich die richtigen Personen? Nein.

Insbesondere Chroniker und Geringverdiener haben Arztbesuche auf die lange Bank geschoben oder sogar vermieden. Die Schlussfolgerung: Es wurden keine überflüssigen Leistungen, sondern vor allem medizinisch notwendige Leistungen begrenzt. Das Zuzahlungsmodell hatte wesentliche Konstruktionsfehler. Doch auch nach dessen Abschaffung werden heute wieder Stimmen für eine Notaufnahmegebühr lauter. Niedergelassene Ärzte forderten jüngst sogar eine Terminsperre für nicht wahrgenommene Facharzttermine durch Terminservicestellen.

Während bei uns solche Forderungen meistens im Sande verlaufen, setzen unsere Nachbarn diese einfach um: Die Landesregierung der Provinz Bozen, Südtirol führt ab Mai 2019 eine Kostenbeteiligung in Höhe von 50 Euro für die Notaufnahme ein. Diese Sanktion soll jene Patienten, die ungerechtfertigt die Notaufnahme aufsuchen, bestrafen. Um die Rechtfertigung zu definieren, werden Patienten nach dem Manchester-Triage-System eingeordnet. Ob das Südtiroler Modell erfolgreich sein wird, können wir bald aus nächster Nähe beobachten.      

In Zukunft wird durch Qualität gesteuert

Eine Bestrafung per Gebühr greift offensichtlich zu kurz und adressiert nicht die richtigen Personen. Anstatt Patienten dafür zu bestrafen, dass sie sich in den veralteten Strukturen der Gesundheitslandschaft nicht zurechtfinden, sollte man sie an die Hand nehmen und ihre Eigenverantwortung fördern. Während finanzielle Anreize unmittelbar sichtbar sind, ist die Qualität der Versorgung nicht direkt greifbar. Alle Beteiligten der Gesundheitsversorgung sollten daher die Möglichkeit nutzen, Patienten durch Zusammenarbeit, Aufklärung und Transparenz den Weg durch die Versorgungslandschaft aufzuzeigen.

Die Förderung der Eigenverantwortung liegt nach Sozialgesetzbuch auch in der Hand der gesetzlichen Krankenkassen. Diese haben seit diesem Jahr mit der elektronische Gesundheitsakte ein mächtiges Werkzeug in der Hand, dass bei der Steuerung von Patienten in Zukunft eine ganz neue Rolle spielen könnte.

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