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DMEA

KrankheitenKünstliche Intelligenz revolutioniert die Diagnostik

Künstliche Intelligenz (KI) Pionier Michael Forsting vom Uniklinikum Essen spricht über unbegründete Ängste mancher Kollegen, wie Patienten davon profitieren werden und wie KI das Krankenhaus der Zukunft prägen und grundlegend verändern wird.

Michael Forsting, UK Essen
Foto: UK Essen
Michael Forsting ist seit Februar 2016 Medizinischer Direktor der Zentralen IT (ZIT) am Universitätsklinikum Essen. Er leitet die IT-Abteilung gemeinsam mit dem Physiker und Technischen Direktor Armin de Greiff.

Herr Professor Forsting, durch den zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) gibt es derzeit erhebliche Fortschritte in der Diagnostik von Krebserkrankungen oder bei seltenen Lungenkrankheiten. Wann wird der Computer Radiologen und andere Ärzte arbeitslos machen?

Ich glaube nicht, dass Künstliche Intelligenz einen Großteil der Ärzte tatsächlich ersetzen wird. Bleiben wir bei meiner Disziplin, der Radiologie. Es gibt dort einen steigenden Bedarf an radiologischer Bildgebung. Die Analyse solcher Bilddaten wird schon in den nächsten Jahren von Computern sehr zuverlässig erledigt werden können. Dennoch wird die Entscheidungshoheit noch lange beim Arzt liegen – ähnlich wie beim Autopiloten im Flugzeug. Einerseits, weil es für die kollegiale Zusammenarbeit unter Medizinern sehr wichtig ist. Andererseits, weil nicht jedes Bild tatsächlich 1:1 mit einer Krankheit übereinstimmt. Würde dies der Fall sein, wäre es natürlich einfach. Ich glaube, es wird wohl so ähnlich verlaufen wie die Entwicklung in der Labormedizin. Vor 30 Jahren haben wir dort angefangen, die Medizin zu automatisieren. Es hat dann 25-30 Jahre gedauert, bis wir praktisch keine Labor-MTA mehr brauchten, die weiße Blutkörperchen gezählt haben. Wir wissen jetzt, dass dies auch Maschinen mit hoher Zuverlässigkeit erledigen können. Und so wird man auch in der Radiologie in den nächsten Jahren merken, dass die Maschine bei bestimmen Dingen besser als der Mensch ist.

Apropos Autopilot. Früher bestand die Besatzung im Flugzeugcockpit aus vier Mann, heute sind es noch zwei – und inzwischen werden bereits völlig autonom fliegende Systeme erprobt. Warum sollten die Ängste einiger Ihrer Kollegen da übertrieben sein?

Wenn man in größeren Zeiträumen denkt, wird man in meinem Fachgebiet die Zahl der Radiologen sicher reduzieren können – beispielsweise beim Screening eines Mammakarzinoms, wo derzeit vier Leute in der Abteilung daran arbeiten. In Zukunft wird das nur noch einer machen, weil 80 Prozent der für die Analyse nicht relevanten Daten vom System super herausgefiltert werden. Ein Arzt muss dann nur noch den Plausibilitätscheck vornehmen. Der Vorteil daran: Die Diagnostik geht so viel schneller und ist dann auch qualitativ besser. Allerdings wird sich das in einem evolutionären Prozess entwickeln – und nicht revolutionär, wie viele fälschlich annehmen.

Vor Jahren ging bei der übereilten Einführung von robodoc einiges gehörig schief. Seitdem ist Technik weit vorangeschritten. Sehen Sie für selbstständig agierende KI-Systeme inzwischen eine reale Anwendung?

Nein. Robodoc ist da ein gutes Beispiel. Die Einführung dieses Systems kam zu schnell und war zu sehr getragen von der Euphorie einiger Ingenieure und Ärzte. Bei der KI wird es ein schleichender Anpassungs- und Verbesserungsprozess sein. Das hat auch den Vorteil, dass die neue Technik leichter von Medizinern und Patienten akzeptiert werden wird.

Für weitere Fortschritte müssen ausreichend standardisierte, vergleichbare und qualitativ hochwertige Daten zum Training der Systeme zur Verfügung stehen. In Deutschland gibt es derzeit im Gesundheitswesen einen Fleckenteppich unterschiedlicher IT-Systeme und Standards, die häufig nicht miteinander kompatibel sind. Muss das besser organisiert werden?

Die Zahl der Datensätze, die man braucht, wird von der Qualität der Datensätze abhängen. Wenn es hochvalide Datensätze gibt, reichen bei einer seltenen Lungenerkrankung schon 100 Datensätze. Für die Organisation vertraue ich auf das, was ich Schwarmintelligenz nenne. Am Anfang werden an unterschiedlichen Krankenhäusern – in der Regel Unikliniken – valide Daten zu Krankheiten erhoben, auf die sich die jeweiligen Kliniken spezialisiert haben. Mit der Zeit wird so über den nationalen und internationalen Austausch eine umfangreiche Basis mit validen Daten zu vielen Krankheiten entstehen. Es wird also von ganz vielen Seiten Daten geben, mit denen KI-Systeme lernen können.

Wer organisiert das oberhalb der Klinikebene?

Über diesen Prozess wird auch zwischen den Krankenhäusern und intersektoral Druck erzeugt. In dem Moment, wo es notwendig wird, zur Verbesserung der eigenen Qualität auch genügend valide Daten abrufen zu können, wird es dann auch Anbieter geben, die diese Daten kompatibel machen. Natürlich müssen wir einheitliche Datenformate haben. Ist das erst der Fall, wird der Druck, sich diesem System anschließen zu müssen, jedoch bei allen Medizintechnikanbietern sehr groß sein. Ich glaube, so etwas ist besser evolutionär zu regeln statt per Top-down-Methode über ein Gremium, das zentral für Bundesrepublik die Umsetzung vorgibt. Regulierung ist nur dann hilfreich, wenn sie nicht hemmt.

Welches KIS in Zukunft eine Rolle spielt und warum Kliniken Hardcore-IT-Kräfte benötigen lesen Sie im vollständigen Interview im kma guide conhIT, der am 12. April in Ausgabe 4/17 erscheint oder digital auf der Thieme Zeitschriftenplattform Thieme Connect.

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