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Themenwelt MEDICA

KlinikausstattungBad, Bett, Boden – Elegant zu mehr Erlösen

Immer häufiger investieren Kliniken in neue Optik, schicke Möbel, glanzvolle Bäder. Mit der Ästhetik-Offensive wollen sie nicht nur die Patienten beeindrucken, sondern vor allem: die privaten Krankenversicherungen. Goldene Wasserhähne jedoch, fand kma heraus, erwartet hier keiner.

Ist das noch ein Krankenzimmer? Der Besucher dreht und wendet sich, lässt den Blick wandern: vom warmen, samtigen Holzton des Bodens auf die hochwertigen Einbaumöbel, über die schicke Bodenlampe und den Schreibtisch bis hin zu den zwei mit orangefarbenen Stoffen bezogenen Stühlen, die ein wenig an Retrodesign erinnern – und deren Farben sich in den Vorhängen wiederfinden. Alles an dem Raum, das stimmige Ensemble, der warme Look, erinnert an Hotel, an Komfort, an Chic. Wenig deutet daraufhin, dass sich der Besucher auf der Station B befindet – in einem Krankenhaus, genauer: der St. Georg Klinik im thüringischen Eisenach.

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Vor zwei Jahren hat das Akutkrankenhaus eine Komfortstation eingerichtet, acht Einzel- und zwei Doppelzimmer modernisiert und verschönert, sogar eine Lounge und eine schicke Rezeption eingerichtet. Die Hotelanmutung war volle Absicht. Die Patienten sollen sich entspannen und zurückziehen können, sagt Klinikgeschäftsführer Ralf Weigel: „Ein dezentes Ambiente sorgt für Ruhe.“

Schräger Grundriss schafft Gemütlichkeit
„Fußböden in edlem Holzdekor, Wandpaneele mit Beleuchtung sowie moderne Möbel und individuelle Accessoires schaffen eine Wohlfühlatmosphäre“, bestätigt Sabine Wegmann-Hippe, Marketingleiterin beim Objekteinrichter Wibu, der sich auf Krankenhäuser und Pflegeheime spezialisiert und auch die neuen Räume in Eisenach entwickelt hat. Hier haben die Innenarchitekten zum Beispiel bewusst einen schrägen Grundriss kreiert: „Der raffinierte Schnitt der Zimmer sorgt nicht nur für eine bessere Raumnutzung, sondern auch für eine dynamische Formgebung.“ Übersetzt heißt das: Der Patient nimmt das Zimmer nicht wie einen nüchternen Funktionsraum wahr, einen Schuhkarton gar, in dem er bis zu seiner Entlassung ausharren muss, sondern fühlt sich geborgen und gut aufgehoben.

Schiebejalousien mit Rosen-Motiven
Die Wände haben die Inneneinrichter mit unterschiedlichen Bildern dekoriert – das Auffällige dabei: Jedes zeigt eine jeweils andere Ansicht der Stadt. Diese Art der Individualität – ganz klar der Hotellerie abgeguckt – löst derzeit den sonst typischen Einheitslook ab. Auch Petra Schuster, Designerin aus Bad Wildungen, wünschte sich für ihren Kunden, die Klinik am Kurpark in ihrer Heimatstadt, einen gewissen persönlichen Dreh, blätterte auf der Suche nach schönen Vorhängen in Katalogen – und fand: Standardprodukte. „Wir aber wollten die Zimmer mithilfe von modernen Stoffen und Farben so angenehm und gesundheitsfördernd wie möglich gestalten“, so Schuster. „Sie sollten etwas Besonderes und Mutmachendes haben.“

Erste Textilanbieter haben das wachsende Bedürfnis nach mehr Eigenkreationen erkannt und haben individuell bedruckbare Vorhangstoffe, Rollos oder Gardinen ins Programm genommen: Ob verspielte Landschaftszeichnungen, Logos oder auch Fotos – Hersteller wie etwa Drapilux bringen die gewünschten Motive auf die Textilien auf. Petra Schuster wählte für Schiebejalousien zum Beispiel Fotografien von Rosenblüten und Kaffeetassen. Der Effekt: ein Look wie in einem Hotelzimmer. „Eigene Kreationen schaffen Hotelcharakter“, bestätigt Linda Deiters, Sprecherin von Drapilux.

Für Luxusfeeling sorgen auch die Materialien, die der Hersteller aus Emsdetten im Münsterland vorhält: Leicht glänzender Satin etwa, aber auch blickdichte oder lichtundurchlässige Textilien sowie klassischer Batist – ein feinfädriger, leichter Stoff – stehen zur Wahl. „Die Reaktionen der Patienten sind durchweg positiv – und die Zufriedenheit ist eine der Voraussetzungen, um wieder fit und gesund zu werden.“

PKV verlangt einen klaren Mehrwert
Es sind Erklärungen wie diese, die auch Krankenhäuser immer wieder anführen, um die Modernisierung ihrer Patientenzimmer zu begründen.:Je schicker und hochwertiger die Klinikräume, desto schneller könne sich der Patient wieder erholen. Tatsächlich aber steckt auch eine klar betriebswirtschaftliche Strategie hinter den Generalüberholungen. Komfortzimmer oder ganze Wahlleistungsstationen können sich als wahre Erlösquellen entpuppen.

Wenn man es denn richtig macht, wie Franz-Josef Richter, Geschäftsführer von Bilfinger Ahr Careservices, sagt. Der ehemalige Pflegedienstleiter berät seit acht Jahren Kliniken, die Individualverträge über Wahlleistungen mit der privaten Krankenversicherung abschließen wollen, bringt sie mit Architekten und Ausstattern zusammen, geht Baupläne und Musterbücher mit ihnen durch, führt für sie die Verhandlungen mit dem PKV-Verband. Er weiß: „Die PKV will einen klaren Mehrwert im Vergleich zu den Stationen der Regelversorgung sehen.“ Viele Feinheiten, die noch vor Jahren ein Raunen auslösten – etwa der Flachbildschirm oder die Regendusche im Bad – sind heute Standard, so der Berater. „Derzeit geht es in den Diskussionen eher darum, wo und wie der Fernseher angebracht ist, ob er sich vielleicht dezent verdecken lässt.“

Besonders beim Bad gelten hohe Maßstäbe  
Den PKV-Verband beeindrucke laut Richter vor allem ein stimmiger Ersteindruck, durchaus auch ein Wow-Effekt beim ersten Einsehen der Pläne oder Betreten der fertigen Räume – und: Konsequenz bis ins Detail. Das klingt zunächst gegensätzlich, ist aber auch das Grundprinzip jeder schönen Wohnung, sagt Richter: „Dass nämlich das Design als stimmungsvolles Gesamtkonzept, aber auch im Kleinen überzeugen muss: Das Komfortzimmer mag ein noch so schönes Mobiliar haben, wenn der Handtuchhalter im Bad aus billigem Plastik ist statt in Edelstahloptik, stört das den Gesamteindruck – und kann Punktabzug geben.“

Gerade das Bad schauen sich die PKV-Begutachter ganz genau an: Hat die Toilette – der neueste Trend – ein WC mit Absenkautomatik, ist das Becken spülrandlos? Gibt es vielleicht gar ein modernes Bidet mit Spüldusche? Ist die Drückplatte für die Spülung hochwertig verarbeitet? Die hohen Ansprüche kennen auch Sanitärhersteller – und stellen ihre Produktpalette darauf ab: Der Badausstatter Kaldewei etwa bietet bodenebene Duschflächen aus Emaille mit bündigem und ebenfalls emailliertem Ablaufdeckel. Das einheitliche Material ist nur ein Detail, der Effekt aber – ein eleganter Look – enorm.

Ebenso lohnt ein Blick zu jenen Sanitärherstellern, die im Kliniksektor vielleicht nicht gang und gebe sind, aber spannende Produkte anbieten: Villeroy und Boch zum Beispiel hat nicht nur spezielle Lösungen für kleine Bäder entwickelt; das Unternehmen aus Mettlach hat sich auch ein neues spülrandloses WC ausgedacht, das anstelle eines herkömmlichen Wasserrands eine intelligente Wasserführung durch höher positionierte Wassereinspritzdüsen und einem speziellen Spritzschutz am Beckenoberrand aufweist.

Beleuchtungsexperten zu Rate ziehen
Unbedingt mit Experten zusammenarbeiten sollten Kliniken, die ihre Zimmer geschickt beleuchten wollen, sagt Richter. „Das richtige Lichtkonzept sorgt genau für die Stimmung, die Patienten und PKV gleichermaßen beeindruckt.“ Dimmbar muss es sein, dabei aber funktional, hell genug für die Arbeiten der Pflegekräfte, dunkel genug, um entspannende Momente zu ermöglichen; in Zweibettzimmern empfiehlt sich zudem ein punktgenaues Leselicht, das den Nachbar nicht stört. Anforderungen, die besonders orchestriert werden müssen und daher in die Hände von Beleuchtungsspezialisten gehören.

Ästhetik ist nicht alles – PKV fordert auch Funktionalität    
Was also mutet in den schicken, neuen Räumen überhaupt noch nach Klinik an? Woran kann sich der Blick noch stören? Vielleicht am Bett, mag manch ein Besucher sagen. Das Möbelstück muss schließlich mehr als andere im Krankenzimmer wichtige Funktionen erfüllen, wie Lars Schröder, Produktmanager beim Bettenhersteller Stiegelmeyer, betont: „Es muss schnell und einfach zu bedienen sein, gleichzeitig müssen aber gute hygienische Rahmenbedingungen hergestellt werden.“ Ein edler Look entsteht hier vor allem dadurch, dass Technik dezent in den Hintergrund tritt. Bei seinem jüngsten Bettenmodell habe Stiegelmeyer bewusst darauf geachtet, dass „die technischen Funktionalitäten elegant in das Design des Bettes eingebunden“ sind: „Ein Klinikbett ist nicht nur ein Medizinprodukt, sondern muss auch Wohnlichkeit vermitteln“, so Schröder.

Der Bettenproduzent Wissner-Bosserhoff hat sich hingegen mit seinen Möbeln vor allem der Sicherheit der Patienten verschrieben – und der leichteren Hygiene: Sein neuestes Bettenmodell ist so konstruiert, dass es unkompliziert in Waschstraßen gereinigt werden kann, „außerdem ermöglicht eine klare Chassis- und Bettkonstruktion ohne Mulden und schöpfende Stellen die optimale Trocknung nach der Reinigung und Desinfektion“, so Uwe Deckert, Marketingleiter des Wickeder Unternehmens.


Auch solche – nützlichen – Funktionen beeindrucken die PKV-Vertreter, verrät Franz-Josef Richter. „Das sind ja keine abgehobenen Leute mit unrealistischen Ansprüchen, sondern Experten mit Ahnung vom Klinikalltag, die genau wissen, was geht und was nicht, was praktisch ist – und was nur Blendwerk.“ Das sagt Richter dann auch jenen Kliniken, die mit ihren Einrichtungsideen übers Ziel hinausschießen. Etwa, weil sie zu viele Möbel oder Accessoires in einem einzigen Zimmer unterbringen oder den Edel-Look auf Biegen und Brechen mit Mahagoniholz herstellen wollen. „Da muss ich dann doch bremsen“, so Richter. „Goldene Wasserhähne interessieren die PKV nun wirklich nicht.“ Und den Patienten am Ende auch nicht.

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