Georg Thieme Verlag KG

Nachhaltiges PersonalmanagementYoung Professionals wollen integriert leben und arbeiten

Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ist in aller Munde und lastet auf Pflegefachkräften und Unterstützern. Die Pandemie gibt uns einen bitteren Vorgeschmack darauf, was in den kommenden Jahrzehnten auf uns zukommen könnte.

Young Professionals
DGIV

Die Teilnehmer des Bootcamp für Young Professionals im Gesundheitswesen.

Bei aller Erfahrung der Etablierten am Steuer von Gesundheitseinrichtungen und politischen Schaltstellen liegt es nahe, sich mit den Wünschen der aus Gründen des demografischen Wandels dezimierten jungen Generation von Fach- und Führungskräften auseinanderzusetzen.

Bootcamp für Young Professionals im Gesundheitswesen

Wie wollen junge Fachkräfte leben und arbeiten? Diese Leitfrage wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des „Bootcamp für Young Professionals im Gesundheitswesen“ im Rahmen des letztjährigen Bundeskongresses der Deutschen Gesellschaft für Integrierte Versorgung (DGIV) gestellt.

Inspiriert durch Impulsvorträge von Dr. Florence Randrianarisoa („Dr. Flojo“), Dr. Gerald Gaß und Dr. Karsten Neumann, die Erfahrungswerte und Projekte aus ihrem Werdegang teilten, wurde leidenschaftlich diskutiert. Die Young Professionals aus diversen Gesundheitsberufen, Verbänden und aus der Gesundheitswirtschaft erarbeiteten Thesenpapiere zu den Grundsatzthemen Digitalisierung, Patientenorientierung, intersektoraler und interprofessionelle Integration und Erfolgsfaktor Familie.

Klar wurde, dass die vielfach diskutierten Vergütungsanreize für Fachkräfte allenfalls als zwar absolut notwendiger, aber eben doch nur „Hygienefaktor“ genannt wurden, um die Attraktivität von Berufen im Gesundheitswesen zu steigern. Die präventionsorientierte, bürokratiearme und technologisch optimal unterstützte Arbeit am Patienten kristallisierte sich hingegen als Idealbild heraus. Die entsprechenden Handlungsweisen seien im jetzigen „Systemalltag“ jedoch kaum zu verwirklichen. Zu häufig stünden Vergütungsfragen, Sektorengrenzen, starr hierarchische und innovationshemmende Systeme dem Impuls entgegen, Patientinnen und Patienten eine integrierte und abgestimmte Versorgung zu bieten.

Auch Boris Augurzky und Ingo Kolodziej beschrieben in einem Arbeitspapier von 2018 zum „Fachkräftebedarf im Gesundheits- und Sozialwesen 2030“, dass für eine Erhöhung der Attraktivität der Arbeitsplätze im Gesundheitswesen eine stärkere Koordination von Gesundheitsversorgung, die  Verbesserung der Zusammenarbeit über Berufs- und SGB- Grenzen hinweg notwendig sei – nicht zuletzt um der steigenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen intelligent steuernd zu begegnen.

Versorgung muss künftig noch patientenorientierter werden

Fragt man die Young Professionals wird klar, dass die zukünftige Versorgung sich stark am Prozesserleben aus Sicht der Patientinnen und Patienten orientieren muss. Hier wurden ambitionierte Forderungen aufgestellt, von der Akteursebene bis in die Selbstverwaltung. Beispielsweise forderte die Gruppe „Patientenorientierung“ einerseits die Mitbestimmung legitimierter Patientenvertreter in der Selbstverwaltung, andererseits auch stark prozessorientierte neue Berufsbilder wie „Lotsen“, die Patienten den Weg durch die für Laien teils schwer durchschaubaren medizinischen und administrativen Abläufe der Gesundheitsversorgung weisen können. Ergänzend hierzu wurde auch von den Jungen die These entwickelt, dass „alle neuen Gesetze, die verabschiedet werden, vom Patienten her gedacht werden“ müssen – also ein Prüfanspruch an die gesetzgeberische Effektivität im Patientensinne.

Diese patientenorientierte Versorgung kann technologisch unterstützt werden, erfordert jedoch im hohen Maße empathische Qualitäten von motivierten, körperlich wie mental gesunden Menschen. Diese haben – bei aller intrinsischen Motivation für die Arbeit am Patienten – essenzielle Bedürfnisse nach sicheren, gut bezahlten und attraktiven Arbeitsplätzen, nach Planungssicherheit für die berufliche und familiäre Zukunft. Hier entwarfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitsgruppe „Erfolgsfaktor Familie“ ein Forderungspaket, das die am Menschen orientierte Neugestaltung von Arbeitsplätzen ermöglichen soll. Ein Rechtsanspruch auf eine 24h-Kinderbetreuung für Gesundheitsberufe war ebenso Teil dieser Überlegungen wie eine grundlegende Erneuerung des Führungsverständnisses und der Führungsstrukturen. Der klassischen Anwesenheitskultur wurde eine klare Absage erteilt. Führungspositionen in Teilzeit und Job Sharing wurden zum neuen Standard erklärt. Insbesondere die Repräsentanten der Gesundheitsberufe unter den Young-Professionals suchten nach Konzepten, die ein Ausbrennen der Fachkräfte vermeiden.

Patientenorientierte Prozesse schaffen Raum für anspruchsvolle und abwechslungsreiche Tätigkeiten. Gleichzeitig können durch die erlangte Vielseitigkeit attraktive und in der Belastung individuell ausbalancierte Arbeitsmodelle entstehen, die zu den empathischen Persönlichkeiten und vielseitigen Charakteren passen, die mit hoher Motivation in das Gesundheitssystem gekommen sind. In Zukunft könnte dies ein Pflichtfaktor zur Gewinnung von Fachkräften werden.

Forderung nach sektorenübergreifenden Arbeitsverträgen

Aus Sicht der integrierten Versorgung erscheint die noch darüberhinausgehende Forderung der Teilnehmer nach sektorenübergreifenden Arbeitsverträgen ebenfalls konsequent, da hierdurch vielfältige Berufserfahrung ermöglicht werden kann und Arbeitsplätze auf die jeweilige Lebensphase und Leistungsfähigkeit individuell zugeschnitten werden können. Die Young Professionals hatten die Hoffnung, dass so verhindert werden kann, dass es zu einer kompletten „Sektorenflucht- oder Branchenflucht“ kommt.

Die Diskussion zur Delegation ärztlicher Leistungen als Lösungskonzept für den Ärztemangel wurde dadurch akzentuiert, dass es neue Qualifikationsprofile in der Pflege geben müsse, die zunächst einmal das Ausschöpfen der in der Ausbildung ohnehin gelernten Fähigkeiten ermöglicht. Kondensiert wurde dies unter der These „Zutrauen statt Kontrolle“, mit der Verantwortungsübernahme bei entsprechenden individuellen Qualifizierungsmöglichkeiten in Aussicht gestellt wird. Auch hier bietet die integrierte Versorgung mit ihren komplexen Tätigkeiten im Case- und Care-Management hilfreiche Konzepte und kann neben neuen, hybriden Rollen die klassische Krankenversorgung mit modernen, beispielsweise digitalen Berufsbildern verbinden – eventuell auch Auszubildende für den Arbeitsbereich Gesundheit interessieren.

Die für die integrierte Versorgung erforderliche Koordination von Gesundheits- leistungen stellt hohe Anforderungen an die Integration und das interdisziplinäre Management von Berufsgruppen im Versorgungsprozess. Die Forderung nach gemeinsamen Seminaren zwischen den Berufsgruppen bereits in der beruflichen Grundausbildung knüpft hier an und soll der proaktiven Überwindung kommunikativer Gräben dienen. Problemorientiertes Lernen anhand von gemeinsamen Fachprojekten in interprofessionellen Teams am Krankenhaus soll weiterführend in der Praxis ein neues Teamgefühl befördern.

Digital vor ambulant vor stationär

Betrachtet man die Herausforderungen, die durch das Krankenhauszukunftsgesetz beschrieben werden, könnte ein Raum für die genannten Fachprojekte im Bereich der Digitalisierung liegen. Diese kann in Zeiten knapper werdender Fachkräfte auch Steuerungsinstrument und Infrastruktur für Prozessinnovationen sein. Die Forderung der Young Professionals, SGB XII Paragraf 13 Abs. 1 sinngemäß in „digital vor ambulant vor stationär“ umzuformulieren, fügte der Diskussion auf dem anschließenden Bundeskongress der DGIV einige konstruktive Reibungsfläche hinzu.

Zusammenfassend kann die Frage nach dem von den Young Professionals geforderten Gesundheitssystem der Zukunft mit dem Zielbild der qualitäts- und patientenorientierten integrierten Versorgung beantwortet werden. Dieses verbindet die Patientenerwartungen nach qualitativ hochwertiger, menschlicher Versorgung mit den Bedürfnissen derer, die sie langfristig leisten sollen. So entsteht auf Systemebene genau die kollegiale Zusammenarbeit und Innovationsfreude, welche benötigt wird, um koordinationsbedingte Potenziale aus medizinökonomischen Skaleneffekten zu heben und der Konzentration aufs Wesentliche, nämlich der empathischen, qualitätsvollen Betreuung von Patientinnen und Patienten, Raum zu geben. Hierfür sind in der kommenden Legislaturperiode alle Anstrengungen zu unternehmen.

2022. Thieme. All rights reserved.

DGIV e.V.

Die Deutsche Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen e.V. (DGIV) ist ein deutschlandweit agierender Verein mit der Zielsetzung, die Integrierte Versorgung in der medizi-nischen, pflegerischen und sozialen Betreuung als Regelfall durchzusetzen. Die DGIV wurde am 26. September 2003 in Berlin gegründet. Ziel der Gründungsmitglieder war es, die Integrierte Versorgung als alternative Versorgungsform zur damaligen Regelversorgung zu entwickeln und letztendlich durchzusetzen.