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Ganzheitliche BetrachtungDigitalisierung braucht ein Leitbild - integrierte Versorgung

Quadruple Aims

Neben „Outcomes“, „Patientenerleben“ und „ökonomischem Impact“ der Versorgung ist der durch Bodenheimer und Sinsky 2014 ergänzte vierte Teil des dann „Quadruple Aims“ der Gesundheitsversorgung die Optimierung des Alltags des medizinischen Fachpersonals. Die Fachkräfte im Gesundheitswesen sind und werden ein immer selteneres Gut. Der demografische Wandel tut sein Übriges. Die Autoren beschreiben eine zunehmende Frustration des medizinischen Personals mit der Realität der Berufspraxis, auch durch wenig auf die eigentlichen klinischen Prozesse einzahlende IT-Unterstützung. Als Beispiel wird die zeitintensive Interaktion mit administrativen Patientenakten-Systemen genannt. Eine Elektrifizierung bisheriger Prozessorganisationen und Silogrenzen scheint daher fast undenkbar. Um die Branche und deren Berufsbilder attraktiv zu halten, sind administrative Entlastung, aber auch neue, flachere Hierarchien mit Möglichkeiten für neue prozessorientierte Rollen, wie z.B. Patientenlotsen, gefordert. Entlastung um alte, starr sektoral gedachte Routinen zugunsten eines integrierten und populationsbezogenen digitalen Versorgungsmanagements, können auch Möglichkeiten bieten, Pflegekräfte zu empowern – statt sie ausgebrannt aus dem Dienst für die Krankenversorgung zu verlieren.

Vorteile moderner Arbeitswelt

Analog-digitale Hybridmodelle sind hier ebenfalls denkbar. Warum sollte es nicht möglich sein, in der Krankenversorgung vor Ort tätig zu sein und dies mit einer Tätigkeit als Digital Nurse oder Doktor aus dem telemedizischen Versorgungszentrum – oder sogar dem Homeoffice – zu kombinieren? Die Vorteile der modernen Arbeitswelt sollten auch den Menschen im Gesundheitswesen nicht vorenthalten werden. Bei Betrachtung der schwindenden Fachkräftezahl wird dies zur Möglichkeit, gezielt menschlich-empathische Interaktion dort zu bündeln, wo sie nötig ist und sie nicht in administrativen Tätigkeiten zu verschleißen.

All dies verlangt nach einem Ordnungsrahmen, der aus Sicht des Bedarfs der Akteure und Patienten abgeleitet wird. Die Vision eines sektorenübergreifenden, digitalisierten Versorgungskontinuums kann nicht kleinteilig über mehr selektivvertragliche Regelungen oder Sonderfinanzierungen erreicht werden. Integrierten Versorgung als Leitbild sollte dazu führen, den nachhaltigen Abbau von juristischen und vergütungsbezogenen Barrieren für intersektorale Prozesse voranzutreiben, frei nach der Maxime „form (Gesetz) follows function (Digitale Integrierte Versorgung)“.

DGIV e.V.

Die Deutsche Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen e.V. (DGIV) ist ein deutschlandweit agierender Verein mit der Zielsetzung, die Integrierte Versorgung in der medizi-nischen, pflegerischen und sozialen Betreuung als Regelfall durchzusetzen. Die DGIV wurde am 26. September 2003 in Berlin gegründet. Ziel der Gründungsmitglieder war es, die Integrierte Versorgung als alternative Versorgungsform zur damaligen Regelversorgung zu entwickeln und letztendlich durchzusetzen.