
Die Verabschiedung der Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation von 1986 jährt sich in diesem Jahr zum 40. Mal. Die Ottawa-Charta gilt als Paradigmenwechsel vor allem in der Gesundheitspolitik, da hier Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern als dynamisches Gut für den Alltag definiert wurde und dabei Partizipation, Selbstbestimmung sowie die Gestaltung der Lebenswelten in den Mittelpunkt gestellt wurden. Seither gelten salutogenetische Ansätze der Prävention und Gesundheitsförderung mehr als nur ergänzende Maßnahmen zur kurativen Medizin und haben sich als eigenständiges Handlungsfeld und wissenschaftliche Fachrichtung etabliert.
Obwohl die Prinzipien der Ottawa-Charta die Strukturen der öffentlichen Gesundheitspolitik in vielen Ländern geprägt haben, hat die Covid-19 Pandemie deren begrenzte Resilienz offengelegt. Die akute Überlastung der Gesundheitssysteme verdeutlicht, dass Prävention und Gesundheitsförderung nicht im Alltag der Menschen angekommen sind. Vor allem vulnerable Bevölkerungsgruppen haben nur begrenzte Unterstützung mit umfassenden sozialen und ökonomischen Folgen für das eigene Wohlergehen. Die Folgen werden von Jahr zu Jahr deutlich erkennbar.
So ist das deutsche Gesundheitssystem unverändert auf die Behandlung von Krankheit ausgerichtet. Dies spiegelt sich unter anderem in dem Anteil für Prävention an den Gesundheitsausgaben wider: In Deutschland wurden 2023 circa 2,1 Prozent aller Gesundheitsausgaben für Gesundheitsförderung und Früherkennung von Krankheiten ausgegeben. Dass dies nicht mehr zeitgemäß ist, hat in diesen Tagen der Wissenschaftsrat in einem Positionspapier „Für Prävention und Gesundheitsförderung handeln in Wissenschaft, Versorgung und Gesellschaft“ unmissverständlich dargelegt.
Die akute Überlastung der Gesundheitssysteme verdeutlicht, dass Prävention und Gesundheitsförderung nicht im Alltag der Menschen angekommen sind.
Er stellt dabei fest, dass die Präventionslandschaft in Deutschland durch eine hohe Fragmentierung gekennzeichnet ist, wobei sich die Zuständigkeiten – ohne verbindliche Gesamtstrategie – auf Bund, Länder, Kommunen, Sozialversicherungsträger, Wissenschaft und den Öffentlichen Gesundheitsdienst verteilen. Ebenso sind die momentanen finanziellen Anreiz- und Vergütungssysteme so ausgelegt, dass vor allem kurative Leistungen belohnt werden, wohingegen präventive Ansätze ökonomisch nur begrenzt anerkannt und unterstützt werden. Dies ist auch verbunden mit dem sogenannten „Wissens Akzeptanz-Defizit“, sodass die nachhaltige Umsetzung in die Versorgungspraxis nur selten gelingt, obwohl der Nutzen von Präventionsmaßnahmen oft gut belegt ist. Desgleichen erreichen Präventions- und Gesundheitsförderungsangebote oft nicht die Bevölkerungsgruppen, die am stärksten von gesundheitlichen Belastungen betroffen sind.
Dies verstärkt in Folge sowohl die gesundheitliche Ungleichheit und reduziert die gesellschaftliche Wirksamkeit präventiver Maßnahmen. Darüber hinaus haben u. a. die Covid-19 Pandemie, klimabedingte Gesundheitsrisiken sowie wirtschaftliche Umbrüche offengelegt, dass die bestehenden Strukturen der Gesundheitsförderung und Prävention nicht ausreichend resilient sind und zu wenig systematisch auf komplexe, langfristige Herausforderungen ausgerichtet wurden.
Aus diesem Grund ist es notwendig, dass Prävention und Gesundheitsförderung nicht nur als freiwillige Ergänzung, sondern als tragende Säule eines Gesundheitssystems für eine gesunde und zukunftsfähige Gesellschaft ausgerichtet werden.
Prävention und Gesundheitsförderung an der MUL-Carl Thiem
Der Wissenschaftsrat fordert insbesondere von wissenschaftlichen Einrichtungen, Prävention und Gesundheitsförderung als zusätzliche strukturelle Kernaufgabe in Forschung, Lehre und Transfer in der Versorgung zu verankern. Dabei wird die Etablierung von interdisziplinären Präventionszentren vorgeschlagen, welche mehrere wissenschaftliche Disziplinen z. B. in Form von Hochschulambulanzen zusammenfassen und so als systematische Verzahnung mit öffentlichen Gesundheitsdiensten, Politik und Gesellschaft fungieren können.
Der Wissenschaftsrat betont, dass das zentrale Problem der Prävention nicht fehlendes Wissen, sondern die mangelnde Überführung wirksamer Ansätze in die Praxis und Regelversorgung ist. Insbesondere Hochschulmedizin und Krankenhausträger sollen als aktive Translationsakteure wirken, Prävention strukturell verankern und Implementierungsforschung ausbauen.
In der im Juli 2024 neu gegründeten Medizinischen Universität Lausitz – Carl-Thiem (MUL-CT) und der daran angegliederten Modellregion Gesundheit Lausitz (MGL) sind diese Gedanken das Fundament. In einem innovativen institutionellen Rahmen wurde das Aufgabenfeld für die MUL-CT um sogenannte „System und Zukunftsaufgaben“ erweitert, in dem sie systemrelevante und Koordinierungs- und Innovationsaufgaben an der Schnittstelle von Wissenschafts- und Gesundheitssystem wahrnimmt. Dazu gehören u. a. die Vernetzung und Koordinierung der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung in der Region, Durchführung versorgungsrelevanter Forschung und Innovation sowie der Transfer neuer Versorgungskonzepte und Innovationen in die Politik und Selbstverwaltung des Gesundheitswesens. Damit übernimmt die MUL-CT auch eine Aufgabe bei der Stärkung der Implementierungsforschung.
In der Modellregion Gesundheit Lausitz sollen im Rahmen der Versorgungsforschung – auch unter den beiden Forschungsschwer punkten Gesundheitssystemforschung und Digitalisierung – innovative Versorgungsmodelle, sowie präventions- und gesundheitsfördernde Maßnahmen erprobt und evaluiert werden. Richtungsweisend ist dabei die Betrachtung von Gesundheit als soziales und gesellschaftliches Gut. Darunter fallen z. B. auch Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung durch Aufklärungsmaßnahmen, aktuell z. B. Vermeidung von Rückenbeschwerden oder Gesundheitsunterricht an Schulen in der Region.
Prävention als Thema in Lehre, Ausbildung und interprofessioneller Versorgung
Auch für das Studium und die Weiterbildung leitet der Wissenschaftsrat daraus konkrete Empfehlungen ab: Curricula sollen interdisziplinär gestaltet und In halte aus Erziehungswissenschaft, Gesundheits- und Präventionspsychologie, Gesundheitskommunikation, Therapie- und Pflegewissenschaften, Sport- und Bewegungswissenschaften sowie Ernährungswissenschaft systematisch einbeziehen. Dabei soll nicht nur das Studium der Humanmedizin, sondern das gesamte Lehr- und Qualifizierungsspektrum der Universitäten berücksichtigt werden.
Ziel ist die Stärkung einer präventions- und gesundheitsorientierten inneren Haltung in der späteren beruflichen Tätigkeit. Dies erfordert eine gezielte Vertiefung von Lehrinhalten zu Gesundheitsförderung und Prävention sowie die aktive Unterstützung durch Fachbereichs- und Fakultätsverantwortliche. Ergänzend empfiehlt der Wissenschaftsrat die Entwicklung spezifischer Fort- und Weiterbildungsmodule für bereits tätige Berufsgruppen und die Schaffung interdisziplinärer Lehrangebote, die gemeinsames Leben und Lernen über Professionsgrenzen hinweg ermöglichen.
Der Wissenschaftsrat rückt in seiner Stellungnahme insbesondere die Hochschulmedizin sowie die Lebens- und Gesundheitswissenschaften in den Mittelpunkt, betont jedoch zugleich ausdrücklich die Notwendigkeit einer engen Verzahnung mit weiteren Disziplinen. Prävention und Gesundheitsförderung werden als genuin interdisziplinäres Aufgabenfeld verstanden, das nur durch das Zusammenwirken unterschiedlicher wissenschaftlicher Perspektiven wirksam adressiert werden kann.
Die Grundgedanken des Wissenschaftsrats finden sich bereits in groben Linien im Hochschulmedizingesetz des Landes Brandenburg aus dem Jahre 2024. Hierzu gehört auch die strategische Weiterbildung und Förderung der Interprofessionalität, indem u. a. die Studierenden der Humanmedizin mit den Studierenden der anderen Gesundheitsfachbereiche lernen und zusammenarbeiten. So sind z. B. Prävention und Gesundheitsförderung verpflichtete Bestandteile der einzelnen Ausbildungsmodule. Dies soll eine präventionsorientierte Haltung in der späteren Berufsausübung stärken. Gleiches gilt für eine Schwerpunktsetzung in weiteren Studiengängen wie der „Pflege“ oder der „Hebammenwissenschaften“.
Fazit
Die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bereich von Prävention und Gesundheitsförderung zeigen, wie sinnvoll und notwendig es ist, diesen Bereich als Zukunfts- und Gestaltungsaufgabe in der Medizinstrategie des Gesundheitswesens anzusehen. Durch Bündelung von Forschung, Evaluation und Koordination in einer Region, können wissenschaftlich fundierte Grundlagen für wirksame regionale Versorgungsmaßnahmen geschaffen werden.
Parallel bilden eine präventionsorientierte Ausgestaltung von Studium, Lehre und Weiterbildung die Voraussetzungen dafür, dass künftige Gesundheitsfachkräfte Krankheiten nicht nur behandeln, sondern auch die Patientinnen und Patienten dazu befähigen, ihre Gesundheit primär zu erhalten. Erweitert durch eine interprofessionelle und intersektorale Zusammenarbeit kann Prävention aus der kurzfristigen Projektlogik in eine nachhaltige Versorgungspraxis überführt werden. Durch eine Zusammenführung dieser Themen kann eine Universitätsmedizin neben einer hoch spezialisierten Krankenversorgung auch die regionale Gesundheitsentwicklung aktiv mitgestalten.
Insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender demografischer, ökologischer und systemischer Herausforderungen liegt hierin ein entscheidender Beitrag zur Resilienz und Zukunftsfähigkeit des Gesundheitssystems.



