
Der ungebrochenen Ausgabendynamik für die Gesundheitsversorgung in Deutschland steht eine Reihe politischer Reformvorhaben gegenüber, welche unter anderem die Zugänge zur Notfall- aber auch zur ambulanten Versorgung besser kanalisieren wollen.
Starten statt Warten
Es ist unbestritten: Die demografische Entwicklung und die (Über-)Inanspruchnahme medizinischer Versorgung vor Ort, sowie der medizinische Fortschritt machen Priorisierungen und auch die verstärkte Nutzung digitaler Angebote notwendiger denn je. Gleichzeitig fehlt es bislang nicht nur an einer die Dysbalance zwischen Einnahmen und Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen beseitigenden Reform, sondern auch an einer Public Health Strategie, welche durch gemeinsame Präventionsmaßnahmen langfristig das Gesundheitssystem entlasten könnte.
Wenngleich deshalb an vielen Stellen der Gesetzgeber weiter stark gefordert ist, gibt es bereits Möglichkeiten für gesetzliche Krankenkassen, die Bedarfe der Versicherten besser als bislang zu adressieren und gleichzeitig langfristig der Ausgabendynamik zu begegnen. Hierzu gilt es die von Versicherten nachgefragten „Lotsenrolle“ im Gesundheitssystem stärker von gesetzlichen Krankenkassen anzunehmen.
Eine aktive Versichertenansprache, eine Steigerung der Gesundheitskompetenz, sektorübergreifende Versorgungsansätze und nicht zuletzt das Herstellen einer Symbiose aus analoger Versorgung vor Ort und digitalen Möglichkeiten, sind Treiber dieses Rollenverständnisses.
Blick nach Sachsen-Anhalt – eine Modellregion
Sachsen-Anhalt als das Bundesland mit der „ältesten Bevölkerung“ ist im besonderen Maße auf innovative Versorgungslösungen angewiesen. Das Bundesland wird auf Grund seiner demografischen Entwicklung häufig als Modellregion für erwartete Entwicklungen in Europa genannt. Positiv formuliert: In Sachsen-Anhalt wird sichtbar sein, wie gesundheitliche und pflegerische Versorgung sowie Präventionsstrategien gelingen können.
Im Hier und Jetzt führt allerdings eine Vielzahl der bekannten Risikofaktoren zur bundesweit niedrigsten Lebenserwartung und bei vielen Krankheitsbildern zu unrühmlichen „Spitzenplatzierungen“ im AOK Gesundheitsatlas. Stoffwechsel-Erkrankungen, Muskel-Skelett-Erkrankungen und insbesondere Herz-Kreislauferkrankungen: Die Bevölkerung Sachsen-Anhalts ist in besonderem Maße betroffen.
Männer leben im Südwesten länger als im Osten.
Plakativ bringt die Konsequenz dieser Krankheitshäufigkeit ein in den Medien gern zitierter Vergleich auf den Punkt: „Männer leben im Südwesten länger als im Osten“ titelte das Online-Portal „Zeit“ im Sommer 2025 und verwies auf eine Statistik, nach der die Lebenserwartung von Männern in Baden-Württemberg vier Jahre höher liegt als in Sachsen-Anhalt.
Ein Handlungsdruck, der auf dem Gesundheitssystem lastet und die AOK Sachsen-Anhalt längst vom „Payer zum Player“ werden ließ. Nicht zufällig besteht in Sachsen-Anhalt bereits seit über 20 Jahren ein Hausarztzentriertes Versorgungsprogramm, an dem 95 Prozent der Hausärzte teilnehmen und das positive Effekte auf die Versorgungssituation hat. Die steuernde Rolle der „Primärärzte“ bleibt unerlässlich. Gleichzeitig sind ihre (zeitlichen) Ressourcen begrenzt, was die Nachfrage nach einer weiteren aufklärenden und navigierenden Rolle im Gesundheitssystem steigert.
Daten und Gestaltungsspielräume nutzen
Die für das Bundesland skizzierten Herausforderungen lassen sich selbstverständlich auch in den Routinedaten der AOK Sachsen-Anhalt finden. Fokussiert man hierbei exemplarisch die Herz-Kreislauferkrankungen, so zeigt sich, dass von etwa 156.000 Versicherten, die 2017 bereits an Bluthochdruck erkrankt waren, schon sechs Jahre später 46 Prozent von ihnen eine Folgeerkrankung ausprägten. Ernstzunehmende Zahlen – handelt es sich hierbei auch um Herzinsuffizienz, Nierenerkrankungen oder Vorhofflimmern.
Die Ursachen für diese Folgeerkrankungen sind häufig lebensstilbedingt und damit beeinflussbar. Für die AOK Sachsen-Anhalt leitet sich daraus der Anspruch ab, dies nicht als unabänderlichen Verlauf zu akzeptieren, sondern Versicherte entsprechend ihrer jeweiligen Bedarfssituation zu informieren und passgenaue Angebote zu unterbreiten. Gesunde Versicherte werden stets eine andere Erwartungshaltung an ihre Krankenkasse haben, als jene, mit einer sten Diagnosestellung oder Versicherte, die eine chronische Erkrankung haben.
Aber wie gelingt es, dass Versicherte passgenau Informationen und Angebote erhalten mit denen Effekte erreicht werden? Der Blick ins Sozialgesetzbuch zeigt die Möglichkeiten. Mit den Regelungen in § 25b und § 68b im SGB V wurden bislang bereits bestehende Möglichkeiten gesetzlicher Krankenkassen zur Versorgungsgestaltung so ergänzt, dass ein individuelles Versorgungsmanagement für gesetzliche Krankenkassen vereinfacht wurde.
Die Möglichkeiten, die gesetzliche Krankenkassen haben, sollten sie nutzen, da dies der Erwartungshaltung der Versicherten entspricht. Die aktuelle Digital-Health-Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young zeigt: 66 Prozent der Befragten erwarten von Krankenkassen die Übernahme einer „aktiven Lotsinnenrolle“, die sie durch die einzelnen Stationen des Gesundheitssystems navigiert, 73 Prozent sehen in ihrer gesetzlichen Krankenkasse eine Ansprechpartnerin auf Anfrage zur optimalen Gesundheitsversorgung.
Bestehende Versorgungskampagnen der AOK Sachsen-Anhalt, die dieser Erwartungshaltung nachkommen und die im SGB V liegenden Chancen nutzen, bestätigen eine breite Akzeptanz der Versicherten. So ist für Bluthochdruck-Patienten ein vom AOK Bundesverband angebotener digitaler „Bluthochdruck-Coach“ bereits eine wertvolle Unterstützung. Im Fokus steht dabei ein Wissensaufbau – also der Aufbau von Gesundheitskompetenz.
Unterstützung durch Smartwatch und Telearzt
Bei bereits fortgeschrittener Erkrankung stoßen hybride Versorgungsangebote auf große Akzeptanz. Versicherte der AOK Sachsen-Anhalt, welche bereits ein diagnostiziertes Vorhofflimmern haben und bei denen eine Behandlung (Katheterablation oder Kardioversion) durchgeführt wurde, können mit einer Smartwatch ausgestattet werden, die eine EKG-Aufzeichnung ermöglicht, sowie die regelmäßige Erfassung der Herzfrequenz. Bei Auffälligkeiten unterstützt ein Telearzt und selbstverständlich auch die vorhandene ambulante und stationäre Versorgung. Dies bestätigt das Potenzial der Nutzung von Daten, welche so umfänglich nur bei den gesetzlichen Krankenkassen vorhandenen sind. Durch die direkte Ansprache der Versicherten, welche bereits ein Vorhofflimmern haben, wurde die Inanspruchnahme des Versorgungsangebotes im Vergleich zu einer Bewerbung „nur“ durch die Leistungserbringer verdreifacht.
Die hohe Resonanz auf ein passgenaues Angebot zur individuellen gesundheitlichen Lage der Versicherten, zeigt auch den großen Orientierungsbedarf auf. Dieser geht leider unabhängig vom Krankheitsstadium mit einer gering ausgeprägten Gesundheitskompetenz einher. Studien, nach denen drei Viertel der Erwachsenen eine zu geringe Gesundheitskompetenz aufweisen, zeigen die Brisanz des Themas. Diese zu fördern bleibt auf jeder „Versorgungsstufe“ wichtig. Hier liegt ein wichtiger Baustein zur Steigerung der Lebensqualität der Versicherten und zur Entlastung des Gesundheitssystems.
Die Möglichkeiten, die gesetzliche Krankenkassen haben, sollten sie nutzen, da dies der Erwartungshaltung der Versicherten entspricht.
Die Vermeidung unnötiger Arztkontakte, stationärer Aufenthalte sowie die Verbesserung der Therapietreue sind nicht nur aus einer Ausgabenlogik von „Kostenträgern“ wichtige Ziele. Die begrenzten analogen Ressourcen in der medizinischen Versorgung benötigen informierte Versicherte und Patienten, die Informationen zu Krankheitsbildern besser finden, bewerten, verstehen und auch umsetzen können. Dies bedeutet, dass Krankenkassen Versorgung sektorübergreifend denken und sich so aufstellen sollten, dass ein individuelles Versorgungsmanagement entlang des Patientenpfades ermöglicht wird. Die Chancen der Digitalisierung dabei zu nutzen und die Verbindung zu regionalen Versorgungsstrukturen herzustellen ist schon heute und insbesondere für regional aktive Krankenkassen mit fundierten Kenntnissen der Versorgungsstrukturen vor Ort möglich.
Dass gesetzliche Krankenkassen, wie die AOK Sachsen-Anhalt ihr Versorgungsmanagement aktiver gestalten, entspricht nicht nur dem Versichertenwunsch, sondern ist „in der DNA“ gesetzlicher Krankenkassen begründet, die eine bedarfsgerechte, qualitätsgesicherte und auch wirtschaftlich zweckmäßige Versorgung sicherstellen sollen. In dieser Rolle werden sie immer nur in Partnerschaft mit anderen Akteuren (Leistungserbringern, Kommunen etc.) erfolgreich sein.
Der Ansporn dafür sollte aber nicht nur in der „Modellregion“ Sachsen-Anhalt groß sein. Denn es gilt deutschlandweit die höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf in der EU in mehr gesunde Lebensjahre zu übersetzen. Dafür gilt es die Möglichkeiten, die das SGB V schon heute bietet, zu nutzen. Gleichzeitig setzt die von Versicherten gewünschte Passgenauigkeit der Angebote auch eine schnellere Verfügbarkeit von (Abrechnungs-)Daten für gesetzliche Krankenkassen voraus. Diese Forderung an den Gesetzgeber bleibt genauso relevant, wie die Umsetzung einer intersektoralen Versorgung.



