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Interview

„Deutschland braucht eine richtige E-Health-Strategie“

In Sachen Digitalisierung kommt Deutschlands Gesundheitswesen noch immer nicht so recht voran. Mangelnde Interoperabilität ist ein ganz großer Hemmschuh. Warum es jetzt schnell einen kompletten Paradigmenwechsel geben muss, erklärt die SITiG-Vorsitzende Sylvia Thun im Interview.

Sylvia Thun

Ivo Meyer

Sylvia Thun, Vorsitzende des Spitzenverbands IT-Standards im Gesundheitswesen (SITiG), im Interview.

Frau Thun, geben Sie uns bitte eine kurze Bestandsaufnahme zur Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen – im Twitter-Stil, bitte.

#GermanAngst und #GermanGründlichkeit behindern Digitalisierung. Patienten haben ein Recht auf effiziente Digitalisierung.

Das klingt nach grundsätzlichen Problemen.

In der Tat. Zwar sind wir alle digitalisiert, aber wir sind nicht vernetzt. Wir kommunizieren nicht. Zwischen Menschen, Maschinen, Ärzten und Patienten findet kein Austausch von Daten statt, weil u.a. die gemeinsame IT-Fachsprache, die Medizinische Terminologie, fehlt. Die semantische Interoperabilität ist die große Herausforderung, und die haben wir in Deutschland über Jahre vernachlässigt.

Erklären Sie das bitte.

Wir basteln bis heute an einer speziellen Infrastruktur, gewissermaßen einem Intranet für das Gesundheitswesen, obwohl wir dafür auf Vorhandenem hätten aufbauen können. Viel wichtiger wäre es, das medizinische Begriffssystem SNOMED CT endlich auch in Deutschland zum Standard zu machen. Dahinter verbirgt sich die Systematisierte Nomenklatur der Medizin, ein international favorisierter Terminologiestandard, der eine sichere elektronische Kommunikation möglich macht. Nur so können wir langfristig am Wissen der Welt teilhaben. Wenn wir da den Anschluss verpassen, was wir jetzt eigentlich schon tun, bringen wir zukünftige Patienten in Lebensgefahr, denn Forschung und Versorgung müssen verlässlich auf Patientendaten zugreifen und sie auswerten können. Deshalb muss Deutschland der Organisation SNOMED International beitreten und so eine nationale Lizenz erwerben. Aber die zuständige Behörde, das BMG, scheint die Brisanz nicht zu erkennen.

Der Zugriff auf Patientendaten sorgt in Deutschland noch immer für Unbehagen. Datenschutz ist hierzulande ein hohes Gut.

Das ist auch gut so. Nur hat die deutsche Gründlichkeit dazu geführt, dass genau das nicht passiert. Die Daten werden zurzeit gerade nicht geschützt. Weil den Ärzten erlaubte Mittel zum Kommunizieren fehlen, werden Befunde massenhaft per WhatsApp verschickt. Bei der Kommunikation zwischen Ärzten und zwischen Ärzten und Patienten haben wir bislang völlig versagt.

Was steht für Ihren neuen Spitzenverband ganz oben auf der Agenda? Was ist ganz konkret der nächste Schritt?

Unsere oberste Priorität ist es, die Aufmerksamkeit von der Infrastruktur auf die Kommunikation von medizinischen Inhalten zu lenken. Dazu wollen wir die unterschiedlichsten Experten zusammenbringen – insbesondere aus der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, aus Verbänden und aus der Indus­trie. Wir brauchen schnell einen kompletten Paradigmenwechsel. Im Grunde könnten wir das Elektronische Patientendossier der Schweiz (EPD) oder die Elektronische Gesundheitsakte aus Österreich (ELGA) nachmachen. Die basieren übrigens beide auf deutschen Projekten und Standards wie HL7, IHE und SNOMED CT, die dort dann umgesetzt und weiterentwickelt wurden.

Wie lässt sich ein solcher Wandel realisieren?

Wir müssen mutiger werden. Das Thema gehört auf die höchste Ebene und muss in der Bundesregierung zur Chefsache werden. Das Ziel ist ein nationales, medizinfachliches E-Health-Institut, das alle Interessen vertritt wie beispielsweise das National Institute of Health und das „Office of the National Coordinator for Health Information Technology (ONC)“ in Amerika. Denn statt eines weiteren E-Health-Gesetzes brauchen wir eine richtige E-Health-Strategie mit klaren Zuständigkeiten und zentralen Rahmenbedingungen, die auf internationale Standards setzen und eine einheitliche Sprache vorschreiben. Momentan werden diese Standards verhindert, weil bei uns kleine Firmen die Macht über den Datentransfer, die Terminologien und die Schnittstellen haben und teilweise sogar die Regierung unter Druck setzen.

Was würde aus der Gematik?

Neben einem für das Fachliche zuständigen E-Health-Institut bliebe die Gematik für die Infrastruktur verantwortlich. Sie würde gesundgeschrumpft, damit sie wieder handlungsfähig wird. In den vergangenen Jahren wurden Milliarden Euro an Kassengeldern vergeudet, und noch immer gibt es wenig effiziente Strukturen. Das Geld ist weg, doch den Patienten kommen die möglichen Vorteile der Digitalisierung nicht zugute. Mittlerweile gibt es viele Insellösungen, und jeder erfindet immer wieder alles neu, selbst in der Medizininformatik-Initiative des BMBF. Dabei gibt es das Rad ja schon. Auch hier sind internationale IT-Standards, die alle nutzen müssen, die Lösung.

Wieso sollte jetzt funktionieren, was 14 Jahre lang kaum von der Stelle kam?

Ich bin überzeugt, dass der Druck steigen wird. Die Patienten etwa werden sich nicht länger damit abfinden, als unmündig gehalten zu werden, sondern auf ihre Daten pochen. Alle, die am Patienten arbeiten, werden das unterstützen, und auch für Großkonzerne ist es völlig inakzeptabel, wenn weiter jede Organisation andere Spezifikationen vorgeben kann.

Wie können sich Kliniken verhalten?

Sie sollten, wenn sie eine Infrastruktur nach außen ausschreiben, ein System fordern, das internationale Standards erfüllt. Zum einen sind diese Systeme ausgereifter, zudem wäre die Patientensicherheit höher, weil die Daten präziser und korrekter sind. Obendrein bleibt, wer nicht auf Standards pocht, für immer an einen Anbieter und damit eine Insel gebunden.

Zurück zu Ihrer Bestandsaufnahme am Beginn dieses Gesprächs. Warum bleiben Sie eigentlich optimistisch?

Bei aller Kritik an der Entwicklung gibt es ja auch ermutigende Leuchtturmprojekte, z.B. die österreichische ELGA, deren Basis deutsche Experten gelegt haben, beweist, dass es funktioniert. Zuversichtlich stimmen mich Projekte wie der Medikationsplan PLUS und die IHE-konformen Patientenakten der Krankenhäuser (PEPA, eFA, FALKO.NRW).

Sylvia Thun ist Vorsitzende des Spitzenverbands IT-Standards im Gesundheitswesen (SITiG). Ab 2018 leitet sie am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) und an der Charité zudem die „Core-Unit eHealth & Inter­operability“. Außerdem ist die Ärztin und Diplomingenieurin, Professorin für IT im Gesundheitswesen an der Hochschule Niederrhein und zweite Vorsitzende von HL7 Deutschland.

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  • E-Health
  • Sylvia Thun
  • Digitalisierung
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Kommentare (1)

  1. eHealth Strategie - Toolkit der WHO

    12.12.2017, 11:16 Uhr

    Die World Health Organization (WHO) hat hierzu vor Jahren schon einen tollen Framework zur Erstellung einer eHealth Strategie bereitgestellt: das National eHealth Strategy Toolkit. Sehr zu empfehlen!

    Weitere Informationen auf der Website der WHO: http://www.who.int/ehealth/en/

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