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Insel Gruppe Bern„Der Nutzen von Epic ist immens“

Die Schweizer Insel Gruppe nutzt seit 2024 die amerikanische KIS-Lösung Epic. kma sprach mit dem Ärztlichen Direktor Prof. Martin Fiedler und dem Innovationschef Pascal Schär über die problemlose Einführung, Vor- und Nachteile des Systems – und warum manche Ärzte Epic zu Beginn nicht mögen.

Inselspital in Bern
Insel Gruppe
Das Inselspital in Bern zählt zu den wichtigsten Universitätskliniken der Schweiz.

Das Krankenhausinformationssystem (KIS) Epic ist bei Unikliniken weltweit beliebt, ist aber wegen der hohen Kosten auch umstritten. Bei der Insel Gruppe in Bern ist Epic seit März 2024 im Einsatz. Im Gespräch mit Prof. Martin Fiedler (Ärztlicher Direktor) und Pascal Schär (Direktor Technologie und Innovation) geht es um Erfahrungen, Vorurteile und warum die Kosten-Diskussion wichtig ist.

Die Charité hat sich – wie zuvor die Insel Gruppe – für Epic entschieden. Ist das US-KIS aus Ihrer Sicht eine gute Wahl?

Martin Fiedler: Ja, absolut. Ohne jedes Zögern. Die Charité ist ein komplexes Universitätsklinikum mit großen, sehr unterschiedlichen Standorten und einer entsprechend vielfältigen Kultur. Wenn man so ein Haus digital neu ausrichten will, braucht man einen Partner, der Großprojekte dieser Dimension schon mehrfach erfolgreich umgesetzt hat. Epic hat diese Erfahrung, und wir haben selbst gesehen, wie stark diese Umsetzungskraft ist. Trotz Covid, trotz Bauprojekten und trotz schwieriger Rahmenbedingungen haben wir unser Epic Projekt termingerecht und innerhalb des Budgets abgeschlossen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Ausdruck einer enormen Professionalität.

Pascal Schär: Und wichtig ist auch: Epic funktioniert nicht als isolierter Hersteller. Es gibt eine weltweite Community, die sich gegenseitig unterstützt. Bei uns waren zeitweise rund 100 Mitarbeitende aus anderen Epic Häusern vor Ort – aus den Niederlanden, Dänemark, der Schweiz. Diese Community Struktur ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Dasselbe wird auch der Charité zugutekommen.

Der Go Live in Bern erfolgte an fünf Standorten gleichzeitig. Wie lief das ab?

Fiedler: Wir hatten ein zweijähriges Vorprojekt, in dem wir intensiv Prozesse harmonisiert, Mitarbeitende geschult und technische Vorbereitungen getroffen haben. Der eigentliche Umstellungsmoment war dann radikal: Am 2. März 2024 wurde innerhalb einer Minute von den alten Systemen auf Epic umgeschaltet. Labor, Radiologie, Intensivmedizin, Stationen – alles ging zugleich live. Dass das möglich war, hat selbst uns rückblickend beeindruckt. Doch es zeigt, wie viel eine stringente Vorbereitung bewirken kann.

Spitalgruppe in Bern

Die Insel Gruppe (2023: 899 Betten) ist eine Krankenhausgruppe im Schweizer Kanton Bern. Die Insel Gruppe bildet zusammen mit der Uniklinik Inselspital Bern, dem Berner Reha Zentrum und den drei Landspitälern Aarberg, Belp und Riggisberg nach eigenen Angaben eines der größten medizinischen Vollversorgungssysteme der Schweiz. Die Insel Gruppe gehört zu 99,1 Prozent der Inselspital-Stiftung (eine gemeinnützige privatrechtliche Stiftung) und zu 0,9 Prozent dem Kanton Bern. Das Unternehmen beschäftigt derzeit nach eigenen Angaben rund 11.000 Menschen und behandelt jährlich rund 55.000 Patienten stationär.

Herr Prof. Fiedler, Sie galten früher eher als skeptisch gegenüber Epic. Was hat Ihre Sicht geändert?

Fiedler: Skeptisch war ich weniger aus fachlichen Gründen, sondern aus einem politisch gesellschaftlichen Kontext heraus. Um 2018/19 stellte sich die Frage: Warum brauchen wir ein amerikanisches System? Gibt es keine europäische Alternative? Heute muss ich sagen: Die Reife, die Stabilität und die Umsetzungskraft, die wir mit Epic erlebt haben, hätte uns kein anderes System bieten können. Epic ist weit mehr als Software. Es ist ein Transformationsinstrument, das Silos aufbricht, Prozesse vereinheitlicht und eine patientenorientierte Sicht auf den gesamten Behandlungspfad ermöglicht. Die Art, wie wir heute im medizinischen Kernbereich arbeiten, unterscheidet sich deutlich von der Zeit vor Epic.

Was hat sich durch Epic organisatorisch verändert?

Schär: Wir haben mehr als 50 Altsysteme abgelöst. Das allein schon erzeugt eine enorme Klarheit im Betrieb. Aber vor allem eröffnet Epic neue Möglichkeiten: Wir können als universitäres Spital endlich datengetriebene Medizin in großem Stil denken. Patienten nutzen bei uns die App MyInsel, über die sie Termine verwalten, Laborwerte einsehen und mit der Organisation interagieren können…

… also wie ein Patientenportal?

Ja. Ebenso wichtig ist das Zuweiserportal InselLink, über das inzwischen hunderte niedergelassene Ärztinnen und Ärzte direkt an unsere Informationsflüsse angebunden sind. Dadurch entstehen erstmals echte, digitale Versorgungsketten – nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Spitals.

Kritiker sagen, Epic sei technologisch bereits veraltet. Wie stehen Sie dazu?

Schär: Dieses Argument hört man oft, aber es greift viel zu kurz. Epic mag alt sein im Sinne seiner Existenz, aber eben nicht im Sinne seiner Architektur oder Weiterentwicklung. Das System wird permanent erneuert. Und es gibt etwas, das kaum ein anderer Anbieter bietet: Epic verpflichtet sich über viele Jahre hinweg, neue Funktionen ohne zusätzliche Lizenzkosten bereitzustellen. Diese langfristige Stabilität ist ein enormer Vorteil. Im IT Bereich ist Reife oft wertvoller als vermeintliche Modernität.

Manche Ärztinnen und Ärzte empfinden Epic mehr als Disziplinierungswerkzeug, das Mediziner gängelt...

Fiedler: Diese Wahrnehmung existiert, ja. Strukturierte Datenerfassung kostet zunächst Zeit und schafft Transparenz. Manche empfinden das als Kontrolle. Aber wenn man ehrlich ist: Strukturierte Dokumentation ist essenziell für Patientensicherheit, verlässliche Prozesse und Forschungsqualität. Früher wurden viele Informationen mehrfach oder gar nicht erfasst. Heute steht alles standortübergreifend zur Verfügung. Das ist ein enormer Fortschritt. Natürlich bedeutet das eine Kulturveränderung. Wer früh eingestiegen ist und Schulungen ernst genommen hat, hat sich leicht getan. Wer abgewartet hat, tut sich bis heute schwerer.

Schär: Und man darf nicht vergessen: Viele Leistungen müssen heute formal verordnet werden, etwa Therapien, Diagnostik, pflegerische Maßnahmen. Das liegt nicht an Epic, sondern an moderner Medizin. Epic macht diese Notwendigkeit sichtbar. Das empfinden manche als zusätzlichen Aufwand.

Führt das anfangs nicht zu einem erhöhten Dokumentationsaufwand und Leistungsrückgang?

Fiedler: Ein gewisser Einbruch ist völlig normal. Bei uns dauerte die Lernphase ungefähr zwölf Monate. Danach stabilisierte sich die Arbeit. Mittlerweile erbringen wir mit weniger Personal mehr Leistung als vor Epic – sowohl ambulant als auch stationär. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich der Aufwand der Transformation lohnt.

Digitalisierte Medizin ist ohne Künstliche Intelligenz nicht mehr denkbar. Wie gut ist Epic auf moderne KI-Anwendungen vorbereitet?

Schär: Sehr gut. Epic verfügt über rund 180 KI-Anwendungsfälle, die direkt in klinische Workflows integriert sind: Risikoabschätzungen, Entscheidungsunterstützung, Prozessoptimierungen. Das System ist technisch absolut bereit. Das eigentliche Hindernis liegt eher in gesellschaftlichen Debatten. Wir sprechen ständig über Datenschutz, aber kaum über das Potenzial für schwer kranke, multimorbide Menschen, die massiv von KI Unterstützung profitieren könnten. Wir brauchen hier eine sachlichere Diskussion.

Epic als amerikanisches System verfügt von Haus aus über kein europäisches Abrechnungsmodul. Wie funktioniert in Ihrem Epic-Setup die Abrechnung?

Schär: Die Endfakturation läuft bislang weiterhin in IS-H, das aber eng mit Epic verzahnt ist. Für die Schweiz wird Epic perspektivisch ein eigenes Abrechnungsmodul entwickeln, sobald die Anzahl der Epic Spitäler groß genug ist, um die Investition zu tragen. Technisch ist die Integration heute bereits tief und stabil.

Die Projektkosten für die Einführung von Epic sorgen in der Schweiz für Debatten. Liegen die Kritiker falsch?

Fiedler: Ein großes Problem ist, dass Investitions und Betriebskosten oft zusammengeworfen werden. Wenn man Kosten über einen Zeitraum von elf Jahren addiert, entstehen zwangsläufig große Summen. Aber das sagt nichts über die tatsächliche Belastung pro Jahr aus – und noch weniger über den Nutzen. Wir haben transparent dargestellt, welche Kosten reine Epic-Kosten sind und welche Teile im Rahmen einer allgemeinen Digitalisierung anfallen, etwa Geräte, Infrastruktur oder Modernisierung der IT Landschaft. Vieles davon wäre ohnehin angefallen.

Schär: Und die Charité hat das, soweit wir sehen, ähnlich kommuniziert: Sie spricht ebenfalls über einen Zehnjahreszeitraum. Trotzdem sollte man bei der Interpretation solcher Zahlen vorsichtig sein. Ein intertemporaler Sachverhalt lässt sich schwer in eine einzige Zahl pressen. Wichtig ist doch, dass wir unsere jährlichen ICT-Kosten stabil halten konnten. Sie betrugen in den vergangenen fünf Jahren jeweils rund sieben Prozent des klinischen Ertrages.

Auch in Deutschland dreht sich die Epic-Debatte um Kosten und Datenschutz...

Fiedler: Die Diskussion ist wichtig, aber oft einseitig. Wir reden fast ausschließlich über Risiken, kaum aber über Chancen. Die Insel Gruppe investiert jährlich 2-4 Prozent ihres Jahresumsatzes in die Digitalisierung. Das ist keine übermäßige Summe – es ist eine notwendige Investition, um die Versorgung zukunftsfähig zu halten. Europa hat bei Digitalisierung und KI bereits mehrere Züge verpasst. Wenn wir jetzt nicht mutig investieren, wird der Rückstand irreversibel.

Welchen Rat geben Sie der Charité?

Fiedler: Mut, Zuversicht und Durchhaltewillen. Epic ist ein großes Projekt, aber der Nutzen ist immens. Und die Community unterstützt Sie. Wir werden die Charité gerne unterstützen, so wie andere Häuser uns unterstützt haben. Am Ende geht es darum, eine moderne, sichere, integrierte digitale Medizin aufzubauen – das gelingt nur, wenn man entschlossen vorangeht.

Epic bei der Insel Gruppe

Die Insel Gruppe hat im März 2024 Epic in seinen Häusern eingeführt. Die Projektphase betrug insgesamt vier Jahre, die eigentliche Inbetriebnahme verlief laut Prof. Fiedler komplikationslos innerhalb weniger Tage. Epic löste bei der Insel Gruppe mehr als 50 bestehende klinische Systeme ab. Die Einführung erfolgte parallel zu einem umfassenden digitalen Umbau der „gesamten Spitalorganisation“. Im Februar 2026 veröffentlichte die Insel Gruppe Zahlen zu den Kosten der Digitalisierung und der Einführung von Epic. Danach betrugen die Kosten für das neue Klinikinformations- und Steuersystem für zehn Jahre rund 104,2 Millionen Franken (114 Millionen Euro). Darin enthalten sind Lizenzkosten und zusätzlich auch Betriebs- und Wartungskosten bis 2032 im Umfang von insgesamt rund 45 Millionen Franken. Hinzu kommen 52,5 Millionen Franken (57,5 Millionen Euro) Personalkosten für interne Mitarbeitende aus IT und medizinischen Bereichen für die Epic-Einführung. Weitere 70,8 Millionen Franken flossen in die digitale Transformation, darin enthalten sind u.a. Beistellleistungen für die Modernisierung der IT-Infrastruktur, Projektkosten für externe Projektmitarbeitende und Schulungen, auch für die Epic.

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