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Osnabrück Healthcare Accelerator„Kliniken können sich einiges von Start-ups abgucken“

Start-ups rütteln das Gesundheitswesen inzwischen spürbar auf – auch wenn der Weg in die Versorgung nicht einfach ist. Wie genau der OHA (Osnabrück Healthcare Accelerator) diese unterstützt, zeigen zwei Beispiele aus dem Klinikbereich.

Start-up
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Symbolfoto

Wenn Ralf Minning erklärt, was ein Healthcare Accelerator ist, kommt die Sprache früher oder später auf „Die Höhle der Löwen“ (DHDL). „Das ist durchaus nachvollziehbar“, so Minning, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Osnabrück (WFO) und des Osnabrück Healthcare Accelerators (OHA), „denn für viele Menschen ist diese Fernsehshow der einzige Berührungspunkt mit der Start-up-Welt.“ Nach einigen erläuternden Ausführungen wird aber schnell klar: DHDL und OHA befinden sich auf ganz anderen Polen der Start-up-Förderung. Während in der Show (angeblich) innerhalb von wenigen Minuten große Investitionsentscheidungen getroffen werden, setzt der OHA auf eine langfristige Betreuung und nachhaltige Entwicklung. Von Januar bis Juni 2022 werden nun im OHA die ersten sechs Healthcare-Start-ups unterstützt.

„Der Batch #0, also unser erster Förderzeitraum, ist für uns ein Prototyp – um in der Start-up-Begrifflichkeit zu bleiben“, erklärt Oliver Volckmer, Start-up Manager im OHA. Natürlich folgt die Batch-Planung einem klaren Konzept und Ablauf: Von den Seminaren und Workshops zu Gründungs- und Wachstumsthemen, den Coaching-Sessions mit den Start-up-Managern, den Mentoring-Sitzungen bis hin zum abschließenden Demoday wurde alles auf die ideale Begleitung und Entwicklung der jungen Unternehmen ausgelegt und geplant. Aber letztendlich ist es wie bei jedem Start-up: Die eigenen Hypothesen bewähren sich erst im direkten Kontakt mit den Kundinnen und Kunden und dann heißt es „testen, lernen, anpassen“.

Inngo – der Digitallotse im Krankenhaus

Eines der geförderten jungen Unternehmen ist Inngo. Die beiden Schwestern Anna und Lena Frommer entwickeln eine Plattform, um die dringend in Kliniken benötigte Digitalisierung zu unterstützen. Damit Innovationen nachhaltig wirken und wirklich dort Geld ausgegeben wird, wo es den größten Nutzen erzeugt, bezieht Inngo nicht nur das Management, sondern auch die Anwenderinnen und Anwender aus den Fachbereichen mit ein. Mithilfe der Software können Kliniken ihre Digitalisierungsprojekte priorisieren, partizipativ gestalten und gleichzeitig beschleunigen. „Das wird angesichts des KHZG und der Fülle an neuen Digitalisierungsprojekten jetzt umso wichtiger“, führt die Gründerin Lena Frommer aus: „Wir matchen deshalb die Bedarfe auch mit Leitplanken und Vorgaben aus dem KHZG, um mögliche Sanktionen zu verhindern.“ Zudem sorge der Inngo-Pool, der seit Jahren mit Pilotkliniken aufgebaut wird, für eine bessere Vergleichbarkeit von Daten und biete Best Practices aus anderen Häusern.

Katja Kümmel, CIO und Leiterin Geschäftsbereich IT am Universitätsklinikum Münster, arbeitet bereits seit 1,5 Jahren mit den Gründerinnen zusammen: „Mit Inngo konnten wir über 150 Digitalisierungsziele identifizieren, priorisieren und ausgewählte Projekte bereits anstoßen. Das Tool kann nicht nur als Service gegenüber Fachabteilungen dienen, sondern schafft auch die notwendige Transparenz, um Digitalisierungsvorhaben nutzenstiftend umzusetzen.“ Und auch Carsten Giehoff, IT-Leiter der Schwester Euthymia Stiftung, nutzt das Tool bereits: „Innerhalb kürzester Zeit konnten wir die Digitalisierungsbedarfe aller Anwenderinnen und Anwender abfragen und priorisieren. Mit dem Inngo-Dashboard erreichen wir ein Diskussionsniveau auf konstruktiver, realitätsnaher Ebene, das vorher so nicht möglich war.“

Win-Win-Situationen für Start-ups wie Netzwerkpartner

Zurzeit weitet das Start-up den Kreis der Pilotkunden aus und sucht nach Kliniken, die Quick Wins für ihre Fachabteilungen im Bereich Digitalisierung erzielen und eine Innovationskultur fördern wollen. Auch dabei unterstützt der OHA. „Unser Alleinstellungsmerkmal als Accelerator ist sicherlich die Breite unseres Netzwerks“, führt Katharina Lutermann, Start-up Managerin im OHA, aus. Neben der Wirtschaftsförderung Osnabrück fungiert eine Beteiligungsgesellschaft mit 31 privaten Akteuren aus der Region Osnabrück als weiterer Gesellschafter, darunter Kliniken, niedergelassene Ärzte, Unternehmen aus der Gesundheitsbranche, IT-Firmen sowie Rechts- und Strategieberatungen. Hinzu kommen noch weitere Leistungsbringer, Krankenkassen und Hochschulen als Kooperationspartner, sodass das OHA-Netzwerk inzwischen mehr als 40 Partner zählt.

Diese unterstützen den Accelerator nicht nur finanziell, sondern stehen auch inhaltlich als Mentoren zur Seite – und profitieren gleichsam in hohem Maß, weil sie mit dem OHA einfacher am Puls der Zeit bleiben. Katharina Lutermann sieht hier – neben der erfolgreichen Unterstützung der Start-ups – einen großen Wert des OHA: „Die Trendthemen und Geschwindigkeiten im Gesundheitsbereich nehmen zu. Deshalb gewinnen Co-Creation und die Arbeit in Netzwerken an Bedeutung – und dafür schaffen wir im OHA einen Raum.“ So lernten Start-ups nicht nur von etablierten Organisationen, sondern auch anders herum: „Wenn es darum geht, sehr stark kundenfokussiert zu arbeiten, in schnellen, iterativen Zyklen zu lernen oder neue Interaktionsmethoden zu nutzen, können sich Klinken durchaus einiges von Start-ups abgucken.“

Refined Laser Systems beschleunigt die klinische Pathologie

Das umfangreiche Netzwerk, besonders zu den regionalen Kliniken, war auch für das Start-up Refined Laser Systems ein wesentlicher Grund, sich im OHA zu bewerben. Die beiden Gründer und Laserphysiker Max Brinkmann und Tim Hellwig wollen die Abläufe in der klinischen Pathologie beschleunigen und digitalisieren. Die entwickelte Lasertechnik soll eine pathologische Befundung von auffälligem Gewebe schon während einer OP ermöglichen. Auf diese Weise sollen sowohl Wiederoperationen vermieden als auch das medizinische und kosmetische Operationsergebnis für die Patientinnen und Patienten verbessert werden. „Wir suchen Partner und Unterstützer zur Anwendungsvalidierung und Integration unserer Technik in klinische Arbeitsabläufe“, berichtet Max Brinkmann: „Und da helfen uns die geballte Healthcare-Kompetenz und die spannenden Kontakte im OHA sehr weiter.“

An diesen beiden Beispielen wird deutlich, wie unterschiedlich die geförderten Start-ups sind und wie individuell deshalb auch die Betreuung und Unterstützung ausfallen muss. „Für manche ist es besonders wichtig, erst einmal das Gesundheitssystem mit seinen spezifischen Eigenheiten zu verstehen“, erläutert Oliver Volckmer: „Andere hingehen brauchen eher Hilfe bei Themen wie Finanzplanung oder Geschäftsmodellentwicklung. Darauf richten wir uns als Coaches ein – und wissen auch, mit wem aus unserem Netzwerk wir die Gründerinnen und Gründer vernetzen können.“ Eine Sache gelte aber für alle Start-Uups gleichermaßen: Nur wer den Kontakt zu möglichen Kundinnen und Anwendern sucht und immer wieder Feedback einholt, hat die Chance, den sogenannten Product-Market-Fit zu erreichen und mit dem eigenen Produkt erfolgreich zu werden.

Weitere Informationen

Bis zum 17. April 2022 ist die Bewerbungsphase für den nächsten Batch ab Juli 2022 geöffnet. Start-ups aus der Pre-Seed- und Seed-Phase, die eine spannende Idee im Gesundheitsbereich verfolgen, können sich in wenigen Minuten für das kostenfreie Unterstützungsprogramm bewerben. Und auch wer mehr über den OHA und die hier geförderten Start-ups wissen möchte, wird auf der Website des OHA fündig.

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