
In verschiedenen Projekten untersuchen Krankenhäuser und Pflegeheime zurzeit, wie sich die Versorgung von Heimbewohnern bei einer Erkrankung oder einem Notfall so schonend wie möglich organisieren lässt. Eine große Hilfe ist dabei die Telemedizin. Klinikärzte beurteilen aus der Ferne, ob ein erkrankter Patient eingeliefert werden muss, oder ob ihn die vertrauten Pflegekräfte in der gewohnten Umgebung des Pflegeheims medizinisch versorgen können.
Bei einem akuten Notfall führt kein Weg vorbei an der Notaufnahme. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob der Patient unbedingt stationär aufgenommen werden muss, oder ob er nicht auch im Pflegeheim gut weiterversorgt werden kann. Gerade bei älteren Menschen besteht die Gefahr des Drehtür-Effekts – den alle Beteiligten vermeiden möchten. Deshalb engagieren sich auch die gesetzlichen Krankenkassen in zwei aktuellen Projekten.
Teletriage vermeidet unnötige Krankentransporte
In Hamburg berät die Zentrale Notaufnahme (ZNA) des Asklepios Klinikums Harburg beispielsweise seit April 2025 die Pflegeeinrichtung Pflegen & Wohnen Heimfeld in nicht lebensbedrohlichen Notfällen mit Hilfe eines Telekonsils. Treten bei einem Heimbewohner Beschwerden wie etwa Bauchschmerzen auf, ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle für das Pflegepersonal. Außerhalb der Sprechstundenzeiten, oder falls der Hausarzt nicht erreichbar ist, wurde bislang der Ärztliche Notdienst gerufen. Oft erfolgte im Anschluss der Transport in die Notaufnahme.
Seit Projektbeginn wählen die Mitarbeiter der Pflegeeinrichtung eine spezielle Handynummer, die sie direkt mit der ZNA des Klinikums verbindet. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Pflegefachkraft, die sich den Fall schildern lässt und dann den Arzt informiert, sodass zeitnah eine Online-Visite stattfinden kann. Die Pflegefachkraft oder Gesundheits- und Pflegeassistentin bucht über das Patientenportal des Klinikums einen Termin in der Notaufnahme und übermittelt Vitalwerte des Bewohners wie etwa Blutdruck, Körpertemperatur, Blutzuckerwert, Sauerstoffsättigung oder Puls, zusammen mit einer Kurzbeschreibung, an die ZNA.
Dort sind bereits alle medizinisch relevanten Informationen der Projektteilnehmer wie Medikamentenplan, Diagnosen, Patientenverfügung oder Vorsorgevollmachten in das System eingepflegt. Der behandelnde Arzt muss sich nicht durch mitgebrachte Papierunterlagen kämpfen, sondern kann sich alle relevanten Daten des Patienten vorsortiert anzeigen lassen. Das erleichtert dem Arzt auch die Verordnung eines Medikaments, beispielsweise gegen Übelkeit. Falls die Pflegeeinrichtung die Arznei nicht vorrätig hat, wird sie vom Krankenhaus geliefert.
Große Hilfe bei Demenz-Patienten
Bei der Televisite via Tablet ist die Pflegefachkraft anwesend. Das erleichtert die Kommunikation, beispielsweise mit schwerhörigen oder dementen Heimbewohnern. „In der ZNA höre ich oft von dementiell veränderten Menschen, dass es ihnen gut gehe und sie nicht wüssten, weshalb sie in der Notaufnahme seien“, berichtet Dr. Tobias Strapatsas, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme im Asklepios Klinikum Harburg.
Zur Abklärung muss er dann im Pflegeheim anrufen. Durch das Telekonsil mit Bewohnern und Pflegefachkräften muss er diese Telefonate nicht mehr führen. Manchmal kommt es auch vor, dass er seinen Patienten in der Notaufnahme persönlich sehen möchte. Oder er bestellt ihn zu einem späteren Zeitpunkt für eine Diagnostik ein. Der Termin wird dann auf ein Zeitfenster mit wenig Patientenaufkommen gelegt. „In der Notaufnahme wird antizyklisches Verhalten belohnt“, erklärt Strapatsas.
In der Notaufnahme wird antizyklisches Verhalten belohnt.
Am Projekt können nur Heimbewohner teilnehmen, deren Krankenkasse mit dem Asklepios Klinikum Harburg und dem Pflegeheimbetreiber Pflegen & Wohnen Hamburg einen Vertrag der besonderen Versorgung auf Basis von Paragraf 140a SGB V abgeschlossen haben. Aktuell sind es 81 der 235 Heimbewohner aus der Einrichtung Heimfeld.
TK, AOK Rheinland/Hamburg und IKK classic waren die ersten Krankenkassen, die diesen Vertrag unterzeichnet haben. Nach und nach kamen weitere Kassen – BKK Linde, BKK Pfalz, BKK Verbund Plus, energie-BKK, BKK Wirtschaft und Finanzen, Novitas BKK, BKK Deutsche Bank AG, HEK – Hanseatische Krankenkasse, hkk Krankenkasse und KKH – hinzu.
„Durch das Telekonsil werden pflegebedürftige Menschen bei nicht lebensbedrohlichen Notfällen nicht mehr unnötig in die Notaufnahme gefahren“, stellt Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg, fest. „Das ist ein riesiger Vorteil für alle Seiten – die Patientinnen und Patienten, die Pflegeeinrichtungen, aber auch die Notaufnahme, die entlastet wird.“
Patienten lehnen Telekonsil nur selten ab
Eine weitere Voraussetzung für die Teilnahme am Projekt: Der Heimbewohner darf das Telekonsil ablehnen. „Das kommt aber nur sehr selten vor“, stellt Leslie Günther, Direktorin der Pflegeeinrichtung Pflegen und Wohnen Heimfeld, fest. Die meisten Patienten und deren Angehörige sehen den Nutzen, den die Teletriage ihnen bringt. „Viele unserer Bewohner sind demenziell erkrankt“, führt sie aus. „Der Transport zur ZNA ist für alle Beteiligten mit einem erheblichen Aufwand verbunden, weil es die Bewohner stresst und diese anschließend eine besondere Betreuung benötigen.“
Bis jetzt haben 20 bis 25 Bewohner eine Teletriage erhalten. „Wir hatten mit mehr Fällen gerechnet“, so Günther. Durch die Teletriage konnte den Bewohnern in den meisten Fällen die Fahrt in die ZNA erspart werden. Das Asklepios Klinikum Harburg möchte noch weitere Pflegeeinrichtungen in das Telekonsil einbinden. Verhandlungen laufen bereits. „Die Ausweitung des Projekts ist notwendig“, sagt Strapatsas.
Er verweist auf die erforderliche Infrastruktur, die das Klinikum nur vorhalten kann, wenn das Telekonsil ausreichend in Anspruch genommen wird. So müssten etwa die Abläufe der Teletriage bei allen Pflegefachkräften im Heim geübt und bekannt, und auch die Handynummer der ZNA griffbereit sein. Aber auch die Ärzte müssen geübt sein im Videocall, damit im Notfall alles reibungslos läuft. Strapatsas legt Wert darauf, dass die Teletriage durch einen möglichst erfahrenen ärztlichen Ansprechpartner erfolgt. Die Projektteilnehmer werden daher entweder von ihm selbst oder einem seiner Oberärzte betreut.
Virtuelle Station ermöglicht Versorgung im Heim
Wenn ein medizinischer Notfall eintritt, ist die Fahrt zur ZNA unvermeidbar. Ob Bewohner nach der Erstversorgung physisch stationär aufgenommen werden oder die weitere Versorgung von vertrauten Pflegekräften in der gewohnten Umgebung des Pflegeheims erfolgen kann, entscheidet im Projekt Virtual Ward das interdisziplinäre Klinikteam mit dem Pflegeheimteam.
Virtual Ward wird seit 1. August 2025 vom Innovationsfonds gefördert und hat eine Laufzeit bis 30. April 2027. Virtual Ward soll die Behandlung in fremder Umgebung vermeiden und die damit verbundene körperliche und psychische Belastung der Heimbewohner reduzieren. Das Projekt findet an den Asklepios-Standorten Nord-Heidberg (Hamburg) uns Langen (Hessen) mit insgesamt rund potenziellen 1000 Teilnehmern aus standortübergreifend sechs Pflegeheimen statt.
Der Transport zur ZNA ist für alle Beteiligten mit einem erheblichen Aufwand verbunden, weil es die Bewohner stresst und diese anschließend eine besondere Betreuung benötigen.
Während die Patienten in Hamburg von sechs Ärzten der geriatrischen Station betreut werden, sind in Hessen fünf Ärzte aus der Pneumologie im Einsatz. „An diesem Standort gibt es sehr viele Projektteilnehmer mit pneumologischen Problemen wie etwa COPD“, erklärt Jan Ries, der standortübergreifende Projektmanager von Virtual Ward. Für dieses Projekt hat Asklepios einen Selektivvertrag mit den Krankenkassen (AOK Rheinland/Hamburg, BARMER, BKK Dachverband, Mobil Krankenkasse, Techniker Krankenkasse) abgeschlossen und Fördermittel von circa 2,7 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des G-BA erhalten. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt vom Institut für angewandte Versorgungsforschung.
Das Klinikteam unterstützt die Pflegeheime mit drei täglichen Televisiten. Die morgendliche Visite findet, wie im Krankenhaus, mit den Ärzten statt. Die Pflegekräfte sitzen mit dem Tablet am Bett des Bewohners, der in das Gespräch einbezogen wird. Am Ende jeder Tele-Visite überprüfen das Heim und die Klinik gemeinsam, ob eine Weiterbehandlung in der virtuellen Station möglich ist. Die Entscheidung darüber, ob der Patient im Heim weiterversorgt werden kann, trifft aber immer die Klinik. Falls sich der Gesundheitszustand verschlechtert, wird der Patient umgehend in die Klinik transportiert.
Die Leiter der Pflegeheime und Wohnbereiche haben die Hoffnung, dass mit diesem Projekt mehr medizinische Expertise in die Einrichtungen kommt.
Der Projektpartner Doccla stellt den Pflegeheimen einen Koffer mit Telemedizin-Equipment zur Verfügung. Dazu gehören ein Tablet, mit Pulsoximeter, Blutdruckmessgerät, Thermometer, Körperwaage, Lungenfunktionsgerät und ein mobiles 6-Kanal-EKG. Die behandlungspflegerischen Maßnahmen und das Messen der Vitaldaten darf nur durch Fachpflegekräfte erfolgen. Die Messwerte werden von den Geräten via Bluetooth an das Tablet und von dort an das Krankenhausinformationssystem in der Klinik gesendet.
Die Betreuung der Heimbewohner erfolgt nicht komplett virtuell. Einmal am Tag fährt eine Pflegefachkraft vom Klinikum in die Pflegeeinrichtung und unterstützt bei der Behandlung, etwa bei der Blutentnahme. Die Blutprobe nimmt sie mit, damit sie im Labor untersucht werden kann. „Die Leiter der Pflegeheime und Wohnbereiche haben die Hoffnung, dass mit diesem Projekt mehr medizinische Expertise in die Einrichtungen kommt“, erklärt Ries. Viele Pflegefachkräfte seien in der Vergangenheit in die Krankenhäuser abgewandert, weil sie dort mehr Behandlungspflege machen dürfen, zu der auch die Blutentnahme zählt, so Ries.









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