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Klinische DatenDIZ als Rückgrat der datenbasierten Medizin

Sie sollen Versorgungsdaten für die klinische Forschung nutzbar machen: Datenintegrationszentren, eingebettet in die Medizininformatik-Initiative sind föderative Strukturen mit zentralen und dezentralen Komponenten.

Daten
Gorodenkoff/stock.adobe.com
Symbolfoto

Kliniken stehen vor der Herausforderung, die Versorgungsqualität, Effizienz und Innovationsfähigkeit gleichzeitig zu steigern – unter wachsender regulatorischer Komplexität und begrenzten Ressourcen. Täglich entstehen enorme Mengen an Versorgungsdaten, Bilddaten, Omics-Informationen (Analyse von zum Beispiel Genen und Proteinen in einem Organismus) und patientenberichteten Outcomes. Diese Daten müssen strukturiert integriert, standardisiert und sicher nutzbar gemacht werden. Andernfalls bleiben sie isoliert – und ihr wissenschaftliches wie versorgungspraktisches Potenzial bleibt ungenutzt.

 Sie schaffen die technische, semantische und organisatorische Infrastruktur, um klinische Daten für Sekundärnutzungen in Forschung und Versorgung bereitzustellen.

Um den medizinischen Datenschatz standortübergreifend zu heben, wurden Datenintegrationszentren (DIZ) gegründet. Sie schaffen die technische, semantische und organisatorische Infrastruktur, um klinische Daten interoperabel, qualitätsgesichert und datenschutzkonform für Sekundärnutzungen in Forschung und Versorgung bereitzustellen. Damit bilden sie das operative Fundament eines lernenden Gesundheitssystems: Forschungsergebnisse können systematisch und beschleunigt in die klinische Praxis zurückgeführt werden – evidenzbasiert, standortübergreifend und skalierbar. DIZ sind daher keine IT-Projekte im engeren Sinne. Sie sind strategische Investitionen in Wettbewerbsfähigkeit, Drittmittelstärke, regulatorische Zukunftssicherheit und Versorgungsqualität.

Aufgaben der Datenintegrationszentren

Grundlage für die Datenintegrationszentren war eine Förderrichtlinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (heute BMFTR) aus dem Jahr 2017 zur Erweiterung der Medizininformatik-Initiative, der sich alle deutschen Universitätskliniken angeschlossen hatten (s. u.). An allen Standorten der deutschen Universitätsmedizin harmonisieren, standardisieren und qualitätssichern inzwischen DIZ medizinische Versorgungsdaten. Diese Daten werden so für Forschungsprojekte, operative Zwecke und die Entwicklung innovativer Versorgungsmodelle nutzbar gemacht. 

Je nach lokalem Auftrag stellen die DIZ unterschiedliche Werkzeuge zur Verfügung. Damit lassen sich beispielsweise Daten analysieren, visualisieren, austauschen und archivieren, aber auch die Performance überwachen oder Prozesse steuern. DIZ entwickeln sich damit zunehmend zu Serviceplattformen für datengetriebene Innovation. Sie stellen einen Baustein in der Gesamtinfrastruktur der standortübergreifenden Datennutzung dar. 

Dezentrale Komponenten

Im Rahmen der bisherigen Förderphasen der Medizininformatik-Initiative (MII) und des Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) wurden an den Standorten Datenintegrationszentren aufgebaut, die es den jeweiligen Unikliniken ermöglichen, mit ihren Datenbeständen sowohl lokale standortbezogene als auch deutschlandweite und internationale Projekte zu unterstützen. Durch die Anschubfinanzierung konnten die organisatorischen und technischen Grundstrukturen erfolgreich umgesetzt werden.

Die DIZ haben ihre IT-Infrastrukturen, Services, Prozesse, Regularien und Gremien am Standort auf der Grundlage der Vereinbarungen zwischen der MII und des Nationalen Steuerungsgremiums der MII (MII-NSG) aufgestellt. Sie sind damit zu den übergeordneten MII-Strukturen interoperabel. Dadurch konnten alle DIZ an das Forschungsdatenportal für Gesundheit (FDPG) angeschlossen werden. Diese zentrale Plattform ermöglicht Forschern den standortübergreifenden Zugriff auf Gesundheitsdaten und Bioproben der Universitätskliniken.

Antworten in Echtzeit

Bereits jetzt können standortübergreifende Machbarkeitsabfragen automatisiert und nahezu in Echtzeit beantwortet werden. Mit Machbarkeitsfragen können Forscher überprüfen, ob geeignete Forschungsdaten für ein geplantes Projekt verfügbar sind. Dazu reichen sie Anträge zur Nutzung von Patientendaten, Bioproben, Analysemethoden und -routinen für die DIZ-Standorte ein, die durch lokale Freigabegremien (Use and Access Committee, UAC) geprüft werden. Zu den vorgelegten Unterlagen gehören auch Ethikvoten und Datenschutzfreigaben. Bei ihren Entscheidungen vertreten die UAC insbesondere die Interessen der datengebenden Patienten und Kliniken. 

Damit sind die DIZ der deutschen Universitätsmedizin schon jetzt ein unverzichtbarer Serviceerbringer in lokalen und standortübergreifenden Datennutzungsprojekten. Geplant ist die Konvergenz der DIZ mit Infrastrukturen wie dem NSN (NUM-Studiennetzwerk, NUM-Studiennetzwerk, eine zentrale Forschungsinfrastruktur für klinische und klinisch-epidemiologische Studien an deutschen Universitätskliniken), RACOON (Radiological Cooperative Network, eine deutschlandweite Forschungsplattform für medizinische Bilddaten des NUM) und NUKLEUS (NUM Klinische Epidemiologie- und Studienplattform im Netzwerk Universitätsmedizin, eine zentrale Forschungsinfrastruktur der deutschen Universitätskliniken für klinische und epidemiologische Studien), sowie der weitere Ausbau der in NUM-DIZ verfügbaren Kerndatensatzmodule. Dadurch wird das Serviceangebot für Forschungsprojekte konsequent weiterentwickelt.

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Zentrale Komponenten

Als zentraler Zugangspunkt für Forscherinnen und Forscher fungiert das Forschungsdatenportal für Gesundheit (FDPG). Es bündelt mehrere Kernfunktionen:

Machbarkeitsportal: Eine technische Lösung für deutschlandweite Machbarkeitsabfragen, die als Indikator für die Durchführbarkeit von klinischen und / oder Beobachtungsstudien dienen.

Datenselektion und Datenextraktion: Auf Basis der Machbarkeitsanfragen können benötigte Datenelemente von Forscherinnen und Forschern aus einem standardisierten Katalog ausgewählt und in den Nutzungsantrag übernommen werden. Gleichzeitig wird mit der damit verbundenen Funktion zur Datenextraktion den DIZ ein Werkzeug zur Verfügung gestellt, das ihnen eine automatisierte Extraktion der beantragten und selektierten Datenelemente ermöglicht.

Transparenzportal: Patientinnen und Patienten können sich über die Forschungsprojekte informieren. Der Datenaustausch und die Erfüllung von Machbarkeitsabfragen werden über eine Kommunikationskomponente realisiert. Ein essenzieller Bestandteil des FDPG ist der zentrale Terminologie-Service. Er dient der standortübergreifenden Harmonisierung von Daten und ermöglicht Abfragen trotz standortspezifischer Kodierungen. Vier Datenmanagementstellen verantworten die standortübergreifende Zusammenführung von Daten (bei zentralen Analysen) beziehungsweise von Ergebnissen (bei verteilten Analysen). Dies soll die Prozesse der übergreifenden Datennutzung für die DIZ vereinfachen, beschleunigen und gleichzeitig Forscherinnen und Forschern eine qualitätsgesicherte Datenbasis sowie einen Anlaufpunkt für Rückfragen zu den Daten bereitstellen. 

Ein essenzieller Bestandteil des FDPG ist der zentrale Terminologie-Service. Er dient der standortübergreifenden Harmonisierung von Daten und ermöglicht Abfragen trotz standortspezifischer Kodierungen. Vier Datenmanagementstellen verantworten die standortübergreifende Zusammenführung von Daten (bei zentralen Analysen) beziehungsweise von Ergebnissen (bei verteilten Analysen). Dies soll die Prozesse der übergreifenden Datennutzung für die DIZ vereinfachen, beschleunigen und gleichzeitig Forscherinnen und Forschern eine qualitätsgesicherte Datenbasis sowie einen Anlaufpunkt für Rückfragen zu den Daten bereitstellen. 

Der Community-Gedanke ist dabei kein weiches Kulturthema, sondern ein Effizienzfaktor. 

Trotz wettbewerblicher Rahmenbedingungen lebt die DIZ-Community ein kooperatives Modell. Gemeinsame technische Entwicklungen, geteilte Lösungsansätze und kontinuierlicher Erfahrungsaustausch schaffen Synergien, die kein Standort allein realisieren könnte. Der Community-Gedanke ist dabei kein weiches Kulturthema, sondern ein Effizienzfaktor: Entwicklungsaufwände werden geteilt, Standards gemeinsam definiert und Innovationen beschleunigt implementiert.

Regionale Knotenpunkte im EHDS

Integrale Bestandteile der DIZ-Architektur sind Datenschutz und IT-Sicherheit. Klinische Routinedaten müssen auf Grundlage der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) rechtssicher pseudonymisiert, zweckgebunden verarbeitet und revisionssicher zugänglich gemacht werden. Bei Datenausleitungen erfolgt eine mehrstufige Pseudonymisierung über unabhängige Treuhandstellen. Ergänzend kommen rollenbasierte Zugriffskonzepte, Multi-Faktor-Authentifizierung, durchgängige Verschlüsselung, Netzwerksegmentierung und kontinuierliches Monitoring zum Einsatz. 

Mit Blick auf den European Health Data Space (EHDS) schaffen die DIZ schon jetzt wesentliche Voraussetzungen für die Ausgestaltung eines europäischen Gesundheitsdatenraums. Datenschutz und IT-Sicherheit entwickeln sich damit vom regulatorischen Erfordernis zum strategischen Differenzierungsmerkmal für die mit DIZ ausgestatteten Kliniken. Diese können sich perspektivisch zu regionalen Infrastrukturdienstleistern entwickeln, die über die Universitätsmedizin hinaus als strukturierende Knotenpunkte des EHDS fungieren können. 

Durch ihre etablierten Governance-Strukturen, föderierte Architektur und standardisierten Schnittstellen sind sie prädestiniert, sektorenübergreifende Datenflüsse zwischen Klinik, ambulanter Versorgung, Registern und Forschung kontrolliert zu ermöglichen. So entsteht ein strategischer Hebel: Standorte, die ihre DIZ frühzeitig als regionale Datenknoten positionieren, stärken ihre Rolle im entstehenden EHDS, erhöhen ihre Attraktivität für Verbundforschung und Industriekooperationen und sichern sich langfristig Zugang zu innovativen Versorgungs- und Finanzierungsmodellen. DIZ werden damit nicht nur operative Serviceeinheiten, sondern infrastrukturelle Schlüsselakteure regionaler und europäischer Gesundheitsökosysteme.

Fazit

Datenintegrationszentren sind das infrastrukturelle Rückgrat einer lernenden Gesundheitsversorgung in Deutschland. Sie verbinden Forschung und Versorgung systematisch, skalierbar und regulatorisch tragfähig. Sie bilden die Basis für die zukünftige europäische Infrastruktur und ermöglichen damit Mehrwerte für Patienten, Forschende und die Kliniken an sich. Für Klinikvorstände bedeutet das: Wer DIZ strategisch denkt und nachhaltig stärkt, investiert nicht nur in IT– sondern auch in die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

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