Georg Thieme Verlag KG

kma im Interview„Wir werden an der Cloud nicht vorbeikommen“

Zur DMEA wird die Meierhofer AG die neue Generation des eigenen Krankenhausinformationssystems M-KIS Next vorstellen. Vorstandschef Matthias Meierhofer spricht über die Runderneuerung des KIS und dessen Zukunft im digitalen Krankenhaus.

Matthias Meierhofer
Meierhofer

Matthias Meierhofer

kma: Mit M-KIS Next stellt Meierhofer eine neue KIS-Produktstrategie vor. Warum haben Sie Ihr Krankenhausinformationssystem runderneuert?

Meierhofer: Der Ausgangspunkt war für uns die Frage, was erwartet die Krankenhäuser in den nächsten Jahren, um ein digitalisiertes Krankenhaus zu betreiben? Uns war klar, dass wir angesichts dieser Aufgabe das KIS neu denken müssen und haben dafür drei zentrale Aspekte in den Fokus genommen: 1. Nutzerfreundlichkeit, 2. Verbesserung der Versorgungsqualität und 3. Zukunftssicherheit der Technologie. Alle drei Aspekte sind in der neuen Produktstrategie abgebildet. Allerdings haben wir nicht alles aus unseren bisherigen Produkten ‚über Bord geschmissen‘ und komplett neu gemacht. Vielmehr haben wir quasi ‚am lebenden Herzen‘ operiert, um das Produkt sowohl technologisch wie auch inhaltlich auf neue Beine zu stellen.

kma: Ist das ohne größere Schwierigkeiten möglich?

Meierhofer: KIS sind aufgrund ihrer Historie traditionell sehr funktionsorientiert, also fokussiert auf die betriebliche Steuerung eines Krankenhauses. Die digitale Zukunft eines Krankenhauses wird sich aber mehr und mehr in Richtung Cloud bewegen. Ich gehe ganz fest davon aus, dass das gesamte KIS zukünftig in die Cloud wandern wird. Dafür benötigt ein KIS andere Technologien und andere Software-Architekturen. Heute ist ein cloudfähiges KIS jedoch noch nicht umsetzbar wegen der derzeitigen landesspezifischen Datenschutz-Richtlinien.  

kma: Hat Ihnen das nicht erhebliche Probleme bei der Entwicklung der Produktstrategie bereitet?

Meierhofer: Na ja, die DSGVO kennen wir - und Cloudfähigkeit wird derzeit eigentlich mehr durch die föderalen Strukturen in Deutschland behindert. Wir gehen das technologisch an, weil wir wissen, was wir in diesem Bereich brauchen. Die hohen Anforderungen, die inzwischen an die Krankenhäuser etwa in Puncto IT-Sicherheit gestellt werden, erfordern eine IT-Infrastruktur, die gerade kleinere und mittlere Häuser gar nicht mehr leisten können. Dafür braucht es die Cloud – und darum werden wir an der Cloud nicht vorbekommen.

kma: Sie sagten, die Voraussetzung dafür seien anderen Technologien und andere Software-Architekturen in KIS-Systemen. Welche wären das?

Meierhofer: Für einen Cloudbetrieb muss das KIS webfähig sein, weil nicht mehr die gesamte Struktur allein im Haus verbleibt. Webfähigkeit lässt zudem an der Frontendseite ganz andere Integrationsmöglichkeiten zu. Beispielsweise die Möglichkeit, fremde Informationen leichter Oberflächenprozessural zu integrieren. Die historisch gewachsene Integration von Systemen über Schnittstellen wird sich zu gestalteten User Interfaces wandeln, also zu Oberflächen, die dem Anwender aus verschiedensten Systemen Informationen orchestrieren. Es wird nicht mehr die eine KIS-Oberfläche geben, sondern es wird ganz viele verschiedene Informationen geben, so wie wir es heute im Alltag auch erleben.

kma: Das setzt eine weitgehende Unterstützung mobiler Anwendungen voraus. Sind KIS heute darauf schon vorbereitet?

Meierhofer: Nein, der Mobilitätscharakter von KIS-System muss noch viel stärker werden. Wir bauen deshalb jetzt eine technologische Plattform auf, die sowohl stationär als auch im klassischen Kleinbetrieb als auch im mobilen Betrieb möglich ist. Das ist eine wesentliche Änderung zu früher, wo man natürlich auch mobil unterstützt hat, aber viel stärker an den festen Arbeitsplatz gekoppelt war.

kma: KIS-Systeme unterstützen doch schon seit Jahren mobile Anwendungen. Was ist da wirklich der Schritt nach vorn?

Meierhofer: Es gibt zukünftig nicht mehr die eine App, nicht mehr den einen Client. Es kann sogar möglich sein, dass bestimmte Funktionalitäten unseres KIS-Systems in einer ganz anderen mobilen Plattform auftauchen, die mit dem KIS originär vielleicht gar nichts zu tun haben. Ein schönes Beispiel, wo wir das bereits heute erfolgreich anwenden, ist unsere Samedi-Plattform. Da gibt es Informationen, die in der Samedi-Plattform bereits aus dem M-KIS visualisiert werden und umgekehrt. Um solche Use Cases zu ermöglichen, brauchen sie eine serviceorientierte Software-Architektur und müssen weg von der historisch kleinen Serverarchitektur, die die meisten Systeme heute noch haben. Darauf haben wir in den letzten Jahren schon hingearbeitet und jetzt sind wir soweit und können sagen, die Grundlagen sind gesetzt. Auf der DMEA werden wir zeigen, wie so etwas aussehen kann.

kma: Sie haben dafür die Benutzeroberfläche komplett überarbeitet. War die bisherige Version des M-KIS zu komplex für den Anwender?

Meierhofer: Nein (lacht). Wenn wir aber neue Technologien und Funktionalitäten integrieren, dürfen wir die Benutzeroberfläche für die Nutzer nicht überfrachten. Diese müssen die entscheidungsrelevanten Dinge für die Benutzung der Information schnell erkennen können. Für unsere modernisierte Oberfläche haben wir extra Spezialisten aus dem User Experience Umfeld beauftragt, um es den Anwendern noch leichter zu machen. Außerdem sind manche Dinge schlicht aus der Mode…

kma: Die da wären?

Meierhofer: Früher wurden zum Beispiel sehr viele Icons und zahlreiche Farben verwendet. Heute wollen es die klinischen Nutzer viel reduzierter. Sie wollen die wichtigen Dinge schnell erkennen können.

kma: Asklepios hält fast die Hälfte der Anteile an Ihrem Unternehmen. Sind in die Entwicklung dezidiert Wünsche ihres Teilhabers eingeflossen?

Meierhofer: Ja, durchaus, da hat die Nähe zu Asklepios schon ihre Stärken. Jedoch geschieht das rein auf Kundenbeziehungsbasis. In das neue Produktstrategie ist auch viel Feedback von unseren anderen Kunden mit eingeflossen.  

kma: Deloitte kritisierte 2018 in einer Studie, dass bei vielen KIS die Integration von Echtzeitdaten (etwa durch Daten von Business Warehouse Modulen) nicht möglich sei. Zudem würden Systeme Schwächen bei wirtschaftlicher Steuerung und Risikomanagement aufweisen…

Meierhofer: Zunächst einmal: Es wird nicht den einen KIS-Anbieter geben, der alles liefert. Das wäre ein Anachronismus, wenn man heute noch davon ausgehen würde, dass das so ist. Man wird verschiedene Quellen der Informationen und Technologien haben, zum Beispiel Anwendungen zur Kodier-Unterstützung, die man über Plattformen verschiedener Anbieter Plattformen mit einbindet. Für dieses Feedback der unterschiedlichen Systeme muss man jedoch das KIS öffnen und mit verschiedenen Herstellern Mehrwerte produzieren. Das verändert sich jetzt - und wir haben die Technologie dafür geschaffen, damit es funktioniert und der Workflow sich verbessert.

kma: Für den besseren Workflow soll das neue M-KIS Next nun stärker auch auf Basis Künstliche Intelligenz (KI) arbeiten. Wo kommt die KI zum Einsatz?

Meierhofer: KI kann viele Prozesse im KIS unterstützen, das werden wir in Kooperation mit anderen Anbietern auf der DMEA zeigen. So kann KI zum Beispiel die Kodierung unterstützen.

kma: Was meint das genau?

Meierhofer: Da gibt es viele Praxisbeispiele. Etwa: Ein Kodierer hat eine Laboruntersuchung eingetragen, die dann aber gar nicht im Kodier-Ergebnis auftaucht. Oder es taucht ein Kodier-Ergebnis auf, was gar nicht im Arztbrief steht. Die Plausibilisierung von Abrechnungsinformationen kann man wunderbar KI-unterstützt vornehmen.

kma: Weitere Funktionen sollen peut a peut folgen. Welche werden das sein?

Meierhofer: Als Produktstrategie beinhaltet M-KIS Next verschiedene Aspekte. Die ersten Aspekte, die wir auf die Agenda genommen haben, waren die User Experience und technologischen Themen. Jetzt werden weitere Themen wie verstärkte telemedizinische Unterstützung, die wir ja schon teilweise in unserem PDMS haben, das Patient Empowerment oder die besagte Cloudfähigkeit folgen.

kma: Das BMG hat gerade den Referentenentwurf für ein Patientendaten-Schutzgesetz (PDSG) vorgestellt. Wie zufrieden sind Sie als mit dem Entwurf?  

Meierhofer: Der Referentenentwurf ist zu umfangreich, als dass wir uns zum jetzigen Zeitpunkt dazu schon eine umfassende Meinung bilden können. Wir müssen die Einzelheiten erst einmal in Ruhe durchgehen und prüfen. Grundsätzlich begrüßen wir es, wenn es mit der ePA und mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen vorangeht.     

kma: Am 1.1.2021 wird die elektronische Patientenakte (ePA) verbindlich. Bislang ist aber noch nicht einmal der rechtliche Rahmen geregelt. Ist der Zeitplan nicht zu eng für die Software-Anbieter?

Meierhofer: Da nimmt der Gesetzgeber schon seit Jahren keine Rücksicht mehr drauf. Der Gesetzgeber unterschätzt, was er da manchmal an Regulation fordert und wie es dann in den Häusern umgesetzt werden kann. Wir haben z.B. bis heute noch nicht überall die verbindlichen Vorgaben für die externe Qualitätssicherung. Erst seit wenigen Tagen ist überhaupt der erste E-Health-Konnektor im Feldtest. Wenn es gut geht, werden wir in der 2. Jahreshälfte den E-Health-Konnektor haben. Ich verstehe den Druck, den Minister Spahn ausübt, weil er Ergebnisse haben will. Aber ist natürlich die Frage, ob das auch alles so funktioniert.

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