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DedalusHerausforderer mit Verkaufsschild

Dedalus-CEO Andrea Fiumicelli will sein Unternehmen zum führenden Health-IT-Anbieter in Europa machen und treibt die Expansion energisch voran. Das kühne Vorhaben könnte nun jedoch einen Dämpfer bekommen. Die Private-Equity-Beteiligungsgesellschaft Ardian, bislang Mehrheitseigner des Health-IT-Riesen, plant offenbar den Verkauf von Dedalus.

Andrea Fiumicelli
Dedalus

Andrea Fiumicelli, CEO der Dedalus Gruppe.

Andrea Fiumicelli verliert keine Zeit, sein Zeitplan ist dicht gepackt. Als er an diesem Mittwochnachmittag auf dem DMEA-Stand von Dedalus zum Gespräch erscheint, ist der drahtige Italiener in eigener Mission unterwegs. Der 62-jährige CEO des Health- IT-Unternehmens will über die strategische Aufstellung von Dedalus und seine Vision über die zukünftige Entwicklung des Health-IT-Marktes sprechen. Als er sich in die kleine Sitzecke zwängt, ist auf dem riesigen Messestand in Halle 3.2 der Rummel groß, viele Besucher drängen an den Stand. Der Auftritt auf der DMEA passt zum Thema Fiumicellis, als sollte alles eine zentrale Botschaft in den Markt transportieren: Wir sind hier, wir bleiben – und wir wollen der Platzhirsch werden.

Rasantes Umsatzwachstum

Erst seit 2020 ist das italienische Unternehmen überhaupt auf dem deutschen Markt vertreten, der Markteintritt erfolgte mit einem Paukenschlag: Damals übernahm Dedalus für 975 Millionen Euro die Healthcare-IT-Sparte von Agfa und wurde auf einen Schlag Marktführer im deutschen KIS-Markt. Mit dem Kauf erfolgte auch der Umzug der Unternehmenszentrale von Florenz nach Bonn. Seitdem folgte Zukauf auf Zukauf, darunter 2021 u.a. die Übernahme der Gesundheitsversorger- Software des US-IT-Riesen DXC Technology für 450 Millionen US-Dollar. Von 2019 bis Ende 2021 wuchs der Umsatz von 210 Millionen auf 760 Millionen Euro. Bis Ende 2022 soll er laut Fiumicelli die Milliardenmarke überschreiten.

„Wir sind derzeit wahrscheinlich auf halber Strecke von dem, wo wir hinwollen. Wir werden als Unternehmen weitere Zukäufe tätigen. Sowohl um technologisch unser Portfolio zu erweitern, wie auch dafür, unseren Marktanteil zu konsolidieren“, erzählt der CEO und kämpft gegen den Lärm am Messestand an. Noch liegt die Dedalus Gruppe jedoch bei Umsatz und operativem Gewinn hinter der Koblenzer IT-Schmiede Compugroup, die 2021 mehr als eine Milliarde Umsatz und einen operativen Gewinn von 224 Millionen Euro erwirtschaftete.

Spekulationen über baldigen Verkauf von Dedalus

Den Eindruck, dass der bisherige Umsatz-Zuwachs bei Dedalus überwiegend auf Zukäufe zurückzuführen sei, weist der Spitzenmanager entschieden zurück. Man habe derzeit ein nahezu zweistelliges organisches Wachstum, sagt Fiumicelli. Ihm ist anzusehen, wie wichtig ihm diese Feststellung ist. Vielleicht auch deshalb, weil zum Zeitpunkt des Gespräches in der Branche schon längst die Gerüchteküche brodelt. Während der DMEA berichten mehrere Brancheninsider der kma übereinstimmend, dass der Mehrheitseigner Ardian einen Verkauf seiner Dedalus- Anteile – inzwischen rund 75 Prozent – plane. Selbst konkrete Summen kursieren bereits. „Für 3,5 Milliarden Euro können Sie das Unternehmen kaufen“, raunt ein hochrangiger Brancheninsider. Nur eine Woche nach der Messe berichtet auch die Börsen-Zeitung unter Berufung auf involvierte Personen, dass Ardian mithilfe der Investmentbanken Morgan Stanley und UBS bald einen Auktionsprozess starten wolle, der sich vornehmlich an andere Private-Equity-Firmen, aber auch an strategische Investoren richten soll.

Ardian und Dedalus – und damit auch Fiumicelli – schweigen zu den Spekulationen. Noch 2020 hatte Winfried Post, DACH- Chef von Dedalus im Interview mit kma gesagt, dass er nicht mit einem baldigen Ausstieg von Ardian rechne. „Ardians Engagement ist längerfristig. Die Vision ist: Ardian möchte Dedalus zu einem der drei größten rein auf Health-IT spezialisierten Unternehmen auf diesem Planeten ausbauen, nach Cerner und Epic“, hieß es damals. An diesem ambitionierten Ziel hat sich nichts geändert. „In Europa gibt es derzeit keinen Champion im Bereich Healthcare-IT. Wir wollen dieser europäische Champion in ein paar Jahren sein. Das bedeutet, dass wir in den meisten europäischen Ländern Marktführer sein wollen“, lautet Andrea Fiumicellis Vision für die Dedalus Gruppe.

Andrea Fiumicelli (Jahrgang 1960) ist seit Juni 2020 CEO des Health- IT-Herstellers Dedalus. Der promovierte Physiker stammt ursprünglich aus dem norditalienischen Ligurien und hat in Genua studiert. In seiner beruflichen Karriere als Manager für Healthcare und Life Sciences-Unternehmen hat er schon an vielen Orten dieser Welt gelebt und gearbeitet, darunter in den USA, Australien sowie in London. Fiumicelli kennt sich im Gesundheitswesen und der Health-IT bestens aus, von 2005 bis 2008 war er Executive Vice-President Healthcare-IT bei Agfa, damals noch Marktführer für KIS-Systeme in Deutschland. Danach wechselte er 2008 als COO, später CEO zum Mannheimer KIS-Hersteller iSoft . Als 2012 der Investor CSC iSoft übernahm, leitete Fiumicelli für CSC bis 2017 das KIS-Geschäft. 2017 wechselte er zum US-IT-Unternehmen DXC Technology, welches wiederum im April 2021 von Dedalus übernommen wurde. Fiumicelli genießt das Vertrauen des Dedalus-Firmengründers Giorgio Moretti, der seit 2016 mit großer finanzieller Unterstützung der Private- Equity-Beteiligungsgesellschaft Ardian versucht, einen Global Player im Bereich Health-IT aufzubauen.

Private Equity investiert auf Zeit

Die Frage ist nur, ob diese Ziele und auch das bisherige Wachstumstempo durchzuhalten sind, wenn der bisherige Mehrheitseigener Ardian tatsächlich von Bord gehen sollte. Vieles spricht dafür, denn die Situation ist günstig für das Private-Equity- Unternehmen. Durch die Pandemie ist es in vielen Ländern zu einem Schub bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens gekommen. In Deutschland führt zudem die milliardenschwere Förderung durch das KHZG zu einer Goldgräberstimmung in der Health-IT-Branche.

Allerdings wächst inzwischen zeitgleich auch die Skepsis über die weitere Entwicklung. Michael Waldbrenner vom Mitkonkurrenten Telekom schildert im Interview mit kma die wachsende Sorge der Health-IT-Branche, dass das KHZG nach dem Regierungswechsel ein Strohfeuer bleiben könnte. Für Dedalus ist das deutsche Umfeld jedoch wichtig, denn Deutschland ist für den Health-IT-Riesen laut Fiumicelli der wichtigste Einzelmarkt. Insofern dürften die jüngsten Entwicklungen auch Ardians Entscheidungen beeinflussen.

Zudem spricht das übliche Geschäftsmodell von Finanzinvestoren für einen Verkauf. „Diese Unternehmen verfolgen in der Regel keine Langfristziele: Ihr zeitlicher Zielkorridor liegt bei fünf bis sieben Jahren. Nach Ablauf dieser Frist wird dann das Investment zu einem höheren Preis meist an ein anderes PE-Unternehmen verkauft. Oder es gibt das strategische Ziel, einer Marke mit PE-Geld eine dominante Marktposition zu verschaffen, siehe Dedalus“, orakelte Mitkonkurrent Matthias Meierhofer schon vor wenigen Monaten. Die aktuellen Verkaufsgerüchte würden also perfekt in dieses Schema passen.

Viel wird für Dedalus davon abhängen, ob nach einem Verkauf der neue Anteilseigner ebenfalls strategisch denkt und die bisherige Wachstumsstrategie weiterhin finanziell unterstützt. Und ob das Unternehmen dauerhaft die bislang erfolgte erhöhte Schuldenaufnahme für Zukäufe – eine übliche Vorgehensweise von Finanzinvestoren, die die Mehrheit an einem Unternehmen halten – aus dem operativen Gewinn (Ebitda) wieder zurückführen kann. Rating-Unternehmen und Kapitalmarktexperten sind in dieser Hinsicht optimistisch, auch weil die Erträge ein hohes und stetiges organisches Wachstum haben. Momentan beträgt der operative Gewinn rund 150 Millionen Euro.

Die Zukunft ist „All inclusive“

Ein weiterer Punkt ist die erreichte Marktposition sowie die große, sektorenübergreifende Produktpalette von Dedalus in einem sonst stark fragmentierten Health-IT-Markt. „Es gibt in Deutschland, aber auch in Italien oder Frankreich hunderte von Unternehmen, die nie die notwendige Größe erreichen werden, um genügend Mittel für Forschung und Entwicklung zu erwirtschaften“, urteilt der promovierte Physiker Fiumicelli, der seit rund 20 Jahren Spitzenpositionen in der Healthcare- und Life Sciences-Branche bekleidet. Daher werde es in Zukunft „nur noch eine Handvoll von großen Unternehmen im Markt geben, ergänzt durch eine große Menge Start-ups, die innovativ sein werden“. Als europäisches Unternehmen mit den größten Forschungs- und Entwicklungskapazitäten der Branche (von 6700 Beschäftigten arbeiten allein 2400 in der Entwicklung) ist Dedalus inzwischen in dieser Hinsicht sehr gut aufgestellt, trotz noch vorhandener Lücken im Portfolio.

Auch diese Lücken möchte Fiumicelli rasch schließen. Eine Überlebenschance für Health-IT-Firmen sieht er nur, wenn sie wie Dedalus zum Komplettanbieter mit einem sektorenübergreifenden Angebot werden. „Der Markt, so wie wir ihn aus den letzten 20 Jahren kennen, wird in Zukunft ein anderer sein. Wer als Unternehmen in Zukunft nicht breit aufgestellt ist, wird Probleme bekommen“, urteilt er und nennt als Beispiel die Diagnostik. „Wenn man Onkologie betreibt, braucht man die Pathologie, man braucht Blutuntersuchungen, Bildgebung und vieles mehr. Wenn aber eine Firma nicht in allen diesen Bereichen die notwendigen Fähigkeiten entwickelt hat, wird man als Firma in der Zukunft nicht mehr relevant sein.“

Mehrheitseigner der Dedalus Group ist Ardian, Europas größtes Private-Equity-Unternehmen. Die französische Beteiligungsgesellschaft mit Hauptsitz in Paris übernahm 2016 60 Prozent der Anteile von Dedalus, inzwischen sind es rund 75 Prozent. Ardian verwaltet derzeit nach eigenen Angaben (Stand Mai 2022) insgesamt ein Kapitalvermögen von 130 Milliarden Euro und engagiert sich unter anderem stark in den Bereichen Gesundheit, nachhaltige Energielösungen, künstliche Intelligenz und Infrastruktur.

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