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Deutscher Diversity-TagDie Hoffnung, dass Anderssein zur neuen Normalität wird

Menschen, die trans*, nicht-binär, genderqueer oder homosexuell sind, werden im deutschen Gesundheitssystem nach wie vor ausgegrenzt – egal ob als Mitarbeitende oder Patient*in. Gerade im Gesundheitswesen zu arbeiten, bedeutet aber, allen Menschen respektvoll zu begegnen und ihnen einen sicheren Rahmen zu bieten. Oft ist das Alltag in Kliniken, oft aber auch nicht.

Vielfalt
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Symbolfoto

„Mater semper certa est.” Dies ist die offizielle Definition von Mutterschaft in Deutschland, das Gesetz folgt heute noch der römischen Rechtsauffassung. Väter mit Uterus existieren demnach rechtlich nicht. Und doch gibt es sie. Manuel (Name von der Redaktion geändert) ist ein trans* Mann, der mit seiner Familie im katholisch geprägten Münsteraner Umland lebt. „Es war gar nicht so leicht, aber am Ende haben wir eine queere Hebamme gefunden, die unsere Schwangerschaft super begleitet hat“, erklärt er seine Erfahrungen während der letzten Schwangerschaft. Die Gynäkologin, ebenfalls queer, hat Manuel und seinen Ehemann auch schon in der ersten Schwangerschaft begleitet und „hat uns hervorragend von der ersten Minute an betreut und Verständnis für unseren Kinderwunsch gehabt“, sagt Manuel, der sichtlich froh ist, sie gefunden zu haben.

Auch vom Uniklinikum Münster, wo Manuel beide Male entbunden hat, weiß er nur Positives zu berichten. „Wir haben im Vorfeld das Thema trans* Schwangerschaft mit dem Leiter der Geburtsstation abgesprochen, damit es dann nicht bei der Geburt zum Megathema wird“, führt er das Vorgehen bei der Kreißsaalanmeldung aus. Das hat tatsächlich richtig gut funktioniert, es war beide Male kein Thema. Und das, obwohl die Hebammen bei der zweiten Geburt überrascht waren, weil der Leiter der Geburtsstation sie nicht im Vorfeld informiert hatte, erinnert sich Manuel: „Sie waren überrascht und wahrscheinlich auch überfordert, aber sie sind dann wahnsinnig professionell und gut damit umgegangen.“

Er hat es aber auch anders erlebt zum Beispiel nach einer seiner Fehlgeburten, wo er nach schweren Blutungen in der Notaufnahme landete. Oder auch als er bei einer Erkrankung in der Schwangerschaft kurz stationär versorgt werden musste, kam es in dem kleineren, konfessionellen Krankenhaus zu sehr „unangenehmen Situationen“.

Queer wird häufig als Sammelbegriff für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen verwendet. Queer kann sich auch auf eine Haltung beziehen, die Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität in Frage stellt. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bezeichnet Dinge oder Personen, die von der Norm abweichen. Queer als Sammelbegriff ist sehr offen und bietet vielen Menschen ein Identifikationsangebot.

Einigkeit: Uniklinika und große Häuser haben die Nase vorn

Trans* Männer, die schwanger werden, sind sicherlich noch nicht Alltag in deutschen Krankenhäusern. Weder die deutsche Bürokratie noch das Gesundheitssystem ist auf sie vorbereitet. Die weltweite LSBTIQ-Bewegung (LSBTIQ oder ähnliche Abkürzungen stehen für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans-, intergeschlechtliche und queere Menschen) nimmt jedoch zu und auch hierzulande setzt das Bewusstsein ein, dass das Thema Diversity an Bedeutung gewinnen wird. Und das ist auch gut so, denn bis 2011 mussten sich alle trans* Personen noch operativ zeugungsunfähig machen lassen, damit sie ihren Personenstand und Vornamen amtlich ändern konnten. Das mutet geradezu mittelalterlich an.

Daher ist es wichtig, dass Kliniken ein klares Statement nach außen setzen, so wie das Helios Klinikum Berlin-Buch. Hier entstand 2019 recht spontan die Queer-Community „OUT@Helios“. „Die Idee wurde in einem gemeinsamen Gespräch von uns dreien geboren, als wir uns darüber ausgetauscht haben, dass wir gemeinsam auf den nächsten Christopher Street Day gehen wollen“, erklärt Dr. Franziska Renger, Oberärztin in Buch und Mitinitiatorin. „Dann hat sich herausgestellt, dass wir im Klinikum genug Teilnehmende hätten, um einen ganzen Wagen zu füllen“, führt ihr Kollege Dr. Fabian Mühlberg aus, der ebenfalls zum Kreis der ersten Stunde gehört. Zusammen mit Dr. Miriam Baur, der dritten im Bunde, stellten sie die Idee der damaligen Klinik- Geschäftsleitung vor und erhielten große Rückendeckung. Es war die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt.

Leider hat Corona einen weiteren Ausbau der LSBTIQ-Bewegung im Helios Konzern nicht befördert. Es fand weder in 2020 noch in 2021 ein Christopher Street Day statt. Und aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Einschränkungen konnten auch Ideen wie ein Stammtisch erst einmal nicht weiterverfolgt werden. Dennoch gab es auch in der Corona-Zeit Aktionen zur Steigerung der Sichtbarkeit und zur Sensibilisierung untereinander an den Helios-Kliniken. Regenbogensticker, Namensschilder und Schlüsselbänder in Regenbogendesign sind schon fest im Repertoire der Klinikmitarbeitenden.

Die drei jungen Medizinerinnen und Mediziner haben in ihrer Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass in der Medizin prinzipiell eine höhere Akzeptanz zu dem Thema besteht als in anderen Branchen – und in Berlin ist die Awareness sowieso höher als in ländlichen Regionen in einem kleinen Klinikum.

„Im Hintergrund getuschelt“

Diese Erfahrung bestätigt Alec, der schon früh sein Coming-out hatte und Gesundheits- und Krankenpflege an einem kleineren Haus in Thüringen gelernt hat. Seit 2021 ist er am Uniklinikum Magdeburg als Praxisanleiter auch für die Ausbildungspläne der Zentralen Notaufnahme verantwortlich. Das war eine Herzensangelegenheit für ihn, da in dem Ausbildungsbetrieb, in dem er 2013 gelernt hat, „die Vielfalt und die Offenheit leider nicht so gegeben war wie hier, wo ich heute arbeite“. Der homosexuelle Gesundheits- und Krankenpfleger wurde dort nicht von allen akzeptiert. Er wurde sogar von einer Vorgesetzten angesprochen, dass er sich in bestimmten Situationen so verhalte, dass er eigentlich nur noch eine Handtasche benötige. „Das war der Punkt, wo ich gesagt habe Augen zu und durch und nach der Ausbildung dann schnell woanders hin.“

Mit dieser Form von verbalen Anfeindungen musste Alec nicht tagtäglich kämpfen, aber er berichtet von fehlender Akzeptanz seitens vieler Kollegen, die ihn zusätzlich in seinem Handeln im Krankenhaus verunsichert hat. Das war gerade zu Beginn der Ausbildung für ihn ein Thema, weil man da in seinem Tun per se noch unsicher sei. Das Schwierige für ihn war, dass „es mir selten richtig vorgeworfen wurde, sondern eher im Hintergrund getuschelt wurde“. Erst durch eine Praxisanleiterin, die zu ihm stand und ihn verstand, hat sich die Situation im dritten Lehrjahr für ihn verbessert. „Sie hat mir gezeigt, dass ich meinen Weg gehen kann, egal welche Sexualität ich habe.“ Zu ihr hat Alec bis heute noch Kontakt und durch sie ist auch sein Wunsch gereift, selbst angehende Pflegefachmänner und -frauen als Praxisanleiter auf ihrem Weg zu begleiten – und das völlig vorurteilsfrei.

Alec ist nach der Ausbildung dann direkt nach Magdeburg gegangen in ein kleineres, konfessionelles Haus. „Dort war die Atmosphäre schon viel offener, da die Themen Inklusion und Diversität dort auch auf der Agenda standen. Dennoch spielte auch der Glaube eine Rolle“, erzählt der junge Pfleger.

Als er sich dann 2018 auf Anraten einer Freundin beim Uniklinikum in Magdeburg beworben hat, tat sich eine neue Welt für ihn auf. „Dort waren alle komplett offen. Ich musste mich schon beim Bewerbungsgespräch nicht verstellen“, erinnert er sich und die Begeisterung ist ihm noch heute anzumerken.

So wurde er am Ende sogar zum Model und hat bei der Diversitäts-Kampagne des Verbandes der Uniklinika (VUD) 2019 vor der Kamera posiert. Am Ende zierte er mit vielen anderen Diverstity-Mitarbeitenden an deutschen Uniklinika ein Plakat. „Das war wirklich schön und wir konnten die verschiedenen Facetten der Vielfalt gut darstellen“, sinniert er.

Kulturelle Vielfalt als große Chance

Das Thema Vielfalt bzw. Diversität ist scheinbar kein Thema an großen Maximalversorgern. Doch wie kann die Sensibilität in die Breite getragen werden? Eine Möglichkeit ist, das Thema in die Curricula der Aus-, Fort- und Weiterbildung mit aufzunehmen. „In der Praxisanleiterausbildung war das Thema Vielfalt Ausbildungsinhalt in drei Modulen“, erinnert sich Alec. Das dritte Modul hatte interkulturelle Vielfalt zum Thema und wurde authentisch von einer portugiesischen Kollegin gelehrt.

„Wir in der Zentralen Notaufnahme am Uniklinikum haben wirklich sehr viele Kolleginnen und Kollegen, die aus verschiedenen Ländern kommen, wie zum Beispiel aus Griechenland, Weißrussland, Polen oder Italien. Und bei uns gibt es da wirklich gar keine Probleme“, führt er aus. Alec erinnert sich an einen Kinderchirurgen, der aktiv seinen Glauben gelebt und daher fünfmal am Tag gebetet hat. „Er hat uns immer Bescheid gesagt mit dem Hinweis, dass wir ihn jederzeit anpiepen können, wenn etwas Dringendes ist. Es war für uns selbstverständlich, dass wir ihm sonst in Ruhe seine Gebetszeit gelassen haben“, sagt Alec. Er erinnert sich auch an eine Auszubildende, deren Praxisanleiter er war und die Kopftuch getragen hat. Es war für ihn sehr schön, am Ende von ihr das Feedback bekommen zu haben, dass es ihr sehr gut gefallen hat – gerade auch, weil sie bei und mit ihm nie das Gefühl hatte, dass ihr Vorurteile entgegenschlugen.

Der Pfleger macht aber auch noch auf einen ganz anderen Aspekt aufmerksam. Abgesehen davon, dass die Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund hervorragend qualifiziert sind, „sind sie eine unheimliche Hilfe, weil zum Bei- spiel die beiden Pflegekräfte aus Polen fließend deutsch und polnisch sprechen. Und die Medizinstudentin mit ukrainischen Wurzeln hat uns gerade jetzt in der Situation mit den Flüchtlingen enorm entlastet, weil sie übersetzt hat und die Sprachbarriere weggefallen ist.“ Welchen Einfluss diese auf die Behandlung haben kann, macht der Gesundheits- und Krankenpfleger noch an einem anderen Beispiel fest: „Wir hatten eine Patientin mit einem Schlaganfall, die kein Wort deutsch verstand und sofort in die DSA (Anm. d. Red. Angiographie) musste, um den Thrombus im Kopf zu entfernen.“ Hier müsse man sich auch einmal in diejenige hineinversetzen – sie weiß nicht, was passiert ist, sie kennt die Diagnose nicht, sie hat Angst. „Durch eine Kollegin im Dienst, die übersetzen konnte, bekamen wir die Kuh vom Eis, denn erst da hat die Patientin das Gefühl gehabt, dass man sie ernst nimmt. Und die Erklärung dessen, was sie hat und was jetzt notwendig ist, hat dann dazu geführt, dass die Patientin die Untersuchung zugelassen hat.“

Die Welt ist nicht nur schwarz/weiß oder blau/rosa

Max Seidlitz, Gesundheits- und Krankenpfleger sowie Lehrkraft an der Akademie der Gesundheit Berlin/Brandenburg e.V., ist dort unter anderem für die Berufsanerkennung zuständig und hat bei sich „Auszubildende aus allen Herrenländern zu Gast“. Er hat die gesamte Bandbreite in seiner Laufbahn schon kennengelernt und weiß zu berichten: „Kulturell gibt es da ganz große Unterschiede. Azubis kommen zum Teil auch aus Ländern, wo Diversität quasi totgeschwiegen wird wie beispielsweise in Russland. Ich kann mich aber auch an eine Philippinin aus einem Kurs erinnern, die trans* gelebt hat. Es war für mich schwer zu sehen, wie sich die Kollegen das Maul über sie zerrissen haben, weil ihre Stimme noch nicht ge- passt hat“, erklärt Seidlitz betroffen.

Er weiß, wie es ist aus der Norm zu fallen, denn er ist selbst homosexuell und hat gerade in einem Kurs einen Auszubildenden, der trans* lebt und immer wieder mit seinem „alten“ Namen angesprochen wird. „Das ist gerade in der frühen Phase für einen jungen Menschen nicht einfach. Es war schon für mich als Schwulen am Anfang nicht leicht zurechtzukommen, aber das wird ja heute schon fast akzeptiert“, weiß Seidlitz aus eigener Erfahrung. „Für mich war es damals im Studium schon fast ein Befreiungsschlag, aus der Kleinstadt in der Nähe von Berlin an die Charité zum Studieren zu gehen, einfach weil man da die Themen Diversität und alternative Lebensformen ganz anders und offen lebt“, berichtet er. Während Seidlitz heute kaum mit Vorurteilen oder Anfeindungen zu kämpfen hat, war dies als Auszubildender im Berliner Umland noch anders. Er berichtet davon, dass man gerade als Auszubildender „schnell seinen Spitznamen hatte, wie der Schwule oder die Fette“. Für ihn war es – ähnlich wie für Alec – ein Lichtblick, dass die Zeit auf der Station endlich war.

Seidlitz rät, das Thema Diversität in all seinen Facetten an Kliniken nicht zu verdrängen oder zu vergessen. Denn es sei für viele heterosexuelle Menschen einfach nicht fester Bestandteil ihres Lebens. Und gerade deshalb sei es wichtig, ihnen einen anderen Blickwinkel zu zeigen. Dazu gehört dann in letzter Konsequenz auch, beispielsweise Aufnahmeformulare anzupassen und genderneutral zu formulieren. „Es ist für mich unverständlich, dass Menschen damit solche Probleme haben, denn Sprache hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer entwickelt und angepasst“, sagt Seidlitz. Die Hoffnung bleibt, dass Anderssein im Laufe der Zeit zur neuen Normalität wird.

Das Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben hat ein Praxishandbuch herausgegeben, das sich interessierte Pflegekräfte herunterladen können. Hier wird ausdrücklich auch auf die Rolle der Pflegenden als Schlüsselpersonen eingegangen, die wesentlich dazu beitragen können, Menschen mit Behinderungen – einem weiteren Aspekt von Diversität – ein Höchstmaß an Gesundheit ohne Diskriminierung zukommen zu lassen. Hier finden Pflegekräfte auch jede Menge praktische Tipps, beispielsweise für eine barrierefreie Gestaltung der Umgebung oder für Kommunikationsregeln.

Im Praxishandbuch KSL-Konkret, Ausgabe 4 „Vielfalt Pflegen“ gibt es weitere Infos zum Thema oder auf der Seite der Kompetenzzentren Selbstbestimmt Leben.

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