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Diversität in den RKH Kliniken„Die Sprache ist der Schlüssel“

Sprachbarriere, Wohnungssuche und Kulturschock – ausländische Fachkräfte zu integrieren ist eine große Aufgabe. Was die RKH Kliniken für die Integration tun und wie eine brasilianische Pflegekraft ihren Start im baden-württembergischen Ludwigsburg erlebte.

Integration
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Symbolfoto

Mirella Schlei weiß noch genau wie das war, damals im Februar 2019, in ihren ersten Tagen am Klinikum Ludwigsburg. Für die Brasilianerin war alles neu, das Haus, die Kollegen auf der Station, die Aufgaben und vor allem die Sprache. Fünf Monate lang hat die heute 40-Jährige auf verschiedenen Stationen Erfahrungen gesammelt und schließlich ihre Anerkennung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin in Deutschland erhalten. Parallel dazu hat sie ihre Sprachkenntnisse verbessert – vor allem Fachbegriffe, die sie auf Portugiesisch perfekt beherrschte, bereiteten ihr Probleme. Dabei brachte Schlei schon viel mehr mit als die meisten Pflegekräfte aus anderen Ländern: Weil ihre Urgroßeltern aus Deutschland nach Brasilien ausgewandert sind, wurde in ihrer nur 17.000 Einwohner zählenden Heimatstadt viel Deutsch gesprochen. „Wir haben eine starke deutsche Kultur in der Region“, sagt Schlei, die in Brasilien mit einem Masterabschluss Krankenschwester studiert und 14 Jahre lang in einem Krankenhaus gearbeitet hat.

Trotzdem waren die ersten Monate in Ludwigsburg hart. „Ich war total alleine in der Stadt und kannte niemanden“, erinnert sich Schlei. Hinzu kam die deutsche Bürokratie. Das alles hat viel Kraft gekostet. In der Zeit habe sie viel geweint, sagt Schlei. Die persönlichen Kontakte fehlten, die Familie. Die hat sie dann schnell im Klinikum gefunden – jedenfalls im übertragenen Sinne. Heute arbeitet sie auf einer kleinen Station für Beleg-OPs für HNO- und Augen-Patienten – und fühlt sich angekommen: „Unser Team ist meine Familie“, sagt Schlei. Acht Pflegekräfte sind sie, zwei kommen aus Kroatien, eine aus Bosnien, eine aus Serbien.

Paten auf den Stationen

Offenbar geht auf, was Prof. Dr. Jörg Martin so formuliert: „Die RKH Kliniken fördern eine Unternehmenskultur, die auf Vielfalt beruht. Mit der Unterzeichnung der Charta der Vielfalt haben wir uns verpflichtet, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das frei von Vorurteilen und Ausgrenzung ist“, betont der Geschäftsführer des kommunalen Klinikverbunds, zu dem neben dem Haus in Ludwigsburg sieben weitere Krankenhäuser in Baden-Württemberg zählen: „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen Wertschätzung erfahren, unabhängig von Alter, Behinderung, Geschlecht, ethnischer Herkunft und Nationalität, Religion und Weltanschauung oder sexueller Orientierung.“ Aktuell, so Martin, arbeiteten für die Regionale Kliniken Holding (RKH) Menschen aus rund 100 der weltweit 195 Staaten. Insgesamt zählt das Unternehmen rund 7800 Beschäftigte.

In diesem Jahr kommen mindestens 28 Brasilianerinnen hinzu. 15 sind schon da, eine zweite Gruppe wird im Juni erwartet, eine weitere im Dezember. Um den Start zu erleichtern, stellen ihnen die Stationen, auf denen sie eingesetzt werden, Paten zur Seite: „Sie sind feste Ansprechpartner und erklären ihnen den Alltag auf der Station“, sagt Steffen Barth. Er ist für die Kliniken in Ludwigsburg und Bietigheim Ressortleiter innerhalb der Direktion Pflege- und Prozessmanagement sowie Integrationsbeauftragter in der Pflege. Barth macht das seit Ende 2016 und hat in der Zeit einiges gelernt. „Wir können maximal zehn bis 15 neue Kolleginnen zur gleichen Zeit integrieren“, sagt er: „Sie müssen ja auch erst einmal ankommen können.“ Ein bis zwei pro Station seien möglich – wie derzeit etwa in der Unfallchirurgie, einer 70-Betten-Station, auf der zwei Brasilianerinnen eingesetzt sind. „Mehr kann das Stammteam nicht bewältigen, um eine gute Einarbeitung zu gewährleisten“, weiß Barth.

Kostenfreie Sprachkurse während der Arbeitszeit

Er trifft sich mindestens einmal im Monat mit ausländischen Kollegen, und dann stehen meist zwei Themen im Vordergrund: die Wohnsituation und die Sprache. Um die Deutschkenntnisse über das Niveau B2 hinaus zu verbessern, bieten die Kliniken ihren neuen Mitarbeitern deshalb kostenfrei Sprachkurse an – einmal pro Woche während der Arbeitszeit im Klinikgebäude. Das Angebot ist für alle Berufsgruppen offen, beispielsweise auch für Ärzte und FSJler. Pandemiebedingt liegt es derzeit auf Eis, allerdings wird mit der Klinikverbund-eigenen Akademie in Markgröningen an Online-Versionen gearbeitet.

Für Barth ist die Sprache der Schlüssel für erfolgreiche Integration. Hätte er einen Wunsch frei, „würde ich schnipsen, und alle könnten direkt perfekt Deutsch – und sie würden mindestens fünf bis sechs Jahre bei uns bleiben“. Zumindest letzteres scheint ganz gut zu funktionieren: Barth hat mittlerweile gut 140 ausländische Fachkräfte begleitet – „und 75 Prozent von ihnen arbeiten noch für uns“, sagt er. Sein Team tut viel dafür. Tania Costa etwa, die portugiesisch spricht, hilft den Brasilianerinnen bei Alltagserledigungen. Sie begleitet sie zum Beispiel zur Bank, um ein Konto zu eröffnen, oder hilft, wenn eine Handykarte gekauft werden muss. Für diese Einsätze wird das Betriebsratsmitglied vom Haus freigestellt. Auch Betriebsrätin Brigitte Binder ist mit im Boot, um zum Beispiel bei Fragen zur Eingruppierung oder zum Urlaub zu beraten. Zudem hält Barth Kontakt zum Patenschaftsprogramm der Stadt Ludwigsburg, durch das seine neuen Mitarbeiter die Region und ihre Menschen besser kennenlernen können.

Religion wird wertgeschätzt

Zum „Willkommens-Paket“ des Klinikums gehört neben dem Buch „Deutsch im Krankenhaus“ auch ein kleines Holzkreuz. Das hat Barth mit dem evangelischen Pfarrer organisiert, der das Klinikum betreut. Die Botschaft ist klar: Auch die Religion der ausländischen Fachkräfte wird wertgeschätzt – und das soll von Anfang an deutlich werden. Darüber hinaus stehen Räume der Stille als Rückzugsmöglichkeit für Gebete aller Religionen zur Verfügung, und auch drei muslimische Seelsorger bieten im Klinikum Ludwigsburg ihre Hilfe an. Hümeyra und Selcuk Aydin etwa machen das seit 2017 ehrenamtlich. Das Ehepaar hat dafür eine einjährige Ausbildung absolviert und wird seitdem regelmäßig angerufen – von Ärzten, Pflegekräften, Patienten, Angehörigen oder den christlichen Seelsorgern.

„Vor Corona waren wir gut einmal pro Woche im Klinikum, zurzeit kommt das viel seltener vor“, sagt Hümeyra Aydin, die als medizinische Fachangestellte arbeitet und auch bei ihrem Ehrenamt ganz bewusst ihr Kopftuch trägt. Wenn sie gerufen werden, liegen meist Patienten im Sterben, und dann ist ihre spirituelle Betreuung gefragt. Oder es geht um die Entscheidung, ob und wann lebenserhaltende Maschinen abgestellt werden dürfen. Dann beschreibt Aydin die Optionen, erklärt, was die verschiedenen Gelehrten sagen. „Es gibt nie die eine richtige Antwort“, sagt die 43-Jährige, „es ist immer eine individuelle Gewissensentscheidung.“ Ihr Einsatz hilft Menschen in Extremsituationen, etwa dem 18-Jährigen, der einen Herzstillstand hatte, oder dem Ehepaar, das sie nach einer Totgeburt betreut haben. Und manchmal klingelt ihr Telefon auch mitten in der Nacht, wie nach dem Tod einer muslimischen Nigerianerin, die nach einer Routineoperation starb und fünf völlig verstörte Kinder zurückließ. Da sind Hümeyra und Selcuk Aydin zusammen ins Klinikum gefahren und haben ihnen beigestanden. Genauso würden sie auch Mitarbeitern des Hauses helfen, wenn die ihren Rat oder einfach jemanden zum Reden brauchen. Ihre Telefonnummer hängt im Haus aus, auch ein Flyer informiert über das Angebot.

Nicht nur „Friede, Freude, Eierkuchen“

Hinter all dem steht auch das harte Ringen um Personal, insbesondere Pflegekräfte. „Wir müssen uns unterscheiden“, betont Barth, „in der Region konkurrieren wir auch mit Krankenhäusern in Stuttgart.“ Ohne die Kollegen aus dem Ausland geht es nicht, „das wissen auch die Stamm-Mitarbeiter und lassen sich darauf ein“, sagt Barth: „Wir haben keine Alternative.“ OP-Schwester Mirella Schlei hat die Kollegen im Klinikum von Anfang an als „sehr offen, herzlich und hilfsbereit“ erlebt. „Die wissen, wie man mit Ausländern umgeht. Sie können gut erklären und haben viel Geduld“, sagt Schlei und schmunzelt. Berührungsängste kennt sie nicht: „Ich weiß, dass ich im Haus jeden ansprechen und fragen kann.“ Einen wichtigen Ansprechpartner hatte sie in ihrem damaligen Bereichsleiter. Er vermittelte sie auch von ihrer ersten Einsatzstelle in einem großen OP, auf der sie nicht wirklich glücklich war, auf ihre jetzige Station.

Das ist ein Vorteil des Ludwigsburger Hauses, das mit mehr als 1000 Betten das größte im RKH-Verbund ist: „Wir können jemanden auch intern versetzen, wenn die Chemie einmal nicht stimmt“, bestätigt Steffen Barth. Den Eindruck von „Friede, Freude, Eierkuchen“ jedenfalls mag er nicht vermitteln. Denn da sind auch immer mal wieder die Patienten, die nach einer deutschen Pflegekraft verlangen. Dann versucht das Team zu vermitteln, den Druck rauszunehmen. „Oft hilft es, von Anfang an offen miteinander zu sein“, sagt Barth. Alle Neueinsteiger tragen ein Namensschild mit dem Hinweis „Mitarbeiter in Anerkennung“, und Barth ermuntert sie, ihre Situation aktiv anzusprechen: „Wir brauchen manchmal noch etwas länger, bitte reden Sie langsamer mit uns, und wiederholen Sie das Gesagte.“ Wenn die Patienten Bescheid wüssten, könnten alle von der Situation profitieren, ist Barth überzeugt. Bei einem der monatlichen Treffen sei kürzlich die Idee entstanden, das Namensschild um einen Aufkleber zu ergänzen: „Bitte reden Sie langsamer mit mir.“ Barth will das jetzt einmal versuchen, freiwillig, versteht sich. Mirella Schlei jedenfalls erlebt die meisten Patienten als freundlich und herzlich: „Sie reden mit mir und stellen auch Fragen“, sagt sie: „Ich habe den Eindruck, die Deutschen mögen Brasilien.“

Wohnungen für Klinikbeschäftigte

Neben der Sprache geht es bei Barths Treffen meist auch um das Thema Wohnen. Das Klinikum Ludwigsburg hat gleich mehrere Häuser, um Beschäftigte unterzubringen. Zentral gelegen, in Fußwegnähe zur Klinik – „das ist ein Luxus“, sagt Barth. Die Gruppe der neuen Brasilianerinnen etwa wohnt derzeit zusammen in Vierer- und Dreier-WGs. Nach ein paar Monaten können sie in Einzelapartments in ein Haus umziehen, in dem Kollegen verschiedener Kulturen leben – Bosnier und Kroaten etwa, Serben, Ägypter, Rumänen, Griechen genauso wie Marokkaner, Türken und Deutsche. Auch Mirella Schlei wohnt seit ihrem Start in Ludwigsburg in einem Haus, das den RKH-Kliniken gehört. „Eine schöne Wohnung und günstig“, sagt sie. Dass viele ihrer Kolleginnen ihre Familien nach Ludwigsburg nachholen möchten und sich dafür größere Wohnungen wünschen, hört Steffen Barth jetzt öfter. Doch da muss er passen: „Das können wir nicht gewährleisten, sondern können nur bei der Suche helfen.“

Apropos helfen: Auf sogenannten Dolmetscherlisten, die ausgehängt werden und im Intranet der Klinik zu finden sind, bieten zahlreiche Mitarbeiter Hilfe in ihrer Muttersprache an – für Kollegen und Patienten. „Eine gelungene Integration ist eine Gemeinschaftsaufgabe“, betont Steffen Barth, „aber das Engagement aller Mitarbeiter lohnt sich.“ Auch Mirella Schlei hilft gern. Die Neuen aus Brasilien haben ihre Telefonnummer, können sich melden, wenn sie ihren Rat brauchen. Genau wie eine Personalvermittlerin, mit der das Klinikum seit Jahren zusammenarbeitet und die Schlei seit ihrem Neustart in Ludwigsburg sehr unterstützt hat. Für Schlei selbst steht fest, dass sie langfristig in Deutschland bleiben möchte. Zurück nach Brasilien zieht es sie jedenfalls nicht, erst recht nicht, nachdem sie ihren neuen Freund kennengelernt hat. Die Familie wächst…

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