
Nachhaltigkeit polarisiert inzwischen auch im Krankenhaus. Manche können das Thema kaum noch hören, weil es wie eine weitere bürokratische Pflicht im ohnehin angespannten Alltag wirkt. Andere Häuser haben bereits Strukturen aufgebaut und erste Schritte umgesetzt. Viele Einrichtungen wissen, dass sie handeln müssen, doch der Weg dorthin ist häufig noch nicht klar definiert.
Ein differenziertes Bild liefern zwei Erhebungen der Deutsches Krankenhaus TrustCenter und Informationsverarbeitung (DKTIG) aus den Jahren 2024 und 2025. Beide Befragungen setzen unterschiedliche Schwerpunkte und erlauben gerade dadurch einen vertieften Blick auf den Umsetzungsstand in der Praxis. Diese Arbeit wurde durchgeführt im Rahmen des Vorhabens „Kooperative Forschung und Entwicklung im Rahmen des KAT-Netzwerkes an der Hochschule Merseburg: KAT@Home. Finanziert von der Europäischen Union und dem Land Sachsen-Anhalt.
Kliniken gehen pragmatischen Weg
Im Jahr 2024 beteiligten sich 365 Personen aus Krankenhäusern und deren Trägerorganisationen an einer breit angelegten Umfrage. Das Ergebnis war eindeutig. Viele Häuser hatten sich bereits mit den erwarteten Nachhaltigkeitsanforderungen auseinandergesetzt, fühlten sich jedoch mehrheitlich nicht ausreichend vorbereitet. Nachhaltigkeit wurde als relevantes Thema wahrgenommen, war jedoch in den meisten Fällen noch kein strukturell verankerter Bestandteil der Unternehmenssteuerung.
Eine erneute Befragung im Dezember 2025 mit knapp 70 Teilnehmenden aus unterschiedlichen Krankenhäusern bestätigt faktisch die Ergebnisse des Vorjahres. Es fehlt vielen Häusern nach wie vor an Klarheit darüber, welche Inhalte konkret berichtet werden sollen und welchen strategischen Zweck die Berichterstattung eigentlich erfüllt.
Die im Jahr 2025 im Zuge des Omnibus-Verfahrens vorgenommenen Anpassungen an der von der EU geforderten Nachhaltigkeitsberichterstattung haben jedoch zusätzliche Verunsicherung ausgelöst. Krankenhäuser, die bereits Strukturen aufgebaut und Nachhaltigkeitsprogramme angestoßen hatten, stellen diese teilweise wieder infrage oder fahren Aktivitäten zurück. Andere wiederum zögern mit weiteren Schritten, weil unklar ist, welche Anforderungen künftig tatsächlich Bestand haben werden. Diese Zurückhaltung ist weniger Ausdruck fehlender Überzeugung als vielmehr Folge einer regulatorischen Unbeständigkeit, die in der Praxis spürbare Bremsspuren hinterlässt.


Die aktuelle Befragung zeigt, dass viele Krankenhäuser einen vorsichtigen, pragmatischen Weg einschlagen. Auffällig ist dabei die starke Orientierung an der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). 42 Prozent der befragten Häuser wollen sich an deren Vorgaben ausrichten. Tatsächlich dürften nach den neuen Schwellenwerten jedoch nur bis zu 5 Prozent der Krankenhäuser überhaupt berichtspflichtig sein. Die CSRD hat sich offenbar über die formale Verpflichtung hinaus als Referenzrahmen etabliert. Sie dient vielen Einrichtungen als inhaltlicher Maßstab für Strukturen und Berichtsformate, auch ohne unmittelbare gesetzliche Pflicht.
Dabei rücken bestimmte Themen stärker in den Vordergrund. Die CO₂-Bilanzierung gewinnt an Bedeutung, weil sie vergleichsweise klar messbar ist und konkrete Ansatzpunkte für Verbesserungen bietet. Auch eine vereinfachte Berichterstattung nach den VSME (Voluntary SME-Standard), dem freiwilligen und reduzierten EU-Rahmen für kleinere und mittlere Unternehmen, wird zunehmend als praktikabler Einstieg wahrgenommen.


Belastbare Daten fehlen
Wirtschaftlicher Druck und knappe personelle Ressourcen setzen dabei klare Grenzen. Nachhaltigkeit muss sich in einen ohnehin angespannten Klinikalltag einfügen. Das führt zu unterschied-lichen Geschwindigkeiten und Strategien. Das Interesse am Thema ist weiterhin vorhanden. Doch es wird stärker daran gemessen, was unter den gegebenen Bedingungen realistisch umsetzbar ist.
Beim Blick auf den Vorbereitungsstand zeigen sich durchaus Fortschritte. Etwa die Hälfte der befragten Krankenhäuser hat inzwischen eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt und sich damit strukturiert mit den eigenen Nachhaltigkeitsthemen auseinandergesetzt. Dieser Schritt markiert einen wichtigen Übergang von der allgemeinen Sensibilisierung hin zu einer systematischeren Einordnung.
In der weiteren Umsetzung verlangsamt sich die Entwicklung jedoch spürbar. Zuständigkeiten sind vielerorts benannt, doch belastbare Datengrundlagen oder ausgearbeitete Berichtsentwürfe existieren bislang nur in einem kleineren Teil der Einrichtungen. Zwischen strategischer Absicht und operativer Ausarbeitung besteht somit weiterhin eine deutliche Lücke.
Nachhaltigkeit aus Sicht der Stakeholder
Die Umfrage zeigt, dass viele Krankenhäuser bislang kaum konkrete Anfragen zu Nachhaltigkeitsthemen erhalten haben. Externer Druck ist also vielerorts noch überschaubar. Dort, wo Nachfragen gestellt wurden, kamen sie überwiegend von Banken. Auch der Umfang und die inhaltliche Tiefe externer Anfragen werden derzeit mehrheitlich als überschaubar wahrgenommen. Rund zwei Drittel der befragten Krankenhäuser stufen die Anforderungen als wenig oder gar nicht komplex ein. Hoch komplexe Nachfragen bilden mit etwa sechs Prozent bislang die Ausnahme.
Konkrete finanzielle Vorteile infolge guter Nachhaltigkeitsleistungen sind bislang eher die Ausnahme. Im Finanzierungskontext wirkt Nachhaltigkeit derzeit weniger als Prämie, sondern vielmehr als Prüfstein und Risikofilter. Es geht aktuell weniger um Belohnung als darum, finanzierungs-fähig zu bleiben. Auch wenn der Druck von außen noch nicht flächendeckend spürbar ist, zeichnet sich aus Managementsicht eine klare Entwicklung ab. Nachhaltigkeit wird zunehmend zu einem Faktor, der die Finanzierungsfähigkeit von Krankenhäusern mitbestimmt.
Banken unterliegen selbst strengeren aufsichtsrechtlichen Vorgaben und beziehen Nachhaltigkeitsrisiken stärker in ihre Kreditprüfung ein. Für Krankenhäuser bedeutet das, dass ökologische und soziale Aspekte sowie Governance-Gesichtspunkte immer häufiger als Teil der wirtschaftlichen Stabilität bewertet werden. Es geht dabei weniger um Image, sondern um die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells. Nachhaltigkeit wird damit Schritt für Schritt zu einer Voraussetzung für den Zugang zu Kapital. Perspektivisch ist denkbar, dass sie darüber hinaus auch Einfluss auf Konditionen und Refinanzierungsspielräume nimmt.
Jenseits der Bilanz
Für Klinikleitungen zeigt sich derzeit ein klares Muster. Nachhaltigkeit gewinnt dort an Akzeptanz, wo sie messbar ist, Risiken senkt oder Kosten beeinflusst. In diesen Bereichen lässt sie sich in bestehende Steuerungs- und Controllinglogiken integrieren. Genau hier stößt sie jedoch auch an ihre Grenzen. Krankenhäuser sind keine Produktionsbetriebe. Ihr Kernauftrag ist Versorgung, soziale Stabilität und Daseinsvorsorge. Ein erheblicher Teil ihres gesellschaftlichen Beitrags entsteht in der Sicherstellung medizinischer Qualität, in der Krisenresilienz und in der täglichen Versorgungssicherheit. Diese Leistungen lassen sich nur begrenzt monetarisieren und finden im gegenwärtigen Nachhaltigkeits- und Finanzierungssystem bislang kaum adäquaten Ausdruck.
Daraus entsteht ein Spannungsfeld. ESG bewegt sich im Krankenhaus zwangsläufig im Kontext ökonomischer Rahmenbedingungen. Die entscheidende Frage lautet daher, wie sich soziale und ökologische Verantwortung so in Steuerung und Finanzierung integrieren lassen, dass sie nicht nur als Kostenfaktor, sondern als Ausdruck langfristiger Stabilität und Resilienz verstanden werden. Gerade hier könnten Krankenhäuser eine Vorreiterrolle einnehmen, insbesondere mit Blick auf soziale Nachhaltigkeit. Doch dafür braucht es ein Wertverständnis, das wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftlichen Auftrag zusammendenkt.
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