
„36 Grad und es wird noch heißer …“ – was im Jahr 2007 2Raumwohung besungen hat, wird jedes Jahr Wirklichkeit. Hitze – für die einen eine willkommene Abwechslung, kann für vulnerable Gruppen, insbesondere alte und kranke Menschen sowie Kleinkinder und Schwangere, schnell lebensbedrohlich werden. Denn diese sind besonders anfällig für wie Hitzschlag, Kreislaufversagen und Exsikkose (Dehydration).
„Wenn wir Gesundheitsschutz ernstnehmen, müssen wir auch den Hitzeschutz mitdenken. Er ist ein fundamentaler Baustein einer klimaresilienten Gesundheitsversorgung“, betont Jana Luntz, Pflegedirektorin des Universitätsklinikums Dresden und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Pflegerats (DPR). Sie ist sich sicher, dass Hitzeschutz längst kein Nice-to-have mehr ist, sondern eine gesundheitliche Notwendigkeit.
Die gute Nachricht: Mit geschultem Klinikpersonal, klaren Abläufen und gezielten organisatorischen, baulichen und technischen Maßnahmen lassen sich hitzebedingte Erkrankungen und Todesfälle wirksam verhindern – und zugleich lässt sich die Resilienz des Gesundheitssystems stärken.
Leider gibt es bislang jedoch keine bundesweiten gesetzlichen Vorgaben, die Kliniken zum Hitzeschutz verpflichten. Dennoch haben sich Organisationen wie die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG) und einzelne Häuser auf den Weg gemacht und eine Blaupause erstellt.
Netzwerke für klimaresiliente Medizin
Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG) wurde 2017 gegründet und ist ein Zusammenschluss von Akteuren aus dem Gesundheitswesen, der die fatalen gesundheitlichen Folgen der Klimakrise eindämmen will. Ziel ist es, das Gesundheitswesen klimaresilient und klimaneutral zu gestalten, die Gesundheit zu schützen und Menschen zu befähigen, die klimagesunde Transformation unserer Gesellschaft mitzugestalten. Besonderes Augenmerk legt KLUG auf den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Kliniken, Verbänden und Politik.
In diesem Zusammenhang hat sich 2023 auch das Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen (KliMeG) gegründet. Die Mitgliedschaft in diesem Netzwerk ist kostenfrei, Einrichtungen können sich registrieren und direkt loslegen. So gibt es beispielsweise Materialien wie den „10 Punkte Plan für Hitzeschutz im Sommer für Krankenhäuser“ kostenfrei für Mitglieder zum Download. Der Fokus des KliMeG-Netzwerkes liegt auf dem Austausch – mit Infos zu praktischen Beispielen, der Bereitstellung von Materialien sowie regelmäßigen Workshops und Fortbildungsangeboten. Aber auch bei der Erstellung von Beratungskonzepten hilft KliMeG gern.
Weitere Infos unter: www.klimeg.de
Pioniere im Klimaschutz
Aus Public-Health-Perspektive hat Hitze das Potenzial, bestehende Versorgungsstrukturen zu überlasten. Bereits jetzt zeigen Studien einen klaren Anstieg hitzeassoziierter Notaufnahmen- und Krankenhausaufenthalte während Hitzewellen. KLUG fordert daher mit Nachdruck, den Hitzeschutz strukturell in allen Ebenen des Gesundheitssystems zu verankern. „Dazu zählen die Implementierung standardisierter Hitzeaktionspläne, die Bereitstellung ausreichender personeller und infrastruktureller Ressourcen sowie die Integration hitzesensibler Inhalte in die Aus- und Weiterbildung von Gesundheitsberufen“, so Jonas Gerke von KLUG.
Ziel von Hitzeschutzplänen ist es, die Gesundheit von Patientinnen und Patienten sowie des Personals während extremer Hitzewellen besser zu schützen. KLUG hat 2022 gemeinsam mit der Ärztekammer Berlin und der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung das „Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin“ zum Schutz von vulnerablen Bevölkerungsgruppen initiiert und hier Pionierarbeit geleistet.
Gemeinsam wurden ein Warnsystem und Musterhitzeschutzpläne für medizinische Einrichtungen erarbeitet. Der Musterhitzeschutzplan für Krankenhäuser kann hier heruntergeladen werden.
Der Fokus dieser Musterpläne liegt auf konkreten Maßnahmen, die Kliniken umsetzen können, um sich an die steigenden Temperaturen anzupassen. Diese reichen von organisatorischen und technischen Empfehlungen über Schulungen des Personals zur Erkennung von Hitzesymptomen bis hin zur Anpassung der Verpflegung. Zudem seien sogenannte Heat Maps unerlässlich für die Kliniken, um besonders hitzegefährdete Schwachstellen zu identifizieren, erklärt Gerke.
Wer hat‘s erfunden? Das BG Klinikum ukb.
Das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) hat sich schon vor vier Jahren auf den Weg gemacht und sich des Themas angenommen. Klimamanagerin Ulrike Krol erklärt, dass Hitzeschutz weit mehr ist, als der Einbau von Klimaanlagen. Sie hat dort erstmals einen Hitzeschutzplan entworfen, „der auf der Station, auf der ich als Pflegefachperson noch 50 Prozent arbeite, alles berücksichtigt, was man berücksichtigen kann“ – und das ohne viel Zusatzaufwand. Ausgehend von dieser Pilotstation, werden nun Schritt für Schritt Hitzeschutzpläne für das ganze ukb erstellt. „Die Herausforderungen liegen darin, dass man meine Pläne nicht einfach eins zu eins auf andere Stationen übertragen kann, da allein die organisatorischen Abläufe sich oftmals unterscheiden“, führt Krol aus.
Wir messen nicht die Temperaturen, sondern befragen die Mitarbeitenden.
Das ukb war zudem das erste Krankenhaus, das mit Heat-Maps gearbeitet hat. Krol, die sich damals noch im Studium befunden hat, hat mit Hilfe ihres Stationsgrundrisses und durch Befragung der Kollegen besonders heiße, aber auch kühle Orte auf der Station identifiziert und eingezeichnet. „Nach diesem Prinzip gehe ich jetzt auch für andere Stationen und Bereiche vor. Wir messen also nicht die Temperaturen, sondern befragen die Mitarbeitenden. So haben wir diese gleich mit im Boot. Ich trete mit etwa zehn ausgedruckten Grundrissen an die jeweiligen Stationsleitungen heran und erkläre das Vorgehen. Diese leiten die Grundrisse an ihre Mitarbeitenden, die diese ausfüllen. Am Ende lege ich die zehn ausgefüllten Grundrisse der Station übereinander und identifiziere besonders heiße und kühle Bereiche. Nach diesem Vorgehen erstellen wir gerade Heat Maps für das ganze Haus“, erklärt die Klimamanagerin.
Im Anschluss geht Krol noch einmal in die Bereiche und Stationen und stellt die Heat Maps vor. So können auch Irritationen geklärt werden. „Wenn es sich beispielsweise auf einer Station um die Südseite handelt, die prinzipiell sehr warm wird, und es einen kühlen Raum dort gibt, dann frage ich auch in der Abteilung Bau und Technik nach, welche Erklärung es dafür geben könnte. Das Gleiche gilt umgekehrt“, sagt sie.
Ursachen oft nicht sofort erkennbar
In einem Haus hätten die Kollegen beispielsweise gesagt, dass es einen Raum gebe, der besonders heiß sei – und die Hitze käme gefühlt von unten. „Die Nachfrage in der Elektrotechnik hat ergeben, dass im Raum darunter die Umschaltleitung der Heizung ist und, dass es deshalb so extrem heiß dort werden kann.“ Es mache also immer Sinn, alle bei der Erstellung von Heat Maps einzubeziehen. Denn oft seien die Ursachen nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ein Schacht mit Luftzirkulation oder eine Umschaltleitung für die Heizung seien jedoch wichtig zu wissen, wenn man Dinge verändern oder anpassen möchte.
Während andere Kliniken Physio- und Ergotherapie oftmals in die Morgen- oder Abendstunden verlegen, um so der größten Hitze zu entgehen, hat man am ukb in Berlin Marzahn beim Erstellen der Heat Maps eine interessante Entdeckung gemacht: „Das Treppenhaus, in dem die sogenannte Gangschule gemacht wird, ist eine Stahl-Glas-Konstruktion, die sich bei Sonneneinstrahlung unglaublich aufheizt. Am Ende der unfallchirurgischen Station haben wir jedoch ein Treppenhaus, das deutlich kühler ist. Die Außenwand heizt sich durch eine Fassadenbegrünung hier lange nicht so auf. Wenn es heiße Tage gibt, wird die Gangschule kurzerhand in das andere Treppenhaus verlegt und dieses für die Gangübungen gesperrt“, führt Krol die kostengünstige und völlig unkomplizierte Lösung des Problems aus.
Die Klimamanagerin testet auf ihrer Station gerade Hitzeschutzfolien und zwei verschiedene Hitzeschutzvorhänge. In den Testzimmern sind Sensoren angebracht, die Temperatur, Luftfeuchte und Helligkeit messen. „Wir schauen ein halbes Jahr, welche Effekte mit welcher Maßnahme erzielt werden und ob gegebenenfalls der größte Effekt durch die Kombination der beiden Maßnahmen erzielt werden kann“, erklärt Krol das neueste Projekt des ukb.
Außerdem probiert das Team gerade folgendes aus: „Wir testen gerade Kleidung aus einem Material mit Verdunstungstechnik. Die Mitarbeitenden halten die Kühlweste kurz unter kaltes Wasser, wringen sie einmal aus und ziehen sie unter ihre normale Dienstkleidung. Das hat acht Stunden einen kühlenden Effekt“, führt sie aus.
Die Mitarbeitenden halten die Kühlweste kurz unter kaltes Wasser, wringen sie einmal aus und ziehen sie unter ihre normale Dienstkleidung.
Für Krol ist es sehr wichtig, dass die Maßnahmen auch möglichst nachhaltig sind. Daher werden am ukb bei Neubauten eher Kühldecken geplant als eine reine Klimatisierung. Zudem engagiert sie sich in der AG Klima, in der sich alle Klimamanager der BG Kliniken Deutschlands, zu denen auch das ukb gehört, regelmäßig austauschen. Und das ukb ist Mitglied im KliMeG.
Neben der Mitgliedschaft bei KliMeG oder KLUG haben Gesundheitseinrichtungen noch weitere Möglichkeiten, sich für fit in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaresilienz zu machen. Wie diese Transformation gelingen kann, wenn Zeit, Geld und Personal fehlen, erfahren interessierte Gesundheitseinrichtungen bei der im September beginnenden Fortbildung des Deutschen Krankenhaus-Instituts „Plan H: Planetary Health-Kurs für nachhaltige und klimaresiliente Gesundheitseinrichtungen“. Im Modul 9 „Resilienz und Klimafolgenanpassung“ werden – in Zusammenarbeit mit dem KliMeG – unter anderem individuelle und kollektive Anpassungsmaßnahmen besprochen. Weitere Informationen und Anmeldung unter: Plan H: Planetary Health-Kurs für nachhaltige und klimaresiliente Gesundheitseinrichtungen | DKI
Von Aromatherapie bis Lüftungsaufkleber
Die Profession Pflege übernimmt – gerade bei der Förderung einer adäquaten Hydration – eine proaktive Rolle, indem sie Patientinnen und Patienten regelmäßig zum Wasser trinken animieren. Ergänzend können feuchte Umschläge für Nacken, Stirn oder Handgelenke, Eiswürfel oder kühlende Fußbäder zum Einsatz kommen. Viele Kliniken haben auch gute Erfahrungen mit Aromatherapie gemacht. Speziell geschulte Pflegekräfte bereiten Kompressen mit kühlenden ätherischen Ölen wie Pfefferminz- oder Lavendelöl vor, die den Patientinnen und Patienten ein angenehmes Gefühl von Frische vermitteln.
Bei 30 Grad und mehr sollten Fenster geschlossen bleiben, sonst haben wir schnell die Situation, dass die Innentemperatur gleich der Außentemperatur ist.
„Auch gehört es leider immer noch zu unseren Aufgaben, Patienten und Angehörige zum richtigen Lüften zu informieren. Bei 30 Grad und mehr sollten Fenster geschlossen bleiben, sonst haben wir schnell die Situation, dass die Innentemperatur gleich der Außentemperatur ist“, erklärt Krol.
Daher hat sie mit Kolleginnen und Kollegen der anderen BG Kliniken Aufkleber entwickelt, um alle dafür zu sensibilisieren. Die großen, runden Aufkleber werden neben den Fenstergriffen aufgeklebt und sind als Reminder gedacht, wie Lüften richtig funktioniert: Früh morgens und spät abends Fenster auf, danach zu und Jalousien runter.
Krol rät an, auch die eigenen Mitarbeitenden einzubinden und zu befragen, welche Ideen sie haben. Zusätzlich seien Schulungen für die Mitarbeitenden zum Thema Hitzeschutz ratsam, damit diese für das Thema sensibilisiert bleiben und auch die Anzeichen von Hitzestress erkennen. So gibt es viele kleine Maßnahmen, die man unkompliziert vor Ort angehen kann. Dann klappt es auch, bei Hitze einen kühlen Kopf zu bewahren.







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