Georg Thieme Verlag KG

Serie5 Fragen an Prof. Kai Wehkamp

Zwei Dinge sind Prof. Kai Wehkamp, Geschäftsführender Oberarzt am UKSH, im Gesundheitswesen besonders wichtig: zieloriente Führung und die Balance zwischen der Förderung von Innovationen und der Priorisierung der begrenzten Mittel.

Prof. Kai Wehkamp
Katrin Mainka/Composed by Thieme

Prof. Kai Wehkamp, Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel.

Was macht Ihren Beruf zu Ihrer Berufung?

In der medizinischen Versorgung erleben wir ständig, wie die Gesundheit von Menschen in Gefahr ist: wie Menschen körperlich und psychisch leiden, Sorge und Angst um die eigene Gesundheit haben und um die der Angehörigen und Freunde. Aber es gibt auch Hoffnung, Glück und Zufriedenheit. Gesundheit ist essentiell für Leben, sie ist das entscheidende Gut, dass es uns ermöglicht Lebenszeit und Lebensfreude mit den Menschen zu verbringen, die uns wichtig sind. Ich glaube dass deswegen das Engagement für Medizin und Gesundheitsversorgung für viele Menschen so sinngebend ist. Was gibt es erfüllenderes, als sich für die Gesundheit und das Leben von Menschen einzusetzen – egal ob unmittelbar am Patienten oder in Forschung, Management und Systementwicklung?

Wann und wie wurde Ihr Interesse an der Gesundheitsbranche geweckt?

Wie die meisten von uns, habe auch ich mich spätestens als Jugendlicher mit der  Bedeutung von Gesundheit und Krankheit und der Fragilität des Lebens auseinandergesetzt. Ich glaube es gibt nur ganz wenige Menschen, die kein Interesse an diesen Themen haben, da sie für fast jeden früher oder später bedeutsam werden und die Medizin deswegen auf die meisten eine gewisse Faszination ausübt. Während meines Medizinstudiums und den ersten Jahren ärztlicher Tätigkeit, habe ich die Medizin aber nicht als „Branche“ verstanden, sondern eher als System, das versucht, den Bedürfnissen von Menschen nach Gesundheit und Fürsorge so gut wie möglich zu  begegnen. Natürlich habe ich dabei auch erfahren, wie das häufig nicht befriedigend funktioniert.

Mich hat aber das System dahinter interessiert und deshalb ich habe einen berufsbegleitenden Master für Public Health absolviert. Die Ergebnisse meiner Masterarbeit durfte ich auf dem Gesundheitswirtschaftskongress präsentieren – und das war damals vor 11 Jahren fast ein kleiner Schock für mich: erst hier habe ich begonnen zu verstehen, was für ein gewaltiges wirtschaftliches System hinter der unmittelbaren Medizin steckt. Gefühlt liegen Welten zwischen einem Medizinkongress und einem Managementkongress wie dem Gesundheitswirtschaftskongress. Jedem, der in der Gesundheitswirtschaft tätig ist, würde ich umgekehrt empfehlen, einmal direkt in einem Krankenhaus zu hospitieren und an einem medizin-wissenschaftlichen Kongress teilzunehmen. Alle Bereiche sind wichtig, auch wenn die Interessen teils sehr unterschiedlich sind.

Was muss sich in der Gesundheitsbranche ändern und warum?

Es gibt viele Baustellen, und das macht es auch so spannend. Zwei Punkte sind mir besonders wichtig: Es gibt eine ausgesprochen hohe intrinsische Motivation bei fast allen jungen Menschen, die in das Gesundheitswesen oder die Gesundheitswirtschaft einsteigen. Pflegende, Mediziner, Manager usw. – aber bei vielen lässt die Motivation schnell nach. Und das gilt besonders für die Bereiche, die direkt am Patienten arbeiten. Überlastung, mangelnde Wertschätzung, Frustration, Zynismus, Burn-Out sind die Folgen.

Wir erleben gerade in der Pflege, welche katastrophalen Auswirkungen das hat. Jeden Tag geben eigentlich hochmotivierte Pflegekräfte ihren Traum auf, jeden Tag sterben in Deutschland Menschen, weil wir zu wenig Pflegekräfte haben. Hier läuft viel falsch – und diese Probleme lassen sich nicht nur technisch lösen – auch wenn die Digitalisierung hier helfen kann. Als Manager in der Patientenversorgung ist es deswegen so wichtig, auch menschlich zu führen und zu motivieren. Das geht nur, in dem man Werte, Motivation und Teamgeist vorlebt und die gemeinsamen Ziele zur Führung einsetzt. Jedes Start-up schafft das – in einem Krankenhaus erscheint das aber sehr schwer, obwohl die Medizin doch eigentlich so wichtig und sinngebend ist.

Der zweite Punkt ist nicht weniger schwierig: die Balance zwischen einer Förderung von Innovationen auf der einen Seite und einer Priorisierung der begrenzten Mittel in Hinblick auf den Patientennutzen auf der anderen Seite. Es gilt also die richtigen wirtschaftlichen Anreize sowohl für Innovationen als auch für eine ressourcenschonende Versorgung zu setzen und dabei Fehlanreize, z.B. für Überversorgung zu vermeiden. Dafür ist eine Orientierung an Wissenschaft und Forschung unglaublich wichtig, d.h. Innovationen und neue Versorgungsformen müssen an ihrem Patienten- bzw. Versorgungsnutzen bewertet werden. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch trauen, mit Weitblick in Entwicklungen zu investieren, die keinen kurzfristigen Nutzen zeigen bzw. zunächst nicht kosteneffektiv scheinen. Die Verantwortung dafür liegt nicht nur in der Gesundheitspolitik, sondern auch bei den vielen motivierten Akteuren in der ganzen Gesundheitsbranche.

Wie stellen Sie sich Ihren Beruf in 20 Jahren vor?

Ich hoffe sehr darauf, dass die Digitalisierung uns dabei helfen wird, die Wissenschaftlichkeit und Sicherheit der Patientenversorgung zu verbessern. Insbesondere im Bereich der Risikoerkennung, der Diagnostik und therapeutischen Entscheidungsuntstützung sehe ich ein hohes Potenzial digitaler Techniken. Gleiches gilt für die Digitalisierung des eigentlichen Versorgungs-Kernprozesses, optimalerweise intersektoral. Das sind Projekte, mit denen ich mich auch am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein beschäftige.

Die zunehmende Digitalisierung sollte zu einer verbesserten Transparenz führen, die wiederum die Qualitätssicherung bzw. die Evidenz der Medizin fördert und somit kommerzielle Fehlanreize für schlechte Medizin limitieren kann. Ich vertraue darauf, dass die Verbesserung von Wirksamkeit und Effizienz digitaler Techniken nicht dazu führt, dass Pflegekräfte und Mediziner wegrationalisiert werden. Stattdessen haben sie hoffentlich mehr Zeit für menschliche Zuwendung – denn dies wird auch in Zukunft ein wesentlicher Kern guter Medizin sein, insbesondere immer dann, wenn wir nicht mehr heilend helfen können.

Was darf für einen erfolgreichen Tag nicht fehlen?

Es gibt immer ein großes Ziel – und dann viele kleine Zwischenschritte, auf dem Weg zu diesem Ziel. Beides muss regelmäßig reflektiert, angepasst und aufeinander ausgerichtet werden. Zu einem erfolgreichen Tag gehört für mich, dass das Team und ich weitere Schritte gegangen sind, die zu den größeren Zielen beitragen. Im Gesundheitswesen ist das eigentlich leicht, da es so viel zu verbessern gibt – im Großen und im Kleinen. Trotzdem ist es wichtig immer wieder den Fokus auf die besonders wichtigen Ziele zu setzen.

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