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Universitätsklinikum MünsterCenter for Transgender Health versorgt trans* Personen

Trans* Personen sind bei psychischen Erkrankungen besonders oft betroffen. Das Universitätsklinikum Münster (UKM) bietet nun Unterstützung an und hat dafür Deutschlands erstes interdisziplinäres Kompetenzzentrum „Center for Transgender Health“ eröffnet.

Start des Center for Transgender Health am UKM
UKM

v.l.n.r.: Prof. Tobias Hirsch (Co-Sprecher), Prof. Katrin Neumann (Co-Sprecherin), Prof. Georg Romer (erster Sprecher des CTH) und Ricarda Jasmin Schlia von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti e.V).

Traurig aber wahr: Vergleicht man den Gesundheitszustand von trans* Personen im Gegensatz zu cis Personen, das sind alle Menschen, die sich mit ihrem bei der Geburt festgelegten Geschlecht wohlfühlen und identifizieren, so zeigen die Zahlen: trans* Personen leiden deutlich häufiger an psychsischen und physischen Erkrankungen. Das Universitätsklinikum in Münster hat nun das Center für Transgender Health (CTH) gegründet und bietet Unterstützung und konkrete Versorgungsangebote für trans* Personen an.

trans* ist ein Überbegriff für Menschen, die sich gar nicht oder nur teilweise mit dem bei der Geburt festgelegten Geschlecht identifizieren. Die Bundesvereinigung Trans* e.V. schreibt in ihren Publikationen das Wort „trans*“ klein, um es als Adjektiv darzustellen, da „es um einen Aspekt einer Persönlichkeit geht, der die Person aber nicht in Ausschließlichkeit zu einer_m „Trans*“ macht.“

Schlechter psychischer Gesundheitszustand von trans* Personen

In einer aktuellen Studie aus 2020 wurden trans* Jugendliche und cis Jugendliche nach ihren psychischen Erkrankungen befragt. 50 Prozent der trans* Personen gaben an, unter Depressionen zu leiden. 26 Prozent sind von Angststörungen betroffen, 30 Prozent haben Suizid-Gedanken, 17 Prozent hatten schon einmal einen Suizid-Versuch und 45 Prozent waren oder sind in ambulant psychiatrischer Behandlung. Die Zahlen der cis Jugendlichen waren maximal halb so hoch. In dieser Gruppe litten 20 Prozent an Depressionen, 10 Prozent an Angststörungen, 11 Prozent hatten Suizid-Gedanken, 6 Prozent hatten einen Suizid-Versuch und 16 Prozent sind aktuell oder waren in ambulant psychiatrischer Behandlung.

Gründe für die schlechte psychische Gesundheit

Mögliche Gründe für den eher schlechteren psychischen Gesundheitszustand von trans* Personen können Einsamkeit oder die Ablehnung im eigenen Umfeld sein. So zeigt die Forschung, dass familiäre Nichtakzeptanz der Transgender-Identität ein signifikanter Grund für das schlechte Wohlbefinden ist. Je geringer die Akzeptanz der Transidentität durch die Familie und je schlechter die Beziehungen zu Gleichaltrigen, desto ausgeprägter ist auch die Suizidalität. Auch Ablehnung des eigenen Körpers sowie das Unwohlsein im eigenen Körper sind mögliche Gründe.

Unterstützung durch neu gegründetes Center für Transgender Health (CTH)

Genau an diesem Punkt setzt nun das Universitätsklinikum Münster an. Das UKM hat Deutschlands erstes interdisziplinäres Zentrum für die gesundheitliche Versorgung von trans* Personen eröffnet. Dabei ist das Ziel des Zentrums trans* Personen eine ganzheitliche, lebensbegleitende Versorgung zu ermöglichen. „Das CTH bietet ein ganzheitliches und lebenslanges Konzept vom Wunsch nach Transition über die psycho-soziale Beratung, Hormonbehandlung, Stimmtherapie bis hin zum chirurgischen Eingriff der geschlechtsangleichenden Operation. Auf Wunsch werden trans* Personen auch hinsichtlich des Erhalts der Möglichkeit einer späteren Elternschaft beraten“, sagt Univ.-Prof. Georg Romer, erster Sprecher des CTH. Das interdisziplinäre Kompetenzzentrum will mit seiner Arbeit auch zur Ent-Pathologisierung und Entstigmatisierung von trans* Personen beitragen und zu einem wichtigen Bestandteil der Gesundheitsversorgung von trans* Personen werden. „Unser Ziel ist es, europaweit eines der führenden universitären Zentren für die umfassende Versorgung von trans* Personen zu werden“, so Romer.

Unterversorgung von trans* Personen

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend betont die Unterversorgung von trans* Personen. Das Ministerium schreibt von Hürden in der Gesundheitsversorgung durch mangelndes Wissen und fehlende Sensibilität beim Fachpersonal. Dadurch würde oft eine erfolgreiche Behandlung sowie eine gesellschaftliche Gleichstellung verfehlt werden. Außerdem führen Hürden und Negativerfahrungen bei betroffenen Personen in manchen Fällen dazu, dass eine medizinische Konsultation bis zu einem Notfall hinausgezögert wird oder es zur Selbstmedikation kommt. Darüber hinaus nehmen trans* Personen in deutlich geringerem Maße Angebote präventiver Gesundheitsmaßnamen wahr. Damit es nicht zur Diskriminierung vom Gesundheitspersonal gegenüber trans* Personen kommt, hat das UKM ein speziell geschultes und interdisziplinäres Team zusammengestellt. „Durch die Bündelung und Vernetzung aller an der Behandlung von trans* Personen beteiligten medizinischen Disziplinen, sollen Versorgung und Forschung in der trans*Gesundheit entscheidend vorangebracht werden“, sagt Romer. „All das liegt integriert in den Händen eines interdisziplinär arbeitenden Expert*innen-Teams, das untereinander vernetzt ist und sich im ständigen Austausch befindet.“ Dabei beruht das Behandlungskonzept des CTH auf den drei Säulen der psycho-sozialen, konservativen und operativen Versorgung von trans* Personen.

Behandlung schon im jungen Alter

Ein wichtiger Bestandteil des physischen und psychischen Wohlbefindens von trans* Personen ist die schon frühe Betreuung. Laut UKM sei es elementar Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern in dieser frühen Phase psychiatrisch beratend eng und ergebnisoffen zu begleiten. Romer betont: „Im Kindes- und Jugendalter sind Gefühle der Verunsicherung im Hinblick auf die geschlechtliche Identität nicht selten und können auch vorübergehend sein. Ist jedoch der Wunsch nach Behandlung einer Geschlechtsdysphorie, also dem Leiden am angeborenen Geschlecht, vorhanden, tritt er oft schon in früher Jugend auf.“

Neben Univ.-Prof. Georg Romer als Sprecher sind die konservativen bzw. operativen medizinischen Disziplinen durch Univ.-Prof Katrin Neumann (Direktorin der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie am UKM) und Univ.-Prof. Tobias Hirsch (Chefarzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie an der Fachklinik Hornheide in Münster und Leiter der Plastischen Chirurgie am UKM) als jeweilige Co-Sprecher*innen vertreten. Sowohl die psycho-soziale, konservative als auch die operative Säule subsumieren die weiteren auf dem Weg zur Transition notwendigen Fachbereiche.

Weiterführende Informationen bietet die Webseite des CTH.

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