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Adipositas-Chirurgie

Mit Schlauch oder Bypass gegen den Speck

Die Zahlen der bariatrischen Operationen in Deutschland steigen – und mit ihnen die Spannungen zwischen den Akteuren: Kassen warnen, hier würden Indikationen ausgeweitet; Chirurgen werfen den Kostenträgern ihrerseits eine zu restriktive „Genehmigungspraxis“ vor. 

Adipositas

Fotolia (BillionPhotos.com)

Schlauch oder Bypass: Mit 45 % bzw. 46 % sind Schlauchmagen-OPs sowie Magenbypässe die gängigsten bariatrischen Eingriffe in Deutschland.

Es sind Menschen wie Elisa, Mitte 40, die in Erwägung ziehen, was unter Ernährungsexperten als „Ultima Ratio“ gilt: ein Stück ihres Magens herzugeben, ihn verkleinern zu lassen, um endlich abzunehmen. Bei einer Größe von 1,72 Meter wiegt die Hessin, die ihren Nach­namen nicht verraten möchte, 150 Kilogramm, hat damit einen Body-Mass-Index (BMI) von 51 kg/m². Damit ist sie nach Lehrmeinung besonders schwer adipös: „Liegt der BMI zwischen 25 und 30, sprechen Ärzte von Übergewicht“, erklärt Manfred James Müller, Vorstandssprecher des Kompetenznetzes Adipositas und Vertreter der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG). „Liegt der BMI aber darüber, handelt es sich um eine Adipositas“, um krankhafte Fettleibigkeit also.

Die Erkrankung – zumindest die WHO hat Adipositas als solche eingestuft – hat Deutschland im Griff: Rund 18 Prozent der Erwachsenen sind davon betroffen, Männer ebenso häufig wie Frauen, wie das Robert-Koch-Institut in einer im Juni vorgestellten Studie ermittelte. Noch 2010 waren es nur 16 Prozent. Und diese Menschen suchen Hilfe: „Sieben Millionen Menschen ließen sich in Deutschland im Jahr 2014 wegen krankhaften Übergewichts in einer Praxis ambulant behandeln“, rechnet Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse Barmer, vor.

Doch dabei bleibt es nicht. Immer häufiger suchen die Betroffenen auch Kontakt zu einem Chirurgen, entscheiden sich für eine Operation, durch die sie ihr Gewicht reduzieren können. „Allein unter unseren Versicherten hat sich die Anzahl der bariatrischen Operationen von 167 Fällen im Jahr 2006 auf 1 070 Fälle im Jahr 2014 mehr als versechsfacht“, sagt Straub mit Blick auf die Ergebnisse des Barmer Krankenhaus Reports 2016. Deutschlandweit lag die Zahl der Eingriffe 2015 bei 10 227 (2006: 1 759). Das seien vielleicht noch kleine Fallzahlen, so Straub. Doch die Tendenz sei „bedenklich“.

Magen meldet: satt!

Die Adipositas-Chirurgie bestimmen heute vor allem zwei Methoden: Mit 45 Prozent beziehungsweise 46 Prozent sind Schlauchmagen-OPs sowie Magenbypässe nach Zahlen der Barmer heute die gängigsten bariatrischen Eingriffe in Deutschland; Magenbänder werden nur noch verschwindend selten eingesetzt. Bei beiden Maßnahmen wird der Magen künstlich verkleinert, die Vorgehensweise ist jedoch unterschiedlich: Während bei einem Schlauchmagen 80 bis 90 Prozent des Magens entfernt werden, sodass nur ein – namengebender – schlauchartiger Rest erhalten bleibt, wird bei einem Bypass ein Stück des Magens abgetrennt und mit einer Dünndarmschlinge verbunden: „Das eine Ende des Darmes wird an den kleinen Restmagen angeschlossen und das andere so umgeleitet, dass die Nahrung und Verdauungssäfte erst im mittleren Dünndarm vermengt werden“, erklärt Thomas Hüttl, Ärztlicher Direktor und Leiter des Adipositas-Zentrums an der Chirurgischen Klinik München-Bogenhausen. Der obere, direkt an den Magen anschließende Dünndarm werde dabei umgangen, daher die Bezeichnung Bypass. Der Effekt ist bei beiden Methoden, dass sich der Patient beim Essen deutlich schneller satt fühlt; der Bypass sorgt zudem dafür, dass die Enzyme weniger Nahrungsbestandteile verdauen können: Der Patient nimmt ab.

Welcher Eingriff durchgeführt wird, wird individuell bestimmt und ist unter anderem abhängig von der Höhe des BMI, Begleiterkrankungen und Medikamenteneinnahme. Die ­Methoden sind heute Standard, werden in der Regel minimal-invasiv durchgeführt, und ihr Nutzen ist in Untersuchungen belegt (zuletzt 2016 durch eine große, retrospektive Kohor­tenstudie in den USA). Doch auch wenn die Zahl der Eingriffe steigt – Thomas Hüttl empfindet Deutschland immer noch als Entwicklungsland: „In Österreich, der Schweiz, Frankreich oder Schweden erhalten die betroffenen Patienten drei bis elf Mal so häufig Zugang zu einer OP“, klagt der Adipositas-Chirurg.

 

Den vollständigen Artikel lesen Sie ab 3. November 2017 in kma Ausgabe 11/17 oder digital auf der Thieme Zeitschriftenplattform Thieme Connect.

  • Schlagwörter:
  • Adipositas
  • Übergewicht
  • Chirurgie
  • Biatrische Chirurgie

Kommentare (1)

  1. Tendenz bedenklich?

    20.10.2017, 07:11 Uhr

    Der nette Herr Straub ruft ja gerne seine Bedenken gegen die Adipositaschirurgie durch die Welt. Er vergisst nur, dass dies die einzige wirksame kassenfinanzierte Maßnahme ist, die der 1. Gesundheitsmarkt hergibt. Alles andere läuft unter dem Deckmantel der Prävention.
    Die Betroffenen werden solange alleine gelassen, bis der BMI und die Begleiterkrankungen für eine chirurgische Indikation ausreichen.
    Und selbst dann entscheiden medizinische Dienste und Kassen wider aller Leitlinien und Begutachtungsleitfäden.

    Anstatt also einen frühzeitiges kassenübergreifendes Behandlungskonzept für adipöse Menschen aufzustellen, werden die Betroffenen zu Privatanbietern geschickt. Diese Maßnahmen bringen - wenn überhaupt - oftmals kurzen Erfolg. Eine langfristige Nachbetreuung findet nicht statt.

    Nur solange nicht alle Behandler beginnen an einem Strang zu ziehen und gemeinsam bei der Politik aktiv werden, werden wir Betroffenen weiterhin mit dem Stigma unserer Erkrankung leben und leiden müssen.

    Viele Grüße
    Michael Wirtz
    AdipositasHilfe Nord e.V.

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