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Netzwerk UniversitätsmedizinNum wird eigenständig – Umbau zur Bundes-GmbH

Mit dem Netzwerk Universitätsmedizin wollen alle 37 Uniklinika ihre Daten und Bioproben über bundesweite Plattformen gemeinsam für die Forschung erschließen. Die Plattform Num-Sar soll die klinische Forschung zusätzlich krisenfest machen.

Eine Frau mit Schutzbrille und blauen Handschuhen hält eine Pipette in ein Reagenzglas
Frank Coop_peopleimages.com/stock.adobe.com - Stock photo. Posed by a model
Symbolfoto

Während der ersten Welle der Covid-19-Pandemie flog Deutschland weitgehend blind. Niemand wusste genau, wie viele Covid-Patientinnen und -Patienten mit welchen Krankheitsverläufen in den Kliniken lagen, wie sie behandelt wurden und ob die Therapien anschlugen. Während Großbritannien mit großen Studien wie der Recovery-Studie binnen kürzester Zeit weltweit beachtete Daten lieferte, fehlte es hierzulande schon an den Grundlagen – den Strukturen für eine bundesweit koordinierte klinische Forschung.

„Der Politik war klar, dass Forschung einer der zentralen Punkte aus der Pandemie ist und hat die Uniklinika aufgefordert, sich hier zusammenzutun“, erinnert sich Ralf Heyder, Leiter der Num-Koordinierungsstelle. So entstand das Netzwerk Universitätsmedizin (Num), quasi aus der Not heraus und ohne lange Konzeptionsphase. Heute, rund sechs Jahre später, hat sich das Projekt zu einer festen Größe in der deutschen klinischen Forschungslandschaft entwickelt. 

Forschende im Num entwickeln und arbeiten gemeinsam an bundesweiten Daten- und Methodenplattformen, die eine standortübergreifende Nutzung medizinischer Daten und Bioproben ermöglichen. So können Studien effizienter durchgeführt und neue Erkenntnisse schneller in die Patientenversorgung überführt werden.

Von 0 auf 100 in sechs Jahren

Bislang war das Num ein befristetes Förderprojekt, das operativ aus der Berliner Charité heraus koordiniert wurde. Dass die Charité dabei als primus inter pares auftrat, lag am Gründungskontext, sorgte jedoch bei den übrigen Uniklinika gelegentlich für Unmut. 

Um diese Koordinationsaufgabe politisch und institutionell neutraler zu organisieren, steht das Num nun vor dem größten Strukturwandel seit seiner Gründung: Es wird in den kommenden Monaten in eine neu gegründete GmbH überführt, die sich zu 100 Prozent in Bundeshand befindet. „Die in Berlin derzeit noch in der Charité angesiedelte Koordinierungsstelle mit ihren mittlerweile über 40 Mitarbeitenden wird Schritt für Schritt in diese neue Struktur überführt“, erklärt Heyder.

Das Num setzt beim Aufbau und Betrieb seiner Infrastruktur bewusst auf das Prinzip der akademischen Kooperation.

Das Num hat auch finanziell inzwischen Gewicht. Über die inzwischen dritte Förderphase hinweg belaufen sich die Gesamtzusagen – inklusive der jüngsten Mittel aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität – auf rund 900 Millionen Euro über gut zehn Jahre. Das jährliche Grundbudget, also die feste Basisfinanzierung ohne projektgebundene Zusatzmittel, liegt bei etwa 80 Millionen Euro.

Die Reichweite dieser Infrastruktur ist gewaltig: Alle 37 deutschen Uniklinika ziehen an einem Strang. Ergänzt wird die Kooperation durch 46 akademische Biobanken – selbst an Standorten ohne eigenes Uniklinikum wie in Bremen. Zusammen decken die Uniklinika rund 12 Prozent der stationären Versorgung in Deutschland ab. In hochspezialisierten Bereichen wie der Onkologie sind es sogar rund 25 Prozent. Auf der Num-Netzwerkplattform sind inzwischen mehr als 9000 Nutzende aus Forschung und Verwaltung registriert.

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Kooperation statt Konkurrenz

Das übergeordnete Ziel des Num ist der Aufbau eines nationalen „One-Stop-Shops“ für die klinische Forschung. Traditionell ist die deutsche Universitätsmedizin stark fragmentiert und von Wettbewerb untereinander geprägt. „Das Num setzt beim Aufbau und Betrieb seiner Infrastruktur bewusst auf das Prinzip der akademischen Kooperation statt des exzellenzbasierten Wettbewerbs. Es ist uns wichtig, dass möglichst alle Standorte bei allen Num-Aktivitäten dabei sind“, sagt Heyder.

Kooperiert wird vor allem dort, wo es gemeinsame Interessen der beteiligten Standorte gibt, z.B. weil große Fallzahlen für gute Forschungsergebnisse entscheidend sind. Dazu gehören klinische Prüfungen der Phase-III und Phase-IV, große Beobachtungsstudien, Register und die wissenschaftliche Nutzung alltäglicher klinischer Routinedaten.

Strategische Ziele des Num

  • Etablierung eines „One-Stop-Shop“ für klinische Forschung auf nationaler Ebene durch Schaffen eines übergreifenden Governance-Frameworks für die gesamte Universitätsmedizin
  • Verbesserung der Pandemie- und Krisenbereitschaft durch bessere Surveillance & Rapid Response-Fähigkeiten
  • Bereitstellung eines umfassenden klinischen Studien- und Forschungsdatenraumes für Deutschland durch modulare klinische Forschungs(daten)-Plattformen


Mit der Num-Plattform reagiert Deutschland auf den internationalen Trend zu größeren Einheiten in der akademischen Medizin. „Es ist leider Fakt, dass Firmen, die mit Daten und Proben forschen und die etwas entwickeln wollen, immer öfter nicht nach Deutschland gehen. Das liegt an der fragmentierten Daten- und Bioprobenlandschaft hierzulande. Deshalb müssen wir in Deutschland Plattformen bilden, um im internationalen Wettbewerb die notwendige kritische Masse zu erreichen“, formuliert Heyder eine Hürde.

Durch die digitale Zusammenführung der Patientendaten aller 37 Uniklinikstandorte entsteht ein Daten- und Probenpool, der selbst mit weltbekannten US-Institutionen wie der Mayo-Clinic-Gruppe oder der Johns Hopkins Medicine konkurrieren kann. „Damit soll die deutsche klinische Forschung dauerhaft international wettbewerbsfähig gemacht werden und zudem in zukünftigen Krisen ad hoc handlungsfähig werden“, so Heyder. 

Wir kümmern uns im Num um Themen wie Pandemie- und Krisenbereitschaft, aber bezogen auf das Feld der klinischen Forschung.

Ein wichtiger Meilenstein ist hierbei der Aufbau eines umfassenden, modularen klinischen Studien- und Forschungsdatenraumes. Er macht unterschiedliche Datenarten standortübergreifend und offen für die Forschung zugänglich (inkl. Wahrung des Datenschutzes und der Patientenrechte): von Patientenakten über Bildbefunde bis hin zu molekularen Biomarkern. Das Num ist eine lebendige Plattform, die sich fortwährend mit den wissenschaftlichen Bedarfen und neuen technischen Möglichkeiten weiterentwickelt.

50 Millionen für bundesweite Biobank-Plattform

Jüngstes Zeichen dafür: Am 1. Juli hat im Num der bundesweite Aufbau einer Biobank-Plattform begonnen, – gefördert vom BMFTR mit rund 50 Millionen Euro bis 2030 – mit dem dort integrierten German Biobank Network. Damit wird ein zentrales Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt. Die dezentral organisierten Biobanken an 38 Standorten werden organisatorisch in einer Biobank-Plattform zusammengeführt. 

„Für diese wird im Num eine zentrale Servicestelle aufgebaut, die den Zugang zu Proben und Daten aus den beteiligten Biobanken koordiniert und erleichtert. Forschende aus akademischer Wissenschaft und Industrie müssen dann nicht mehr einzelne Biobank-Standorte separat anfragen und erhalten damit bessere Voraussetzungen, um Krankheiten zu erforschen, Diagnostik und Therapien weiterzuentwickeln und so langfristig die Versorgung von Patientinnen zu verbessern“, führt Heyder aus.

Num-Sar-Module

Zu den Modulen der Num-Sar-Plattform für ein nationales Frühwarn- und Reaktionssystem gehören:

  • Echtzeit-Monitoring und Dashboards: Ein klinisches Dashboard ermöglicht einen nahezu in Echtzeit abrufbaren Zugang zu aggregierten Behandlungsdaten aus den Kliniken. So lassen sich Engpässe und epidemiologische Trends sofort erkennen.
  • Rapid Response: Tritt ein neuer Erreger auf, erlaubt die Struktur von Num-Sar beispielsweise, neu entwickelte diagnostische Tests schnell und hochstandardisiert über alle Einrichtungen hinweg auszurollen und massenhafte Testungen wissenschaftlich zu begleiten.
  • Genomische Erreger-Surveillance: Durch die Sequenzierung von Erregern lassen sich Mutationen und neue Varianten früh erkennen.
  • Evidenzsynthese: In Krisenzeiten bündelt diese Plattform methodische und klinische Expertisen, um weltweit verfügbare Studiendaten rasch auszuwerten und verlässliche, evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für die Politik und das Gesundheitssystem bereitzustellen.

Fokus auf Krisenfestigkeit: Plattform Num-Sar

Ein Kernpfeiler der langfristigen Pandemie- und Krisenbereitschaft des Num ist die spezialisierte Plattform für Surveillance und Rapid Response (Num-Sar). Sie soll – gemeinsam mit anderen Num-Forschungsinfrastrukturen – sicherstellen, dass die medizinische Forschung bei der nächsten gesundheitlichen Krise sofort bereit und handlungsfähig ist. 

„Wir kümmern uns im Num um Themen wie Pandemie- und Krisenbereitschaft, aber bezogen auf das Feld der klinischen Forschung“, betont Heyder. Zugleich weist er ausdrücklich darauf hin, dass die generelle Krisenresilienz des deutschen Gesundheitssystems in anderen Händen liegt.

Num-Sar arbeitet an verschiedenen Schnittstellen eng mit dem Robert Koch-Institut und dem Öffentlichen Gesundheitsdienst zusammen. Damit schließt Num-Sar, gemeinsam mit den anderen Forschungseinrichtungen, genau die Lücke, die im März 2020 offenkundig wurde: Es macht aus der deutschen Universitätsmedizin keinen losen Verbund exzellenter Einzelkämpfer mehr, sondern eine krisenfeste, bundesweit agierende Plattform für klinische Forschung.

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