
Die aktuelle Herbstumfrage des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) malt ein wenig optimistisches Bild. Für 2024 erwarten die Mitgliedsunternehmen im heimischen Markt nur noch einen Umsatzanstieg von 1,2 Prozent. Im Jahr zuvor waren es noch 4,8 Prozent. „Das ist ein dramatischer Rückgang“, urteilte BVMed-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Dr. Marc-Pierre Möll bei der Vorstellung der Umfrage in Berlin.
Aufgrund der anhaltenden Kostensteigerungen rechnen danach nur noch zehn Prozent der BVMed-Mitglieder in diesem Jahr mit Gewinnsteigerungen gegenüber dem Vorjahr. Besser sieht die Lage im Auslandsgeschäft aus, wo die Unternehmen einen Umsatzanstieg von 3,5 Prozent erwarten.
Unternehmen investieren mehr im Ausland
Die sinkenden Umsatzerlöse im heimischen Markt und der zunehmende Druck auf die Gewinnsituation der Branche wirken sich stark auf das Investitionsklima am Standort Deutschland aus. So verringern 30 Prozent der befragten BVMed-Unternehmen ihre Investitionen gegenüber dem Vorjahr. Ein Drittel verlagert inzwischen Investitionen ins Ausland, davon 16 Prozent in die USA und 13 Prozent ins EU-Ausland. Besonders die überbordende Bürokratie lässt Unternehmen verstärkt an einen Abschied aus Deutschland denken.
Der wichtigste Grund für die angespannte Geschäftssituation sind die stark steigenden Kosten im deutschen Binnenmarkt. 78 Prozent der Befragten beklagen sich über den zunehmenden bürokratischen Aufwand. 72 Prozent nennen die gestiegenen Personalkosten als größtes Problem. Jeweils 66 Prozent der Unternehmen nennen die steigenden Kosten für Logistik und Transport sowie die gestiegenen Zertifizierungskosten durch die MDR-Implementierung als größte Hürde. Auch die hohen Energiepreise bremsen die Unternehmen aus. „Der Medizintechnik-Standort Deutschland verliert weiterhin deutlich an Attraktivität“, sagte Möll.
Branche fordert Belastungsmoratorium
Die MedTech-Unternehmen fordern von der Politik vor allem einen konsequenten Bürokratieabbau durch ein „Belastungsmoratorium“. Zudem müsste die MDR („Medical Device Regulation“) der EU nach Meinung der Teilnehmenden dringend weiterentwickelt und verbessert werden. Dazu habe der Verband inzwischen einen rund 100-seitigen Katalog zur MDR-Überarbeitung erstellt. 83 Prozent der Unternehmen wünschen sich dabei vor allem weniger Bürokratie. 65 Prozent erwarten vorhersehbare und klare Fristen, 57 Prozent berechenbare Kosten. Zudem geht es um eine konsequente Reduktion der regulativen Vorgaben der MDR.
Überhaupt sorgt die MDR für steigenden Verdruss der Branche, weil sie eine ungehemmte Regulierungswut verursache und den Zertifizierungsprozess verkompliziere und verlangsame. Vor Einführung der MDR war laut Verband die Zertifizierung in Europa einfacher und jener in den USA überlegen. Nun habe sich das aber „komplett gedreht“, kritisierte Möll. Das belegt auch die Herbstumfrage. Laut dieser bevorzugt inzwischen eine deutliche Mehrheit von 67 Prozent der Unternehmen das FDA-System in den USA. Auch weil die Umstellung auf die MDR enorm teuer ist. Laut Möll koste die Branche die Umsetzung sieben bis zwölf Milliarden Euro.
Angesichts der zunehmenden Krisenzeichen fordert die Branche ein entschiedenes Gegensteuern der Politik und ein klares „Bekenntnis zum Medizintechnik-Standort Deutschland“. Neben wettbewerbsfähigen Energiepreisen brauche es unter anderem eine Reform der Unternehmenssteuer, eine konsequente Entbürokratisierung sowie schnellere Genehmigungsprozesse. Zudem fordert die Branche eine eigenständige MedTech-Strategie. „Wir brauchen ressortübergreifend abgestimmte Maßnahmen, die das Versprechen aus dem Koalitionsvortrag, den MedTech-Standort Deutschland zu stärken, endlich umsetzen“, forderte der BVMed-Vorstandsvorsitzende Mark Jalaß.
Und er verlangte, mehr Druck auf die neue Europäische Kommission auszuüben, um die MDR rasch zu verbessern. Ziele seien unter anderem, die fünfjährige Re-Zertifizierungspflicht für alle Medizinprodukte abzuschaffen, das Regulierungssystem um Sonderregelungen für innovative Produkte („Orphan Devices“) sowie Nischenprodukte zu erweitern.








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