
„Dieses Jahr sind wir unserem Ziel in 2026 leasingfrei zu werden, durch eine Vielzahl von Maßnahmen schon einen großen Schritt nähergekommen“, so beginnt ein kleiner Linkedin-Eintrag im Oktober 2025 von Carla Eysel, Vorstand für Personal und Pflege an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Das Senken der Leasingraten an der Charité wurde nötig, weil im Januar 2022 neue gesetzliche Regelungen in Kraft traten, etwa zu Personaluntergrenzen. Zudem hatte das Klinikunternehmen gerade einen Tarifvertrag mit Verdi abgeschlossen, der ähnliche Vorgaben enthielt. In der Folge fehlten plötzlich rund 700 Fachkräfte in der Pflege. Diese Stellen mit Leasingkräften zu besetzen, wäre zu teuer gewesen.
Die Leasing-Zahlen der Charité waren in der Pflege bis 2022 auf rund zehn Prozent gestiegen. Darunter befand sich auch viel Ad-hoc-Leasing, welches besonders hohe Kosten verursacht. Zudem entstanden viele Probleme: Kollegen, die immer nur kurz da waren, kannten die Wege und Abläufe nicht, die Patienten nicht, deren Krankheitsbilder nicht. Sie mussten jeweils im Einzelfall vorab eingearbeitet werden. Patienten auf Stationen litten darunter, ständig neue Gesichter zu sehen und neu zu fragen.
2023 schaltete die Charité eine eigene Plattform mit neuer Höchstdauer des Leasings von einem Jahr und eigenen Vergaberichtlinien für die Bewerber. Darin wurden Kosten entschieden gedeckelt, eine bessere Qualität der Arbeitskräfte gefordert und die Kündigungsfrist für die Klinikseite günstiger gestaltet.
710 neue Vollzeitkräfte
Parallel dazu baute die Berliner Universitätsmedizin von Dezember 2021 bis heute 710 Vollzeitkräfte auf. Die Ausbildungszahlen in der Pflege wurden auf 1000 Azubis an den drei Campi erhöht. Sogenannte Praxisanleiter nehmen „die Neuen“ unter ihre Fittiche und vermitteln bei laufendem Betrieb alles Wichtige für die Praxis.
Für ein gesundes Verhältnis von einem Praxisanleiter zu zwei Lernenden musste die Anzahl der Praxisanleiter stark erhöht werden. Extra dafür etablierte die Charité eine Personalentwicklung für Ausbilder. 2021 startete der Studiengang „Pflegewissenschaften“, der seit 2024 als duales Studium finanziert wird. Wissenschaft im Studium, Praxis in der Klinik – eine Win-Win-Situation, die in einer Übernahmequote von fast 95 Prozent der Pflegefachkräfte aus dem Studium mündet.
Wir haben die Kolleginnen für uns begeistert.
So viele Azubis, Studenten und ausländische neue Fachkräfte im Haus zu haben, bedarf jedoch auch „einer sehr engen Begleitung auch durch die Ärztinnen und Ärzte, wenn wir Akademiker in der Pflege haben wollen“, sagt Personalchefin Eysel. Über 400 Mitarbeiter, Stationsleitungen, Oberärzte, Klinikdirektoren, wurden deshalb mithilfe neuer Module geschult.
Der Leasing-Anteil liegt jetzt nur noch bei knapp fünf Prozent – im nächsten Jahr sollen es nur noch maximal 2,5 Prozent sein. Auf den Intensivstationen am Campus Charité Mitte ist man schon fast und auf einer Station komplett leasingfrei. Am Campus Virchow-Klinikum ist der OP leasingfrei. Neben neu angeworbenen ausländischen Fachkräften und selbst ausgebildeten Pflegenden sind ein Drittel der Mitarbeiter aus dem Leasing übernommen worden.
„Wir haben die Kolleginnen für uns begeistert“, sagt Carla Eysel. „Nicht immer zählt nur etwas mehr Lohn in der Tasche, sondern auch Kontinuität, betrieblicher Vermögensaufbau, gleichbleibende Kollegen, auf die Verlass ist, und mehr eigene Sicherheit bei allen Abläufen.“
Drei Fragen an Carla Eysel:
kma: Welche Rolle spielen genügend eigene Pflegekräfte bei der Patientensicherheit?
Carla Eysel: Es gibt nachweislich weniger Stürze älterer sowie pflegebedürftiger Patienten, die Raten von Wundentzündungen gehen zurück, die Sterblichkeit ist geringer und der Drehtüreffekt wird begrenzt.
Wie finden Sie geeignete Fachkräfte im heiß umkämpften Markt?
Wir nutzen stark die internationale Akquise und haben uns von Agenturen verabschiedet. Ein eigenes Team aus neun Vollzeitkräften sucht passende Pflegekräfte im Ausland selbst aus. Die Mitarbeiter reisen dorthin, führen Gespräche mit Bewerbern, häufig in der Botschaft, nehmen die Bewerber hier am Flughafen in Empfang, kümmern sich um eine erste Wohnung in der Stadt, vermitteln mit den Behörden.
Zusätzlich bieten wir eigene Sprachkurse und Wissensvermittlung über unsere Kultur. Von der Anreise bis zum Arbeitsbeginn sind es bei uns in der Regel nur 12 Monate.
Was verändert sich im Haus durch die eigenen festen Pflegekräfte?
Pflegekräfte, die ein gut funktionierendes Team bilden, sind untereinander, mit den ärztlichen Kollegen vertraut, können systematisch weitergebildet werden. Davon profitieren Patienten und Mitarbeiter, weil das Arbeiten in einem professionellen Team Spaß macht. Das senkt Ausfallzeiten und spart Geld.
Unser eigenes Personal vom Recruiting, aber zum Teil auch Ärzte, reisen mit ins Ausland und können sich die künftigen Mitarbeiter selbst aussuchen. Und: Die ausländischen Fachkräfte haben oft einen Bachelor- oder Master-Abschluss, weil die Pflege dort lange akademisiert wurde, bevor es bei uns in Deutschland so weit war.
Leasing wird in den nächsten Jahren immer teurer
Für Leasing-Personal können Mehrkosten – je nach Region – bis zu 40.000 Euro pro Jahr für eine Vollzeitkraft entstehen. Seit März 2025 ist das Leih-Personal durch gestiegene Stundensätze noch einmal teurer. Die Strategien vieler Kliniken für weniger Leasing reichen von aktiver Rekrutierung (eigene Bindungsprogramme, Anreizpakete), Pool- und Springer-Tools, über Kooperationen mit Personalvermittlern bis zum gezielten Ausbau von Ausbildungskapazitäten.
Einige Häuser setzen auf Boni und bessere Dienstpläne, um interne Festanstellungen attraktiver zu machen. Eine Lobbyarbeit für strukturelle Finanzierungslösungen ist für viele Kliniken jedoch unerlässlich, um die Pflege weiterhin stemmen zu können.
Klarer Trend weg vom Leasing
Im Pflegebudget Benchmark 2024 berichtet Pricewaterhouse Coopers International von einem durchschnittlichen Anteil der Leiharbeit an Vollzeitkräften in deutschen Kliniken von 3 bis 3,5 Prozent (vor 2020). Die Leiharbeitsquote stieg im Zeitraum von 2020 bis 2023 auf knapp fünf Prozent und sank 2024 auf rund 4,5 Prozent.
Der Grund dafür: Seit 2023 bauen viele Kliniken eigenes Stammpersonal auf. Die Einführung der generalistischen Pflegeausbildung im Jahr 2020 brachte laut Deutscher Krankenhausgesellschaft im Jahr 2023 erstmals eine nennenswerte Zahl an Pflegekräften auf den Arbeitsmarkt. Diese Entwicklung könnte langfristig zu einer Stabilisierung der Fachkräftebasis führen.
Noch ist der Markt aber „leergefegt“ und es dauert noch einige Jahre bis zur „Sättigung“. Deshalb stellt sich der Anteil der Leiharbeit derzeit je nach Bundesländern, Regionen und bei den Klinik-Trägern unterschiedlich dar. In strukturschwachen Regionen bzw. Ballungsgebieten mit hoher Konkurrenz sind Leihkräfte weiter gefragt.
Über Förderprogramme, Personalbemessung und Landesaufträge steuern die Bundesländer teils unterschiedlich. Vor allem zur kurzfristigen Deckung von Personalengpässen (Pflege, OP-Fachkräfte, Intensiv) und für eine flexible Schichtabdeckung braucht es noch immer Leiharbeit.








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