Georg Thieme Verlag KGGeorg Thieme Verlag KG
Georg Thieme Verlag KGGeorg Thieme Verlag KG

Reaktionen„Der Bund bestellt, weigert sich aber zu bezahlen“

Klinikvertreter schlagen Alarm: Das Sparpaket von Ministerin Nina Warken trifft Häuser mitten im Reformprozess. Während der GKV‑Spitzenverband Ausgabenbremsen fordert, warnen Träger und Verbände vor kaltem Strukturwandel.

Kritik
Dilok/stock.adobe.com
Symbolfoto

Das von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vorgestellte Sparpaket zur Stabilisierung der Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sorgt für erheblichen Widerspruch in der Krankenhauslandschaft. Klinikträger und Verbände warnen davor, dass die geplanten Ausgabenbegrenzungen die wirtschaftliche Lage vieler Häuser weiter verschärfen und den laufenden Reformprozess gefährden könnten. Unterstützung erhält die Ministerin hingegen vom GKV‑Spitzenverband, der in den Plänen einen überfälligen Kurswechsel sieht.

Kliniken sehen Existenzrisiken

Besonders deutlich fällt die Kritik bei Agaplesion aus. Vorstandschef Dr. Markus Horneber spricht von einem „tiefen Einschnitt in die Krankenhausfinanzierung“, der die Trägervielfalt in Deutschland gefährde. Bereits heute seien rund zwei Drittel der Krankenhäuser defizitär. „Wo die Gesundheitsministerin Sparpotenziale sieht, entzieht sich meiner Vorstellungskraft“, kritisiert Horneber. Die Vorschläge liefen aus seiner Sicht auf eine „kalte Strukturbereinigung“ hinaus, die vor allem freigemeinnützige Träger treffe. Kommunale Krankenhäuser könnten Verluste zumindest teilweise über öffentliche Mittel ausgleichen, andere Träger hätten diese Möglichkeit nicht. 

Wo die Gesundheitsministerin Sparpotenziale sieht, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.

Zugleich kritisiert Horneber den Widerspruch zwischen steigenden regulatorischen Anforderungen und fehlender Finanzierung. Vorgaben zu Personalbesetzung oder Qualität würden politisch verbindlich gemacht, ohne dass die Refinanzierung sichergestellt sei. „Der Bund bestellt, weigert sich aber, die Rechnung zu bezahlen“, so der Konzernchef.

Warnung vor „Vollbremsung im Reformprozess“

In dieselbe Richtung argumentiert der Deutsche Evangelische Krankenhausverband (DEKV). Vorsitzender Christoph Radbruch betont, dass die Stabilisierung der GKV zwar richtig und notwendig sei, die vorgesehenen Begrenzungen der Vergütungsentwicklung die Kliniken jedoch in einer hochsensiblen Phase träfen. Die Krankenhäuser befänden sich mitten in der Umsetzung der Krankenhausreform. Warkens Sparpläne wirkten daher wie eine „Vollbremsung im Reformprozess“.

Das wirkt wie eine Vollbremsung mitten im Reformprozess.

Der wirtschaftliche Druck steige weiter, während gleichzeitig enge regulatorische Vorgaben die Anpassungsfähigkeit begrenzten. Der politisch gewollte, gesteuerte Strukturwandel drohe so in einen unkontrollierten Prozess umzuschlagen – mit möglicherweise negativen Folgen für die Versorgung. Effizienzsteigerungen seien unter den bestehenden Rahmenbedingungen vielfach nicht realisierbar, betont der Verband. Der DEKV fordert daher flexiblere Personalvorgaben, weniger Bürokratie und realistische strukturelle Spielräume, um die Transformation aktiv gestalten zu können.

GKV‑Spitzenverband unterstützt Kurswechsel

Deutlich anders bewertet der GKV‑Spitzenverband (GKV-SV) die Pläne der Ministerin. Vorstandsvorsitzender Oliver Blatt begrüßt ausdrücklich, dass die Einnahmeentwicklung der Krankenkassen künftig Maßstab für die Ausgaben sein soll. Dies bedeute einen „lang ersehnten Paradigmenwechsel“: Nicht mehr die Beiträge liefen den Ausgaben hinterher, vielmehr müssten sich Honorare, Medikamentenpreise und Vergütungen an den realen finanziellen Möglichkeiten der Beitragszahler orientieren.

Wir begrüßen den Grundsatz, dass künftig ausschließlich Leistungen bezahlt werden dürfen und müssen, die nachweislich einen Nutzen für Patienten haben.

Aus Sicht des Verbandes sei genug Geld im System. Die gesetzlichen Krankenkassen gäben täglich über eine Milliarde Euro für die Versorgung von rund 75 Millionen Versicherten aus. Allein im vergangenen Jahr seien die Krankenhausausgaben um fast zehn Prozent gestiegen. „Das ist sehr viel Geld, das muss reichen“, betont Blatt. Gleichzeitig weist der Verband den Vorwurf zurück, die Qualität der Versorgung stehe zur Disposition. Bezahlt werden sollten künftig nur Leistungen mit nachweislichem Nutzen für Patientinnen und Patienten.

Gemeinsamer Kritikpunkt: versicherungsfremde Leistungen

Trotz der unterschiedlichen Grundhaltung teilen Krankenkassen und Kliniken einen zentralen Kritikpunkt: die Finanzierung versicherungsfremder Leistungen. Sowohl der DEKV als auch der GKV-SV bemängeln, dass die medizinische Versorgung von Bürgergeldempfängern weiterhin überwiegend aus Beitragsmitteln finanziert wird. Der GKV-SV spricht von einer „groben sozialen Ungerechtigkeit“ und hält die derzeitige Regelung für rechtswidrig. Eine vollständige Finanzierung aus Steuermitteln würde die GKV deutlich entlasten – wird im aktuellen Reformpaket jedoch nicht aufgegriffen.

Kliniken fordern Dialog und realistische Rahmenbedingungen

Während der GKV-SV rasche politische Entscheidungen anmahnt, fordern die Klinikvertreter einen intensiveren Dialog mit der Versorgungspraxis. Nicht das Ziel der Ausgabenstabilisierung werde infrage gestellt, sondern der Weg dorthin. Aus Sicht der Krankenhäuser drohen andernfalls strukturelle Einschnitte, die weniger das Ergebnis einer geplanten Reform als vielmehr von wirtschaftlichem Zwang wären.

Sortierung
  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Jetzt einloggen