
Angesichts einer verschärften Sicherheitslage und hybrider Bedrohungen stand das deutsche Gesundheitswesen am 5.März im Fokus der dritten Kritis-Fachtagung am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). Experten aus Politik, Medizin und Bundeswehr diskutierten unter dem Leitthema „Das Gesundheitswesen in der Gesamtverteidigung: resilient und sicher“, wie Krankenhäuser und Infrastrukturen gegen Cyberangriffe, Sabotage und militärische Konflikte geschützt werden können.
Alle sind sich einig: Es bleibt keine Zeit mehr. Immer wieder wurde seitens der Referenten – aber auch aus dem Publikum – verlangt, endlich ins Tun zu kommen und nicht auf das von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) angekündigte Gesundheitssicherstellungsgesetz zu warten.
Wenn Krankenhäuser nicht funktionieren, funktioniert die ganze Schutzfunktion des Staates nicht.
Die Referierenden forderten vor vollem Haus immer wieder eine engere Verzahnung von ziviler und militärischer Vorsorge. „Wenn Krankenhäuser nicht funktionieren, funktioniert die ganze Schutzfunktion des Staates nicht“, sagte Dr. Iris Hauth, Vorsitzender der Gesundheitsstadt Berlin, bei ihrer Begrüßung. Sie sprach sich außerdem dafür aus, auch die Bevölkerung resilienter zu machen. Klar war allen Beteiligten zudem, dass ein resilientes, sicheres Gesundheitssystem nur gemeinsam gelingen kann. „Zivile und militärische Strukturen müssen als integriertes System gedacht werden. Gesundheit ist eine Säule davon“, mahnte die Berliner Gesundheitssenatorin Dr. Ina Czyborra (SPD).
Und hier ist noch Luft nach oben. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) erklärte vor Kurzem auf der Münchner Sicherheitskonferenz, dass das deutsche Gesundheitssystem derzeit nur bedingt auf den Ernstfall vorbereitet sei. Prof. Djordje Nikolic, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Accenture, drückte es noch drastischer aus: „Es zählt nicht der Weg, sondern nur das Ergebnis. Und hier sind wir bei Null. Wir sind weit weg von dem, was wir wirklich brauchen.“
Die Kernpunkte der Tagung
Hybride Bedrohungslage: Seit dem Angriff auf das Berliner Stromnetz im Januar 2026 ist die Verwundbarkeit der kritischen Infrastruktur (KRITIS) offensichtlich. Experten forderten eine nationale KI-Referenzarchitektur und digitale Plattformen, zur effizienteren Patientensteuerung im Krisenfall – und deren Finanzierung. Markus Holzbrecher-Morys, Geschäftsbereichsleiter Digitalisierung & eHealth bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft, ist sich sicher, dass „auch das Cybersicherheits-Förderpaket nicht für alle Kliniken reichen“ werde und mahnte daher Kooperationen an.
Gesamtverteidigung: Ein zentraler Punkt war die Harmonisierung zwischen ziviler und militärischer Hilfe. Um im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben, müssten Kliniken nicht nur medizinisch, sondern auch technisch (Notstrom, Lieferketten) autark agieren können. Das gelinge schon mit einfachen Mitteln, erklärte Nikolic. Aber auch die gemeinsame Übung von ziviler und militärischer Seite wurde immer wieder angesprochen. Berlin scheint hier eine Vorreiterrolle einzunehmen. Nicht nur dass die große Quadriga Übung der Bundeswehr, die zeitgleich mit der Fachtagung stattfand, in Berlin und Brandenburg ausgerichtet wurde. Auch die Tatsache, dass die Berliner Krankenhäuser schon im vergangenen Jahr einen Rahmenplan zur zivilen Verteidigung vorgestellt haben und diesen als Blaupause für andere Kliniken zur Verfügung stellen, lässt die Hauptstadt eine Vorreiterrolle einnehmen.
Patientensteuerung: Im Fokus der Fachtagung stand auch die Frage, wie das fragmentierte deutsche Gesundheitssystem im Falle von Massenanfällen von Verletzten (MANV) koordiniert werden kann, um eine schnelle Versorgung zu gewährleisten. Schnelle digitale Informationsflüsse seien notwendig, um Patietenströme dahin zu steuern, wo Kapazitäten sind, sagte Prof. Leif Erik Sander, Direktor der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin der Berliner Charité und Mitglied des Expertenrats Gesundheit und Resilienz der Bundesregierung. Er plädierte für eine nationale Health-Security-Strategie und einen Nationalen Rat, die mit einem ganzheitlichen Auge auf die Thematik blicken. Außerdem ging es darum, dass das Vertrauen der Bevölkerung in das Gesundheitssystem gestärkt werden müsse, so Czyborra. Denn die Strategie einer Gesamtverteidigung sei nicht nur eine Frage der militärischen Abschreckung, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dafür müsse aber auch die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gestärkt werden.
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Praxis und Politik: Quadriga und Dachgesetz
Die Relevanz der Tagung wird durch aktuelle Ereignisse unterstrichen: Parallel dazu erprobt die Bundeswehr noch bis Samstag, 7. März, in der Großübung „Medic Quadriga 2026“ die gesamte Rettungskette vom Baltikum bis in deutsche Krankenhäuser, wobei unter anderem die Verlegung von hunderten Verwundeten über den Flughafen BER und die Verteilung auf Kliniken wie die Charité und das ukb simuliert wird.
Ziel dieser Übung ist es, die medizinische Rettungskette realitätsnah zu erproben, und zu zeigen, „dass militärische Verwundetenversorgung und entsprechende zivile Beiträge für eine erfolgreiche Gesamtverteidigung Hand in Hand arbeiten können“, erklärte Giulio Gullotta, Leiter der Abteilung Zivilschutzausstattung im Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BBK).
Während in Berlin die Praxis geübt wurde, hat sich am 6. März der Bundesrat abschließend mit dem KRITIS-Dachgesetz befasst. Das Gesetz soll erstmals bundesweit einheitliche Mindeststandards für den physischen Schutz kritischer Anlagen festlegen und Betreiber zu Risikoanalysen sowie detaillierten Resilienzplänen verpflichten.
Grundsätzlich zählen Einrichtungen und Kliniken zu kritischen Infrastrukturen, die mehr als 500.000 Menschen versorgen. Dies stieß schon im vergangenen Herbst in der Länderkammer auf Kritik. Sie plädierte auf eine Absenkung des Schwellenwertes auf 150.000 Personen. Der Bundesrat verzichtete dennoch auf die Anrufung des Vermittlungsausschusses und stimmte dem Gesetz zu, forderte jedoch Nachbesserungen.








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