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Immanuel KrankenhausWas können Kliniken aus dem Berliner Blackout lernen, Herr Noack?

Am 3. Januar legte ein mutmaßlich linksextremer Brandanschlag in Berlin großflächig die Stromversorgung lahm. Auch das Immanuel Krankenhaus war betroffen. Welche Lehren zieht Geschäftsführer Roy J. Noack, der in dem Gebiet auch selbst wohnt?

Roy J. Noack
Immanuel Albertinen Diakonie
Roy J. Noack ist seit 2011 Geschäftsführer des Immanuel Krankenhauses Berlin.

Als im Berliner Südwesten am 3. Januar für rund 45.000 Haushalte und mehr als 2200 Unternehmen der Strom ausfiel, war Roy J. Noack gleich doppelt involviert. Es war ein Samstagmorgen. Der Geschäftsführer des Immanuel Krankenhauses Berlin wohnt mit seiner Familie in dem betroffenen Gebiet, und auch der Standort Wannsee seines Krankenhauses liegt mittendrin.

Wie kritisch war die Situation, Herr Noack?

Roy J. Noack: Im Krankenhaus selbst war es zu keinem Zeitpunkt kritisch. Die Patientensicherheit war immer gegeben, weil alle patientennahen notwendigen Stromversorgungen durch das Notstromaggregat bedient wurden, das sofort angesprungen ist.

Mussten Sie Angebote einschränken?

Nein, wir konnten bei den Patienten alle Behandlungen und Therapien durchführen. Auch die notwendige Diagnostik funktionierte. Aber es war natürlich ein Vorteil, dass es am Wochenende passiert ist, wenn der reguläre OP-Betrieb lediglich auf Notfälle reduziert ist. Wir operieren überwiegend elektiv. Wären Not-OPs nötig gewesen, hätten wir die Patienten verlegen müssen, da man aus Sicherheitsgründen unter Notstrom nicht operiert.

Der Standort Wannsee des Immanuel Krankenhauses Berlin ist ein Fachkrankenhaus für Rheumatologie, Osteologie, Orthopädie und Naturheilkunde mit 180 Betten und 270 Mitarbeitenden. Jährlich werden rund 5000 stationäre und 15.000 ambulante Patienten betreut.

Das Haus ist eine Einrichtung der Immanuel Albertinen Diakonie, zu der unter anderem sechs Krankenhäuser in Berlin-Brandenburg und Hamburg gehören – neben den zwei Standorten des Immanuel Krankenhauses in Wannsee und Buch auch die Immanuel Klinik Rüdersdorf, das Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg sowie das Albertinen Krankenhaus und das Evangelische Amalie Sieveking Krankenhaus in Hamburg.

Haben Sie eine Evakuierung vorbereitet?

Das war nicht notwendig, denn wir waren sicher, dass alles Nötige funktioniert. Auch unsere komplette IT-Struktur sowie die Telefonanlage liefen über Notstrom. Wir konnten zumindest über Festnetz telefonieren und hatten Zugriff aufs Internet. Dadurch haben uns auch alle Informationen von Stromnetz Berlin, dem Netzbetreiber, immer schnell erreicht.

Wie lange waren Sie im Endeffekt vom regulären Netz getrennt?

Gut 24 Stunden – am Sonntag waren wir wieder provisorisch an das Stromnetz angebunden. Es hat sich ausgezahlt, dass unser Haustechniker für den Standort auf dem Gelände wohnt und dass wir das Notstromaggregat einmal im Monat überprüfen. Dieser regelmäßige Test ist zwar auch immer eine Belastung, denn wenn dieser 770-PS-Schiffsdiesel anspringt, rußt der auch ordentlich raus. Aber es hat sich bewährt.

Für welche Zeit könnten Sie eine solche Situation durchhalten?

Es ist schwierig, das genau abzuschätzen, aber wir haben das entsprechend gemonitort. Als es am Samstagmittag hieß, der Ausfall werde bis Donnerstag dauern, hat unsere Haustechnik in einem Baumarkt in Potsdam Kanister gekauft und somit eine Notreserve Diesel beschafft. So wären wir bis Montag über die Runden gekommen. Die nötige Nachtankung erfolgte dann direkt am Montagvormittag. Unser Tank war also schon wieder voll, als die Bundeswehr am Dienstag anbot, Diesel zu liefern.

Wir brauchen alternative Lösungen für die Kommunikation.

Wie war die Stimmung im Haus?

Sehr gut. Die Mitarbeitenden fühlten sich sicher, weil das Notstromaggregat funktioniert hat. Es waren Licht und Heizung da, die EDV und damit die digitale Patientenakte funktionierte, wir konnten die Patienten versorgen. Zudem war es mir wichtig, Ruhe auszustrahlen, Sicherheit zu geben und auch zu kommunizieren, dass wir die Lage im Griff haben. Deshalb war ich viel unterwegs bei allen Bereichen, die am Samstag Dienst hatten. Auch die Patienten waren zufrieden, dass sie es warm hatten, es Licht gab und alles funktionierte.

Sie konnten sogar zusätzlich 13 Gäste aus dem Diakonie Hospiz Wannsee aufnehmen.

Die Einrichtung gehört ebenfalls zur Immanuel Albertinen Diakonie und war dort, wo sie wegen Sanierungsarbeiten zurzeit übergangsweise untergebracht ist, nicht mit Notstrom versorgt. Als die Anfrage kam, war es für uns selbstverständlich, die 13 Gäste aufzunehmen. Wir haben eine halbe Station bereitgestellt und die Pflegekräfte des Hospizes unterstützt. Durch den großen Einsatz aller Beteiligten hat das schnell und reibungslos funktioniert.

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Was ist nicht gut gelaufen an diesen Tagen?

Ein Problem ist die Kommunikation, wenn auch der Mobilfunk ausfällt. So waren einige Beschäftigte nicht erreichbar – mich eingeschlossen, denn ich wohne mit meiner Familie in der Nähe und war auch privat betroffen. Ich konnte gar nicht informiert werden. Ich habe dann am Samstagmorgen festgestellt, dass zu Hause nichts funktionierte, und bin sofort in die Klinik gefahren, um die Einsatzleitung zu übernehmen.

Welche Lehren ziehen Sie für die Zukunft?

Ich fühle mich bestätigt, dass wir die monatlichen Testläufe des Notstromaggregats haben. Dazu kann ich nur allen raten. Es braucht auch eine Checkliste, woran man denken muss, und der Austausch zwischen den Häusern ist wichtig. Wenige Tage nach dem Anschlag etwa gab es ja noch einmal eine ähnliche Drohung für den Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Da rief mich eine Kollegin an und fragte, was bei uns gut gelaufen sei und woran sie denken müsse?

Was konnten Sie ihr raten?

Wir haben zum Beispiel entschieden, die energieintensiven Kochbereiche nicht an den Notstrom anzuschließen. Stattdessen haben wir die Versorgung mit warmen Speisen kurzfristig extern über die Johannesstift Diakonie gelöst, mit der wir in dem Bereich ohnehin kooperieren. Zudem haben wir Samstagmittag noch einen Kühl-Lkw organisiert, um die Lebensmittel aus den Tiefkühlern und Kühlräumen sicher lagern zu können.

Immanuel Krankenhaus Berlin, Standort Wannsee
Immanuel Albertinen Diakonie
Leuchtende Ausnahme: Durch sein Notstromaggregat war das Immanuel Krankenhaus Berlin – anders als Zehntausende Haushalte in der Umgebung – durchgehend mit Strom versorgt.

Werden solche Erfahrungen dem gesamten Verbund zugute kommen? 

Ich werde direkt bei unserem monatlichen Treffen aller Geschäftsführenden der Krankenhäuser der Immanuel Albertinen Diakonie darüber berichten. Zudem werden wir mit unserem Qualitätsmanagement, dem Brandschutzbeauftragten und der Haustechnik noch einmal alles aufarbeiten, die Alarmierungspläne entsprechend ergänzen und erweitern und die Erfahrungen auch im Verbund weitertragen. Darüber hinaus gibt es eine IT-Arbeitsgruppe aller evangelischen Krankenhäuser in Berlin-Brandenburg, die sich regelmäßig trifft. Da war der Stromausfall auch schon Thema: Woran muss man in Sachen IT denken? Welche Serverräume muss man wie absichern? Werden die Server weiter gekühlt? Darüber tauschen wir uns in der Region Berlin-Brandenburg, unabhängig von der Trägerschaft, intensiv aus.

Wo wünschen Sie sich für die Zukunft eine noch bessere Vorbereitung?

In diesem Fall war es ja kein Problem, ins Umland zu fahren, um sich in irgendeiner Form zu versorgen. Aber wenn eine größere Fläche betroffen wäre, müssten Bund und Länder zum Beispiel sicherstellen, dass es konkrete Dieselvorräte gibt, um die Notstromaggregate am Laufen zu halten. Und alle müssen erkennen, dass bei einem Stromausfall auch die Handymasten nicht versorgt werden und wir keinen Mobilfunk haben. Da müssen wir uns auf jeden Fall Gedanken über alternative Kommunikationslösungen machen.

Was hat Sie in diesen Tagen am meisten beeindruckt?

Wie gut unser Team in einer so herausfordernden Situation funktioniert hat und dass zu keiner Zeit eine Panik aufkam. Und auch diese große Hilfsbereitschaft, die Solidarität auch von anderen – das war für mich wichtig.

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