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Überraschung in StuttgartOliver Hildenbrand folgt auf Manne Lucha

Vom Parteichef zum Krisenmanager: Der Grünenpolitiker Oliver Hildenbrand übernimmt das Sozialministerium in Stuttgart. Der 38-Jährige folgt auf Manfred Lucha und muss nun Pflegenotstand und Klinikreform managen. 

Oliver Hildenbrand, Gesundheitsminister Ba-Wü, Grüne
Lena Lux
Von 2013 bis 2021 war Oliver Hildenbrand Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg.

Es ist ein Generationenwechsel mit Ansage – und doch eine Überraschung. Wenn in diesen Tagen das Kabinett unter dem neuen Ministerpräsidenten Cem Özdemir (Die Grünen) in Stuttgart zusammenkommt, nimmt auf der Regierungsbank ein Mann Platz, der bisher als der Stratege im Hintergrund und Verfechter der Demokratie galt: Oliver Hildenbrand. 

Mit 38 Jahren übernimmt der gebürtige Wertheimer das Mammutressort für Soziales, Gesundheit und Integration. Er folgt damit dem grünen Urgestein Manfred Lucha, der das Amt ein Jahrzehnt lang mit einer Mischung aus oberschwäbischem Eigensinn und hemdsärmeliger Art geprägt hat. Hildenbrand ist anders – leiser, analytischer, aber ebenso entschlossen.

Ein Psychologe fürs System

Dass Hildenbrand in Bamberg und Bonn Psychologie studiert hat, ist mehr als eine biografische Randnotiz. Es prägt sein Politikverständnis. „Psychologie und Politik – das passt wunderbar zusammen“, schreibt er auf seiner Webseite. Es gehe darum, was Menschen bewegt und was es für ein „gutes Leben“ brauche. 

Seine ersten praktischen Erfahrungen im Gesundheitswesen sammelte er nicht in Parteizentralen, sondern während eines Freiwilligen Sozialen Jahres in einer psychiatrischen Klinik. Die Zeit hat ihn geerdet. Er weiß, dass hinter jeder Krankenhausreform und jedem Pflegeschlüssel reale Schicksale stehen. 

Vom Parteichef zum Minister

Hildenbrand durchlief eine Bilderbuchkarriere innerhalb der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Mit 16 Jahren trat er der Grünen Jugend bei und führte von 2013 bis 2021 als Landesvorsitzender die baden-württembergischen Grünen durch die Hochphase der Ära Kretschmann. Seit 2021 sitzt er im Landtag und profilierte sich zuletzt als Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums. 

Dass er nun das Gesundheitsressort übernimmt, kam für viele unerwartet, da er zuletzt stark in der Innen- und Sicherheitspolitik arbeitete. Doch wer Hildenbrand kennt, weiß um seine Leidenschaft für die Sozialpolitik. Er gilt als Vertreter des linken Flügels, bleibt aber pragmatisch genug, um in einer schwarz-grünen Koalition Mehrheiten zu organisieren. 

Hildenbrand geht offen mit seiner Homosexualität um und engagierte sich früh als Sprecher für Queerpolitik. Er ist in zahlreichen Vereinen wie dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, der Aidshilfe Baden-Württemberg und bei Amnesty International – ein Spiegel seiner politischen Schwerpunkte. 

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Die Mammutaufgabe im Ländle

Hildenbrand tritt sein Amt in einer Zeit des Umbruchs an. Der neue Koalitionsvertrag „Gemeinsam stark in stürmischen Zeiten“ zwischen Grünen und CDU zeugt davon und trägt bereits seine Handschrift. Gesundheit, Kliniken und Pflege spielen eine zentrale strategische Bedeutung. Gemeinsam mit seiner neuen Staatssekretärin Petra Krebs, einer gelernten Krankenschwester, muss er Lösungen für den massiven Fachkräftemangel finden und die Kliniklandschaft wirtschaftlich stabil für die Zukunft aufstellen. 

Nach den Erfahrungen der letzten Jahre steht die Vorbereitung auf künftige Gesundheitskrisen ganz oben auf seiner Agenda. Mit Krebs hat Hildenbrand eine Staatssekretärin an seiner Seite, die in allen gesundheitspolitischen Themen sattelfest ist und zuletzt Sprecherin für Soziales, Gesundheit und Pflege in ihrer Fraktion war.

Hildenbrand wandert leidenschaftlich gern und weiß, wie man durchhält, wenn der Anstieg steiler wird. In seinem neuen Amt und angesichts der vielen Herausforderungen wird er diese Ausdauer brauchen.

Neuer Stil in Stuttgart

Während sein Vorgänger Manfred Lucha gerne laut wurde, steht Hildenbrand für einen moderneren, integrativen Stil. Er ist ein exzellenter Netzwerker und gilt als jemand, der zuhören kann – eine Fähigkeit, die ihm im hochkomplexen Geflecht aus Krankenkassen, Ärzteschaft und Pflegeverbänden zugutekommt.

Mit Oliver Hildenbrand bekommt Baden-Württemberg einen Gesundheitsminister, der nicht nur das System verwalten, sondern menschlicher gestalten will. Ob er auch die harten Verteilungskämpfe im Gesundheitssystem gewinnt, wird die erste große Bewährungsprobe seiner noch jungen Ministerkarriere sein.

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