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kma Entscheider BlogAnalog vs. digital − Sprechen wir noch die gleich Sprache?

Das Gesundheitswesen hat in den letzten Monaten Fortschritte in der Digitalisierung gemacht. Dabei überfordern wir die analoge Generation jedoch mit technologischer Innovation und schnelllebigem digitalen Denken. Das spaltet und schwächt Teams.

Tanja Heiß
ID-Native GmbH

Tanja Heiß ist Geschäftsführerin der ID-NATIVE GmbH in Goldbach und Co-Gründerin von Hashtag Gesundheit e.V.

Die Zukunft ist digital – oder nicht?

Endlich erreicht der langersehnte Digitalisierungsschub das Gesundheitswesen. Was in den letzten knapp zwei Jahren aufgrund der Corona-Pandemie gezwungenermaßen beginnen musste, soll in den kommenden Jahren auch durch die neue Bundesregierung forciert werden. Mehr Investitionen in digitale Strukturen und auch das KHZG sollen Wegbereiter sein. Big Data ist nach wie vor ein großer Trend. Das Ziel der Digitalisierung: Mitarbeitende im Gesundheitswesen entlasten und die Patientenversorgung verbessern. Die Digital Natives stehen in den Startlöchern und sind bestens vorbereitet auf KI, Robotik, Sprachsteuerungen und die tägliche Arbeit mit digitalen Devices. Natürlich nur solange wie die Technik auch funktioniert.

Doch mehr und mehr werden auch die Digitalisierungsgegner laut. Menschen, die in den vielen virtuellen Konferenzen zwischenmenschliche Beziehungen vermissen und die der Meinung sind, dass wir verlernen selbst zu denken. Dass unsere Fähigkeit, uns Dinge zu merken, nachlässt, wenn wir auf Hilfsmittel zurückgreifen, ist bereits wissenschaftlich erwiesen. Wir sind kognitiv müde. Ein gewisser Anteil analog ist also aus mehreren Gründen unverzichtbar.

Was müssen wir aus der analogen Welt behalten?

Das Gesundheitswesen braucht nicht nur digitales Denken und digitale Kompetenzen. Spätestens seit den großen Hackerangriffen oder Systemausfällen wissen wir, dass eine Klinik im Ernstfall auch wieder mit Stift und Papier funktionieren muss. Dann sind Menschen gefragt, die wissen, wie sie auch ohne digitale Unterstützung ihrer Arbeit am Patienten nachgehen können. Unabhängig von diesen Ausnahmesituationen, sind täglich zwischenmenschliche Kompetenzen gefragt. Aber nicht nur Geduld, Fürsorge und Empathie auch Selbstvertrauen, Kommunikationsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft sind wichtige Schlüsselfaktoren. Viele Mitarbeitende haben diese über ihre jahrzehntelange Berufserfahrung trainiert. Auch besitzen sie ein enormes fachliches und methodisches Wissen um die Abläufe im Krankenhaus. So viele Stunden am Patienten sind eine Schatztruhe voller Erfahrung, die auch in der digitalen Welt dringend benötigt wird.

Wie gelingt die Übersetzung zwischen digitaler Welt und analogen Menschen?

Im Klinikalltag treffen Digital Natives und die Best Ager ständig aufeinander. Der Wissenstransfer könnte so einfach sein, stellt sich aber aus zwei Gründen schwierig da. Beide haben übrigens etwas mit Sprache zu tun. Zum einen haben wir die technologiegeprägte Sprache, die inzwischen viele eigene Fachbegriffe und Formulierungen enthält. Diese einer Person näher zu bringen, die bis vor einem Jahr noch nicht mal eine eigene E-Mail-Adresse am Arbeitsplatz hatte, ist eine Herausforderung.

Die zweite Sprache hat hingegen etwas mit Mindset und Denkmustern zu tun. Die hohe Flexibilität und Agilität, die digitales Arbeiten erfordert kann nicht von heute auf morgen erlernt werden. Ebenso wie es nicht möglich ist 20 Jahre Berufserfahrung mit Patienten, Kolleg*innen und Angehörigen abzurufen, wenn man sie nicht erlebt hat. Was es also braucht, sind Übersetzungen zwischen der digitalen und analogen Welt.

Folgende Punkte sollten dabei betrachtet werden:

  1. Welche Fach- und Methodenkompetenzen können über Trainings, Workshops, Schulungen und Seminaren vermittelt werden? Diese sollten einen möglichst interaktiven Charakter haben, sodass Teilnehmer*innen sich vollständig abgeholt fühlen.
  2. In welchen Bereichen kann Coaching zum Einsatz kommen, um Krisensituationen zu entschärfen oder den Blick weg von Problemen hin zu gemeinsamen Zielen zu richten?
  3. Wie können Teams divers zusammengestellt werden, um sich durch unterschiedliche Erfahrungen gegenseitig weiterzubringen?
  4. Welche Plattformen können geschaffen werden, in denen bewusst beide Welten aufeinanderprallen dürfen, ohne dass sie negative Auswirkungen im Klinikalltag haben?
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