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kma Entscheider BlogInvestoren in der Versorgung: Innovationstreiber oder Renditegeier?

Der Gesundheitssektor bietet ein attraktives Wachstumsfeld, das private Investoren längst für sich entdeckt haben. Treiben die Privaten Innovationen voran oder saugen sie das solidarisch finanzierte System mit horrenden Profiterwartungen aus?

Philipp Köbe

Philipp Köbe ist freiberuflicher Dozent und Unternehmensberater im Gesundheitswesen.

Das Investigativmagazin Panorama der ARD deckte in den vergangenen Wochen mehrere Fälle investorengeführter Praxisketten auf. Es handelt sich dabei um niedergelassene Arztpraxen mit KV-Sitz, vorwiegend im Bereich der Augenheilkunde. Es steht die Tatsache im Raum, dass private Investoren massiv Arztpraxen mit KV-Zulassung an attraktiven Standorten in Deutschland aufgekauft haben und dies auch weiterhin fortsetzen werden. Der heikle Punkt dabei ist die Erwartung des Investors möglichst hohe Renditen aus diesem Geschäft erzielen zu wollen. Konkret heißt das, die Arztpraxen werden auf Profit getrimmt. Da es sich um Praxen mit einer Zulassung der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) handelt, würden diese Profite aus dem solidarisch finanzierten gesetzlichen Krankenversicherungssystem abfließen.

Inhabergeführte Arztpraxen mit Gewinnerzielungsabsicht

Zunächst muss eine grundsätzliche Tatsache festgehalten werden, die auch schon an anderer Stelle angesprochen wurde. Menschen die in freien Gesundheitsberufen einer Tätigkeit in der Gesundheitsversorgung nachgehen sind de facto als Unternehmerinnen oder Unternehmer anzusehen. Somit ist jede niedergelassene Ärztin, jede freiberufliche Hebamme oder jeder Inhaber einer Physiotherapiepraxis unternehmerisch tätig. Dies schließt eine Gewinnerzielungsabsicht ein. Gewinne mit Gesundheitsleistungen zu realisieren ist demnach zunächst nicht verwerflich. Besonders zu berücksichtigen ist hier das unternehmerische Risiko, das diese Personen mit ihrer Entscheidung tragen einem freien Beruf nachzugehen, eigene Mitarbeitende einzustellen und im stark regulierten Gesundheitsmarkt tätig zu sein. In der Unternehmenswelt gilt grundsätzlich, je höher das Risiko ist, desto höher sollte der Profit sein. Mit steigender Komplexität und steigender Regulierung steigen natürlich auch die Risiken.

Investoren in der Arztpraxis

Welche Rollen nehmen nun investorengeführte Arztpraxen ein? Zunächst dürften nicht alle Fachrichtungen interessant sein, wie auch das Team von Panorama feststellte. Für ein besseres Verständnis sind einige Überlegungen über mögliche Strategien anzustellen. Es werden einzelne Arztpraxen oder Praxisgemeinschaften zu Ketten geformt. Dadurch können Synergien realisiert und Overhead-Funktionen schlank zentralisiert werden.

Zudem ist ein einheitliches Branding unter einer Marke mit gemeinsamen Marketingkampagnen einfacher. Es bietet aber auch die Möglichkeit insbesondere Fachärztinnen zu gewinnen, die nicht freiberuflich tätig und weitestgehend alleinverantwortlich eine Praxis betreiben wollen. Sie können als Angestellte mit der Option einer guten Work-Life-Balance oder einer Teilzeitoption ihren Job machen, ohne sich mit der gesamten Praxisorganisation und Bürokratie auseinandersetzen zu müssen. Das gilt natürlich auch gleichermaßen für männliche Kollegen, die mehr Familienzeit in Anspruch nehmen wollen.

Keine Gefährdung des Outcomes zugunsten hoher Profite

Sollte der Trend nun in diese Richtung gehen, dass zukünftig Ärztinnen und Ärzte auch im ambulanten Sektor ein Angestelltenverhältnis bevorzugen, müssen wir uns fragen, wer die Arztpraxen betreiben soll. Der private Investor hat konkrete Renditeziele. Diese können sich auch negativ äußern, wenn Zielvorgaben zum Leistungsumfang aufgestellt werden, die zum Schaden der zu Versorgenden oder der gesamten Solidargemeinschaft gehen. Im Bericht von Panorama sind diese Praktiken zutage gefördert worden. Dadurch beschädigen die investorengeführten Praxisketten nicht nur das eigene Image, sondern gefährden auch den Ruf der Medizinerinnen und Mediziner in diesen Einrichtungen und das Vertrauen in die Gesundheitsversorgung insgesamt. Profite sind okay, wenn der Outcome von Leistungen und die Patientenversorgung im Mittelpunkt stehen.

Neue Modelle für die ambulante Versorgung

Es gäbe natürlich noch weitere Möglichkeiten, wer im ambulanten Sektor tätig werden könnte. Erstens könnten die Kommunen öffentlich getragene Medizinische Versorgungszentren (MVZ) betreiben. Hier würde das unternehmerische Risiko bei den Kommunen liegen und es müsste ein Management eingesetzt werden, dass sich um den Betrieb der Einrichtung kümmert. Wenn es auch ein kommunales Klinikum gibt, könnte beides zusammen betrieben werden, was auch heute schon vielerorts der Fall ist. Man könnte zweitens den Kliniken mehr Möglichkeiten der ambulanten Versorgung einräumen. Besonders in ländlichen Regionen mit schwacher stationärer Nachfrage, aber Bedarf an ambulanten Leistungen, wären neue ganzheitliche Versorgungsmodelle denkbar. Hier müssten die Vergütungssysteme mehr Spielraum bieten.

Drittens könnte auch eine ganz neue Form des ambulanten Versorgungssettings ausprobiert werden: die genossenschaftliche Praxisgemeinschaft. Hierbei kauft sich jede eintretende Person in die Genossenschaft ein und erhält Anteile. Dafür das die Person in der Praxisgemeinschaft praktiziert, erhält man ein Gehalt und nach Jahresabschluss eine Gewinnbeteiligung. Übergreifende Aufgaben werden zentralisiert und durch ein Management gesteuert. Damit hätte man prinzipiell die gleichen Möglichkeiten, wie eine Praxiskette, ohne jedoch dem Renditedruck folgen zu müssen. Das unternehmerische Risiko wird unterdessen auf alle Genossinnen und Genossen verteilt und infolge der Anstellung können alle dem Beschäftigungsumfang nachgehen, der zum Lebensmodell passt. Das Modell der Praxisketten könnte hierbei sogar ein Vorbild sein, wie diese Einrichtungen sich organisatorisch aufstellen. Investitionsbedarfe könnten auf breiteren Schultern verteilt werden, wodurch sich Finanzierungskonditionen deutlich verbessern dürften. Hier könnten sogar private Investoren bei reinen Finanzierungsvorhaben mit ins Boot geholt werden, ohne dass der Renditedruck auf die gesamte Organisation übertragen wird.

Innovationsräume mit privatem Kapital

Schauen wir zurück auf die Rolle privater Investoren. Wofür würde eine Gesellschaft überdurchschnittliche Rendite rechtfertigen? Unter anderem für überdurchschnittliche Leistungen, wenn auch nur implizit. Wir akzeptieren Millionengehälter für Profifußballer, geben einen vierstelligen Betrag für ein Smartphone aus und gönnen Biontech Millionengewinne infolge der Impfstoff-Bereitstellung. Das geschieht, weil uns die Qualität, das Prestige oder die Freude an den Produkten und Dienstleistungen überzeugen. Übertragen auf die Gesundheitsversorgung würde es bedeuten, dass wir für einen überdurchschnittlich hohen Outcome einer Behandlung mehr Geld ausgeben würden. Denn um diese Innovationen hervorzubringen, sind Investitionen in Forschung und Entwicklung notwendig, sowie teilweise ein sehr hoher Aufwand neue Produkte und Leistungen im Markt zu platzieren. Jeder DiGA-Anbieter kennt das aktuell.

Die meisten DiGA-Unternehmen sind übrigens auch investorenfinanziert und haben Profitinteressen. Wollen wir deswegen keine digitalen Gesundheitsanwendungen bereitstellen und aus dem Solidarsystem vergüten, weil dann Investoren mitverdienen? Die Antwort sollte ganz klar nein sein. Für die Zukunftsfähigkeit des Gesundheitssystems und die Vermeidung von Knappheit in einzelnen Leistungsfeldern müssen wir auch privaten Investoren Möglichkeiten bieten zu investieren, um weiteren Fortschritt zu erreichen. Natürlich müssen die Fehlanreize im System und die Überregulierung dabei berücksichtigt werden. Eine Outcome-orientierte Vergütung ist längst überfällig und würde genau die Investoren ins System holen, die auch Mehrwert-stiftende Leistungen anbieten können.

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