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kma Entscheider BlogKommt mit der Ampel endlich Besserung für die Pflegeberufe?

Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie bedarf es einer Strategie, um Pflegeberufe wieder attraktiv zu machen. Dem Fachkräftemangel gilt es schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen. Doch hat die neue Ampel-Koalition eine Strategie, um das Problem zu lösen?

UHZ Freiburg

Florian Bechtel, Gesundheits- und Krankenpfleger im Universitätsherzzentrum Freiburg - Bad Krozingen und Mitglied bei Hashtag Gesundheit e.V.

Es ist geschafft! Seit gestern ist die neue Ampel-Koalition samt neuem Gesundheitsminister Karl Lauterbach im Amt und kann nun endlich auch inhaltlich die Arbeit aufnehmen. Viele meiner Kollegen in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen und auch ich haben mit großer Spannung erwartet, worauf sich SPD, Grüne und FDP insbesondere im Bereich Gesundheitswesen und Pflege im Koalitionsvertrag einigen konnten. Besonders die Regierungsbeteiligung der Liberalen bereitete mir im Vorfeld ehrlich gesagt einige Bauchschmerzen, da deren viel beschworenes Credo „Der Markt regelt das“ im Gesundheitswesen nur bedingt anwendbar ist – insbesondere in einer Zeit, in der viele Kliniken und vor allem das dort arbeitende Personal an der Belastungsgrenze und vielerorts schon weit darüber hinaus agieren.

Angemessene Personalbemessung und ihre Konsequenzen

Der frisch gebackene Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat sicherlich einen der aktuell undankbarsten Posten für sich gewinnen können, da die Pandemie die bereits seit Jahren und Jahrzehnten bestehenden Probleme für die breite Bevölkerung überdeutlich sichtbar gemacht hat. Die größte Herausforderung wird sicherlich sein, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, der sich durch die enorme Arbeitsbelastung durch Corona sicherlich nochmals verstärken wird.

Um die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern und eine bedarfsgerechte Personalbemessung zu gewährleisten, soll nun als Übergangslösung PPR 2.0 eingeführt werden, welche den pflegerischen Aufwand zeitlich abbilden soll, um auf deren Grundlage den Personalbedarf realistischer abzubilden. Der Versuch pflegerische Tätigkeiten einheitlich zu quantifizieren ist gewiss sinnvoll, um eine einheitliche Basis zu schaffen. Jedoch gibt der Koalitionsvertrag wenig Aufschluss über die Konsequenzen, die ein solches Instrument hätte.

Aussetzen der Personaluntergrenzen gefährdet Patienten

Ähnlich wie die PPUGV ist PPR 2.0 im Kern natürlich wichtiges Instrument, um eine qualitativ hochwertige Versorgung zu gewährleisten. Allerdings zeigt sich aktuell durch die Pandemie, was passieren kann, wenn ein solches Instrument nicht zu Ende gedacht wird. Nicht nur durch Corona haben viele Kliniken aktuell Probleme die PPUGV einzuhalten. Insbesondere Kinderkliniken, deren Betten in den vergangenen Jahren ohnehin schon immer weniger wurden, stehen durch die hohen Zahlen von Kindern, die im RS-Virus erkrankt sind, aktuell vor der Wahl entweder kranke Kinder abzuweisen oder Strafzahlungen wegen Verstoßes gegen die PPUGV in Kauf zu nehmen.

Entgegen vieler Meinungen, welche aktuell in den Medien zu sehen sind, halte ich eine erneute Aussetzung der Untergrenzen für das falsche Signal. Es gibt genügend Studien die einen Zusammenhang zwischen dem Verhältnis von Pflegekräften und zu betreuenden Patienten und erhöhter Letalität belegen. Oder weniger drastisch ausgedrückt: Ist es sinnvoll mehr Patienten in dem Wissen aufzunehmen, dass die Station eigentlich nicht ausreichend Fachpersonal hat, um diese bedarfsgerecht und qualitativ angemessen zu versorgen?

Lösungsansätze für mehr Fachpersonal fehlen nahezu komplett

In der akuten Phase der Pandemie bedarf es Instrumente, die mit dem aktuell vorhandenen Personal funktionieren, ohne dessen Arbeitsbelastung zu steigern. Viele Kliniken verschieben zu Zeit bereits elektive Eingriffe, um personelle Ressourcen für die Mehrbelastung durch Covid-19-Patienten freizusetzen, teilweise wohlwissend, dass es für die Klinik den finanziellen Ruin bedeuten kann. Ausreichende Kompensationszahlungen für ausgebliebene Operationen wären ein Mittel, um den Kliniken kurzfristig den finanziellen Druck zu nehmen.

Mittelfristig bedarf es einer Strategie, wie wir wieder deutlich mehr Menschen in die Pflegeberufe bekommen. Weder ein Coronabonus noch steuerfreie Zuschläge, wie im Koalitionsvertrag festgelegt, werden dies erreichen. Außer der Gewinnung von Pflegefachkräften aus dem Ausland bleibt leider auch dieser Koalitionsvertrag eine Antwort auf eine der drängendsten Fragen der Gesellschaft schuldig.

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